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Full text of "Der Radioaktive Kadaver"

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Poetische Aktion 



JuksFrantoisDupuzs 

Der radioaktive 
Kadaver 



Aus dem Franzosischen ubersetzt von 
Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstadt 



Publiziert bei 



Edition V^mtiks 



Editoren dieser Reihe: Geier Lust - Attila Eisenherz 
Das vorliegende Buch wurde nach der franzosischcn Originalaus- 
gabe, verlegt von Paul Vermont, unter dem Titel „Histoire desin- 
volte du surrealisme", Nonville 1977, ubersetzt. Diese deutsche 
Ausgabe erfolgte durch direkte Autorisierung des Autors. Das Ti- 
telblatt wurdc von Frank Witzel gestaltct. 



Deutsche Erstausgabe 

Edition Nautilus 

Verlag Lutz Schulenburg 

Hassestr. 22 - 2050 Hamburg 80 

1. Auflage 1979 

ISBN: 3921523^5-1 

Printed in Germany 



l.KAPITEL 



GESCHICHTE UND SURREALISMUS 



1. DIE KRISE DER KULTUR 

Getrennte Erkenntnis, Trennung der Kenntnisse und 
Kenntnis der Trennungen 

Der Surrealismus gehort zu einer der Endphasen der 
Krise der Kultur. 

Unter den einheitlichen Regimes — fur die das be- 
kannteste Beispiel die Monarchic von Gottes Gnaden 
ist — verdeckt die vereinheitlichende Macht des Mythos 
die Trennung zwischen Kultur und gesellschaftlichem 
Leben. Genau wie der Bauer, erleben der Bourgeois, die 
Besitzer der Macht und der Konig, der Kiinstler, der 
Schriftsteller, der Gelehrte und der Philosoph ihre Wi- 
derspriiche innerhalb einer hierarchischen Struktur, die 
vom Gipfel bis zum Grund das wesentlich unabanderli- 
che Werk eines Gottes ist. 

Je wichtiger die Handels- und Fabrikbourgeoisie 
wird, und je starker sie die menschlichen Beziehungen 
auf die rationelle Weise des Tausches, gemaft der meftba- 
ren Macht des Geldes und innerhalb der mechanischen 
Gewiftheit des Konkreten organisiert, desto schneller 
geht die Entheiligung vor sich und lost die bisher vor- 
handenen, idyllischen Beziehungen vom Herrn zum 
Sklaven auf. Die Wirklichkeit des Klassenkampfes 
kommt mit derselben Brutalitat wie der plotzlich in 
den Mittelpunkt aller Gedanken gestellte Wirtschafts- 
sektor an die Oberflache der Geschichte. 

Ist einmal der Staat von Gottes Gnaden liquidiert 
worden — dessen Form die Weiterentwicklung des 
Kapitalismus stort — , werden die Ausbeutung des Pro- 
letariats, der Prozeft des Kapitals und die Gesetze 
der sowohl Menschen wie auch Dinge unter ihre For- 
derungen beugenden Ware zu lastigen Wirklichkeiten, 
die sich nicht mehr in die Autoritat eines vorsehenden 
Gottes oder in die Verschmelzung in den Mythos ei- 

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ner transzendenten Ordnung einfiigen lassen. Zu Wirk- 
lichkeiten also, die die herrschende Klasse dcm Bewuftt- 
sein des Proletariats verheimlichen muft, wenn sie nicht 
durch die zweite rcvolutionare Welle weggefegt werden 
will, die schonungslos von den Enrages (1), den Ba- 
beuf-Anhangern (2) und einigen Volksaufstanden an- 
gekiindigt worden ist. 

Mit den Trummern des Mythos, die eigentlich Gottes 
Triimmer sind, bemiiht sich die Bourgeoisie darum, eine 
neue Einheit herzustellen, die iiber die Trennungen und 
Widerspriiche hinausgeht, die von den die Religion 
(im Sinne dessen, „was kollektiv mit Gott verbindet") 
entbehrenden Mcnschen in sich selbst und untereinander 
empfunden werden, indem sie diese durch die Kraft der 
Illusion lost. Nach dem gescheiterten Kult des Hochsten 
Wesens und der Gottin Vernunft stellt sich der Nationa- 
lismus. durch seine Variantcn vom Casarismus Buonapar- 
tes bis zu den verschiedenen Gattungen des nationalen 
Sozialismus hindurch als die zum Schutz des Staates (sei 
es des Privat- und Monopolkapitalismus oder des soziali- 
stischen Kapitalismus) notwendige und immer weniger 
ausreichende Ideologic heraus. 

Buonapartes Sturz setzt iibrigens jeder Hoffnung auf 
die Wiederherstellung eines einheitlichen Mythos ein 
Ende, der auf dem Reich, dem Waffenprestigc und der 
Mystik eines Territoriums'beruhen wiirde. Alle Ideolo- 
gien jedoch, die sich auf der Grundlage der Erinnerung 
an den Mythos Gottes oder der Widerspriiche der Bour- 
geoisie (Liberalismus), oder vom Ausgangspunkt der 
revolutionaren Theorien aus entwickelt haben (d.h. 
solche, die aus wirklichen Kampfen cntstanden sind und 
zu diesen mit einem Bewufttsein zuriickkehren, das 
zwangslaufig jeder Ideologic Feind ist, um die Entste- 
hung der klassenlosen Gesellschaft zu beschleunigen) 
haben einen gemeinsamen Aspekt: dieselbe Verheim- 
lichung, dieselbe Entstellung und dieselbe Verachtung 
oder Verkennung der wirklichen Bewegung, wie sie in 
der menschlichen Praxis zum Vorschein kommt. Das 
radikale Bewulstsein laftt sich unmoglich mit der Ideo- 
logic vereinigen, die keine andere Funktion hat, als es 
zu mystifizieren. Vor allem nimmt das empfindsame 
Bewufttsein des 18. Jahrhunderts den Schmerz der 
Trennungen, der Isoliertheit und der Entfremdung in 

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der Leere wahr, die durch das sich zuriickziehende 
gottliche Bewufstsein hinterlassen wird. Die Erniichte- 
rung, die als das Ende der Berauschung durch den ver- 
einheitlichenden Gott zu verstehen ist, begleitet also 
das Bewufttscin der ihrer transzendenten Losung beraub- 
ten Widerspriiche. 

In der Zersplitterung der Tatigkeitssektoren wird die 
Kultur — genau wie auch die okonomischen, sozialen 
und politischen Bereiche, zu einer getrennten Sphare, 
einem autonomen Bereich. Wiihrend die Herren iiber die 
Okonomie allmahlich fiir ihre Herrschaft iiber die ge- 
samte Gesellschaft sorgen, bleibt den Kiinstlern, Schrift- 
stellern und Denkern das Bewufstsein einer autonomen 
Kultur ubrig, zu deren Kolonisierung der okonomische 
Imperialismus lange Zeit brauchen wird und die sie zu 
einer Hochburg der Zweckfreiheit errichten, in der sie 
sich sowohl als Soldncr der herrschenden Ideen als auch 
als Aufstandische oder Revolutionare gebarden. 

Von ihrem unglucklichen Bewufstsein beherrscht und 
von den Finanz-, Handels- und Industrieleuten verach- 
tet werden dann die meisten Schopfer danach streben, 
aus der Kultur einen Ersatz fiir den Mythos zu machen, 
eine neue Totalitat, einc Statte, die im Gegcnsatz zu den 
materiellen Statten des Warenverkehrs und der Wa- 
renproduktion dem Heiligen zuriickgegeben wird. Da 
sie iiber ein Fragment herrschen, das sich nicht auf die 
Okonomie reduzieren laftt und vom Sozialen sowohl 
als auch vom Politischen getrennt ist, konnen sie selbst- 
verstandlich nicht den Anspruch darauf erheben, den 
einheitlichen Mythos wieder lebendig zu machen — sie 
reprasentieren ihn nur. Dabei unterscheiden sie sich 
also nicht von den bewufttesten Kopfen der biirgerli- 
chen Klasse, die versuchen, einen neuen Mythos zu 
schaffen und alle Statten wieder heilig zu sprechen, bei 
denen die Okonomie nicht direkt an die Oberflache 
kommt (so versucht man z.B. nicht, die Borse heilig 
zu sprechen, sondern stattdessen die Fabriken durch den 
Umweg iiber den Arbeitskult). Das „Spektakel" ist 
das, was vom Mythos ubriggebleiben ist, der zusammen 
mit der einheitlichen Gesellschaft verschwunden ist, 
eine idcologische Organisationsform, in der die Wirkun- 
gen der Geschichte auf die Menschen, die individuell 
und kollektiv auf die Geschichte wirken, sich spiegeln, 

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entarten und — als autonomes Leben des Nicht-Erleb- 
ten — in ihr Gegenteil verwandelt werden. 

Wer aufter Acht laftt, wie sehr die Kultur und die 
Organisation des Spektakels ineinandergreifen, kann un- 
moglich etwas vom Romantizismus wie auch vom Sur- 
realismus verstehen. All das Neue, das in diesen beiden 
Bewegungen gedacht wurde, ist urspriinglich durch die 
Ablehnung der Bourgeoisie, des Nutzbaren und Funk- 
tionellen gepragt worden. Es gibt in der erstcn Halfte 
des 19. Jahrhunderts keinen Kunstler, der nicht sein 
Werk auf die Verachtung der biirgerlichen Werte und des 
Warenwerts griindet (was ihn nicht daran hindert, sich 
wie ein Bourgeois zu verhalten und dort das Geld zu 
nehmen, wo es sich befindet — so z.B. Flaubert). Der 
Asthetizismus gilt als die Ideologic des Anti-Warenwerts, 
die die Welt ertraglich machen soil, und er besitzt also 
das Geheimnis eines gewissen Lebensstils, einer gewissen 
Aufwertung des Seins, die dem auf das Haben reduzier- 
ten Sein — dem des Kapitalisten — entgegengesetzt ist. 
So liefert die Kultur innerhalb des Spektakels Modclle 
von aufwertenden Rollen. In dem Mafte, wie das Okono- 
mische einen kulturellen Markt schafft, indem es Bii- 
cher, Bilder und Skulpturen in Waren verwandelt, wer- 
den die herrschenden Formen der Kultur immer abstrak- 
ter und rufen als Gegenschlage anti-kulturelle Reaktio- 
nen hervor. Je schwerwiegender die Okonomie wird 
und iiberall das Warensystem aufzwingt, desto heftigcr 
spurt die Bourgeoisie gleichzeitig das Bediirfnis danach, 
das Spektakel ihres idcologischen freien Marktes zu er- 
neuern, das die verstarkte und immer hef tiger vom Pro- 
letariat abgelehnte Ausbeutung verschleiern soil. Nach 
dem 2. Weltkrieg stellen der Verfall der grolsen Ideolo- 
gien und die Ausdehnung des Marktes (Bucher, Schall- 
platten und zu Kulturwaren gemachte Gadgets) die Kul- 
tur in den Vordergrund der Gedanken. Das um so mehr, 
als die Armut des Uberlebens dazu anregt, abstrakt nach 
Modellen zu leben, deren Fiktion (Vorherrschaft der Bil- 
der und sogar der stereotypen Bilder) fur alle eine starke 
Erneuerung braucht. Der Surrealismus wird die Kosten 
fur eine solche Rekuperation tragen, die er immer wie- 
der, wenn nicht von Herzen, so doch mit dem Geist ab- 
gelehnt hat. 

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Aber die Kultur ist kein Monolith, kcin kompaktes 
Gebiet. Als getrenntes Wissen zeugt sie auch von den 
Trennungen; sie ist die Statte der partiellen Kenntnisse, 
die im Namen des unrettbar verlorenen und doch immer 
wieder erstrebten alten Mythos als Absolutes auftreten. 
Und das Bewufttsein des Schopfers andert sich wie- 
derum in dem Mafte, wie (um 1850?) die Kultur zum 
Nebenmarkt wird und Prestige„einheiten" erzeugt, die 
innerhalb der spektakularen Organisation an die Stelle 
des Profits treten oder ihn vervollstandigen und auf 
jeden Fall mit ihm interferieren. 

Wenn der Schopfer die Kulturblase nicht platzen 
laftt, in der er sich meistens darauf beschrankt, sein 
eigenes Spiegelbild zu vervielfaltigen, lauft er Gefahr, 
sich in einen blofsen Produzenten von Kulturwaren 
oder in einen Beamten des ideologisch-asthetischen 
Spektakels verwandeln zu lassen. Als ein Mensch der 
Verweigerung durch den Verruf, in den die Geschafts- 
welt ihn bringt, ist cr auch leicht der des falschen Be- 
wufttseins. Auf den Vorwurf des Geschaftemachers, er 
,,stehe nicht auf dem Boden der Wirklichkeit", ant- 
wortet er mit der Parteinahme fur das Geistige. Auch 
dem Surrealismus haften immer noch die Spuren dieses 
absurden Streits zwischen dem merkantilen „Materia- 
lismus" und dem reaktionaren oder revolutionaren 
Gcist an. 

Den hellsichtigsten und empfindsamsten von ihnen 
passiert es jedoch, daft sie mit mehr oder weniger gros- 
ser Scharfe ihre Lage mit derjenigen des Proletariats 
identifizieren. Daher eine Tendenz, die diejenige der 
,,radikalen Asthetik" genannt werden kann (Nerval, 
Stendhal, Baudelaire, Keats, Byron, Novalis, Buchner, 
Forneret, Blake usw.), in der die Suche nach der neuen 
Einheit sich durch die symbolische Zerstorung der 
alten Welt ausdriickt, durch eine provokativ gcwahlte 
Zweckfreiheit und die Ablehnung der Warenlogik und 
des unmittelbar Konkreten, das diese kontrolliert und 
als einzig Konkretes bestirnmt. Hegel hat das histori- 
sche Bewulstsein einer solchen Haltung verkorpert. 

Ober einen anderen Umweg — iiber die als ,,radikale 
Ethik" verlangerte ,,radikale Asthetik" — entwickeln 
das Bewulstsein der Kultur als einer getrennten Sphare 
und das Bewufttsein des in der reinen Ohnmacht des 






Geistes entfremdeten Denkers oder Kiinstlers eine Ver- 
teidigung der Kreativitat als ciner Weise des authenti- 
schcn Daseins, die von der Kritik an dem Warensystem 
und dem (iberall von ihm aufgezwungenen Uberleben 
nicht zu trennen ist. Eine solche Stromung wird von 
Marx und Fourier vertreten. 

Schlieftlich gibt es eine Tendenz, die, ohne sich so 
deutlich wie Marx und Fourier auf die Geschichte zu 
stiirzen, die Liquidierung der Kultur als einer getrenn- 
ten Sphare durch die Verwirklichung der Kunst und der 
Philosophic im alltaglichen Leben als Prinzip aufstellt. 
Diese Linie geht von Meslier iiber Petrus Borel, H61- 
derlin, Lassailly, Coeurderoy, Dejaque und Lautreamont 
bis zu Sade und lauft von Ravachol bis zu Jules Bonnot. 
Diese Linie oder besser gesagt dieses Geflecht von Li- 
nien, die unerwartet theorctisch und praktisch mitein- 
ander in Verbindung treten, punktiert die ideale Karte 
der Radikalitat. Aus der Geschichte hervorgegangen 
kehrt sie oft gewaltsam zu ihr zuriick — aber ohne das 
klare Bewulstsein ihrer Macht iiber die Geschichte und 
die Kenntnis ihrer wirklichen Moglichkeiten. Im Jahr- 
zchnt 1915 —1925 konnten diese isolierten und stark 
nach Einheit strebenden, von der Energie der menschli- 
chen Emanzipation getragenen Stimmen mit Hilfe einer 
Rache der Geschichte an all ihren ideologischen Formen 
laut werden. 

Dada legt gleichzeitig das Bewufttsein vom Abbrok- 
keln der Ideologien und den Willcn an den Tag, diese 
zum Vorteil eines authentischen Lebens abzuschaffen. 
Aber der dadaistische Nihilismus will ein Experiment 
des absoluten und folglich abstrakten Bruchs sein. 
Er stiitzt sich nicht nur nicht auf die historischen Be- 
dingungen, die seine Entstehung eingeleitet haben, 
sondern trennt sich auch, indem er die Kultur entheiligt, 
sic als autonome Sphare lacherlich macht und mit ihren 
Fragmcnten spielt, von einer Tradition der Schopfer, 
die dasselbc Ziel der Zerstorung der Kunst und der Phi- 
losophic verfolgten; die es mit der Sorge darum verfol- 
gen, die als ideologische Formen und Kulturelemente 
liquidierte Kunst und Philosophic in das Leben aller 
Menschen zu reinvestieren und zu verwirklichcn. 

Nach Dadas Scheitern kniipft der Surrealismus mit 
dieser Tradition wieder an. Er nimmt sie wieder auf, als 

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ob Dada nicht existiert und das Sprengen der Kultur 
nicht stattgcfunden hatte. Er fuhrt die von de Sade bis 
Jarry gehegte Hoffnung fort, ohne einzusehen, daft die 
Aufhebung moglich geworden ist. Er sammelt die gros- 
sen Iloffnungen und macht sie zum Gemcingut, ohne 
zu entdecken, daft die Bedingungen zu ihrer Verwirk- 
lichung schon vorhanden sind. Dabei erneuert er das 
Spektakel, das der letzten Klasse — dem Proletariat als 
Trager der totalen Freiheit — die zu machende Geschichte 
verheimlicht. Sein Verdienst ist es, eine Schule fur alle 
gewesen zu sein, die die revolutionaren Denker popu- 
larisiert hat, statt die Revolution zu konstruieren. Der 
Surrealismus hat als erster verhindert, dais man in Frank- 
reich Marx und den Bolschewismus verwechselt, als er- 
ster hat er Lautreamont am Gewehrlauf gesehen und De 
Sades schwarze Fahne auf den christlichen Humanismus 
aufgepflanzt. Sein Scheitern ist rein genug gewesen, um 
ihm diesen Ruhm zu lassen. 



Dada und die Infragestellung der Kultur 

Dada entsteht an einer Wendung der Geschichte der 
Industriegesellschaft. Der Imperialismus und der Natio- 
nalismus als Ideologiemodelle, die die Menschen auf 
Staatsbiirger reduzieren, die im Namen des sie unter- 
driickenden Staatcs toten und getotet werden, heben 
den Abstand zwischen dem wirklichcn und iiberall vor- 
handenen Menschen und dem spektakularen Bild einer 
abstrakten Menschheit hervor, die sich zum Beispiel 
vom Standpunkt Frankreichs und Deutschlands aus 
strcng widerspricht. Die Organisation des Spektakels 
andererseits zieht, wahrend sie fur freiheitsliebende Gei- 
ster ihren Ubu-ahnlichsten(3) Reprasentationspunkt er- 
reicht, gleichzeitig fast all das zu sich heran, was die 
Kultur an Intellektuellen und Kunstlern hat. Dieser 
Prozeft lief ubrigens parallel mit dem Ubergang der offi- 
ziellcn Fiihrer des Proletariats ins Lager der Kriegs- 
hetzer. 

In den Jahren 1915 — 1918 griff Dada ein, um die my- 
stifizierende Macht der Kultur insgesamt zu verurtei- 
len. Im Gegensatz dazu — und nachdem Dada sich als 
unfahig erwiesen hatte, die Kunst und die Philosophic 

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zu verwirklichen, ein Projekt, das der Sieg der Spartaki- 
sten wohl begiinstigt hatte - wird der Surrealismus 
nur die Schlappheit der Intelligenz und das Beispiel 
der chauvinistischen Dummheit beriicksichtigen wollen, 
das jeder Intellektuelle, der stolz darauf ist, es zu sein, 
von Barres bis Montehus abgibt. 

In diesem Augenblick, als die Kultur und ihre Anhan- 
ger bewiesen, daft sie sich aktiv an der Organisation des 
Spektakels und der kollektiven Mystifizierung beteilig- 
ten, setzte sich der Surrealismus iiber die dadaistische 
Negativitat hinweg — der es iibrigens allzu schwer fid, 
ein positives Projekt zu griinden — und brachte den al- 
ten ideologischen Mechanismus wieder auf die Beine, 
der aus jeder partiellen Kritik von heute die offizielle 
Kultur von morgen macht. Erst der Pop 'art ist es gelun- 
gen, den spaten Dadaismus als ideologische Form der 
dadaistischen Radikalitat zu rekuperieren. Was die Re- 
operation betrifft, so wird der Surrealismus trotz alien 
Unwillens auf keine fremde Hilfe angewiesen sein. 

Das von dem Surrealismus aufrechterhaltene Unwis- 
sen um die Stromung der Auflosung der Kunst und der 
Philosophic ist genauso ein Jammer wie das von Dada 
aufrechterhaltene Unwissen um die andere Seite dersel- 
ben Bewegung: die Aufbebung. 

Die von Lautreamont demontierte poetische Sprache, 
die in einem entgegengesetzten und doch identischen 
Sinn von Hegel und Marx verurteilte Philosophic, die 
mit dem Impressionismus den Hohepunkt ihrer Ver- 
fliissigung erreichende Malerei, das mit ,,Ubu" den 
Punkt der parodistischen Selbstzerstorung entdecken- 
de Theater — all das sollte Dada kraftvoll vereinigen. 

Gibt es eine einleuchtendere Beweisfuhrung als Male- 
witsch' ,,Weiftes Viereck auf weiftem Grund", als das 
von Marcel Duchamp in der Ausstellung der Unabhan- 
gigen KQnstler unter der Bezeichnung , , Fontaine" gezeig- 
te Pissoir und als die ersten dadaistischen Collage-Ge- 
dichte, die aus aus Zeitungen ausgeschnittenen und aufs 
Geratewohl zusammengesetzten Worten gemacht wur- 
den! Cravan identifizierte die Tatigkeit des Kunstlers mit 
dem Stuhlgang und sogar Valcry sah das ein, was Joyce 
mit ,,Finnegans Wake" veranschaulichen wollte: daft es 
keine Romane mehr geben konnte. Satie setzte dem 
Witz der Musik den Schluftpunkt. Wahrend Dada iiber- 

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all die kulturelle Verschmutzung und das spektakulare 
Verfaulen denunzierte, erschien der Surrealismus mit 
seinem Projekt der grofien Reinigung und Regenerie- 
rung. 

Die kiinstlerische Produktion fangt dann gegen und 
ohne Dada — gegen und mit dem Surrealismus wieder 
an. Der surrealistische Reformismus weicht von den 
ausgetretenen Wegen des Reformismus ab, um seine 
neuen Wege — Bolschewismus, Trotzkismus, Gueva- 
rismus, Anarchismus - zu gehen. Genau wie der nicht 
zugrundegehende Okonomismus zur Krisenokonomie 
wird, wird die sich selbst iiberlebende Krise der Kultur 
zur Krisenkultur. So ist der Surrealismus die Inszenie- 
rung all dessen, was es in der kulturellen Vergangenheit 
an Verweigerung der Trennungen, Streben nach Auf- 
hebung und Kampfen gegen die Ideologien und die 
Organisation dcs Spektakels gibt. 



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2. DER BRUCH MIT DADA 

Zu welchem Zcitpunkt kommt der Surrealismus von 
Dada los? Diese Fragc beantworten heiftt, man nchme 
an, die Surrealisten seien verwandelte Dadaistcn und 
nichts ist weniger sicher. Wenn man namlich die An- 
fangswerke der ersten Vertreter des Surrealismus un- 
tersucht, so cntdeckt man zwar personliche und der 
herrschenden Tradition feindlich gesinnte Werke, die 
aber nur wenig durch Dadas zersetzenden Geist ge- 
pragt sind. 

Die guten Beziehungen zu Reverdy, dem Heraus- 
geber der Zeitschrift „Nord-Siid", die Gedichte Bre- 
tons, Perets, Eluards und Soupaults geben geniigend 
zu erkennen, wic sehr diese neuen Stimmcn an einer 
bestimmten Vorstellung der Literatur hangen. Von 
Dada kennen die ersten Surrealisten vor allem die 
versiilstc Pariser Version — Tzaras Narrenpossen, die 
Opposition gegeniiber Futurismus und Kubismus 
und einige personliche Fehden zwischen verschiede- 
nen Personlichkeitcn. Ihnen bleiben Grosz, Huelsen- 
beck, Schwitters, Ilausmann, Jung und sogar Picabia 
weitgehend unbekannt. 

1917 wird Apollinaires Theaterstiick „Les Ma- 
melles de Tiresias" (,,Tiresias' Zitzcn") als ,,surrea- 
listisch" bezeichnet. Das Wort wird 1920 noch ein- 
m-A von Paul Dermee in der Zeitschrift ,,L'Esprit 
nouveau" (,,Der ncue Geist") gebraucht und 1924 
von Yvan Goll als Titel fur eine Veroffentlichung 
gewahlt, die nur eine Nummcr haben wird. 

Schon von 1919 an bekam diescr Ausdruck einen 
weniger verschwommenen Inhalt. In diescm Jahr 
schreibt z. B. Aragon seine ersten automatischen Texte, 
wahrend Breton in ,, Entree des mediums" („Die Medien 
treten herein") versucht, einen Begriff zu umreifsen, 
den er erst im „ Ersten Manifest des Surrealismus" ge- 
nauer darlegen wird. Schon am Ausgangspunkt driickt 
der Begriff , .Surrealismus" eine neue Suche aus, er 
tragt schon das Gutezeichen eines neuen kulturellen 
Produkts und wird stark von der Sorge darum gepragt, 
sich scharf von den anderen Etiketten zu unterscheiden. 
Der Widerspruch zwischen der voluntaristischen Strenge 
und dem Kompromift, der durch die Riickkehr zur Kul- 

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tur urn eine objektive Aulserung ersucht wird, stellt 
einen der permanenten Zerreiftproben dar, die die 
surrealistische Gruppe immer wieder entzweien wird. 

Die 1919 gegriindete und ironisch ,,Litterature" ge- 
nannte Zeitschrift behalt anfangs noch manchen li- 
terarischen Aspekt bei und sogar den Stil einer tradi- 
tioncllen Zeitschrift. Dort geht das Projekt, eine neue 
Denk-, Gefiihls- und Lebensweise einzuleiten, die die- 
jenige einer neuen Welt ist, verloren und arbeitet sich 
gleichzeitig aus. In dem Ruckgang, der auf die dreifa- 
che Niederlage von Spartakus, Dada und der (durch 
den Bolschewismus rekuperierten) russischen Rate- 
revolution folgt, verspricht der Surrealismus und er 
halt sein Versprechen, das launische Bewufstsein einer 
Epoche ohne Bewufstsein zu sein, ein Irrlicht in 
der Nacht des Nationalsozialismus und des National- 
bolschcwismus. 

Im Inhaltsverzeichnis der ersten Nummer von ,,Litte- 
rature" waren die Namen von Valery, Gide, Fargue, 
Cendrars, Romains, Jacob, Auric und Milhaud zu finden. 
Der junge Breton bewundert Valery, Reverdy und Saint- 
Pol-Roux, dem er sein Leben lang treu bleiben wird. 
Genauso gebannt aber ist er von Arthur Cravan und 
Jacques Vache, diesen beiden Mustertypen des authen- 
tisch erlebten dadaistischen Nihilismus. Breton und 
der Surrealismus bilden sozusagen selbst das Resultat 
der beiden divergierenden Tendenzen. 

Breton lafst den Sinn eincs solchen Gedankengangs 
im folgcndcn Auszug aus dem ,,Zweiten Manifest des 
Surrealismus'-' (1930) erkennen: 

,,Trotz der verschiedenen Wege, die jeder von denen 
eingenommen hat, die sich auf den Surrealismus beru- 
fen haben oder sich auf ihn berufcn, wird man letzten 
Endes- zugeben miisscn, daft das hochste Streben des 
Surrealismus darin bestand, auf dem geistigen und mo- 
ralischen Gebiet eine Bewufttseinskrise allgemeinster 
und schwerwiegendster Art hervorzurufen, und daft 
man nur davon ausgehend, ob dieses Resultat erzielt 
worden ist oder nicht, tiber scincn geschichtlichen Er- 
folg oder Mifterfolg entscheiden kann". 

Aus der Beschrankung auf das „geistige und mora- 
lische Gebiet" laftt sich geniigend die Verbundenheit 
mit der Kultur als einer autonomen Sphare herauslc- 

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sen, wahrend die ,,Bewu(stseinskrise allgemeinster 
und schwerwiegendster Art" auf das hinweist, was der 
Surrealismus oberflachlich vom Geist Dadas behalten 
wird. 

Denn durch Dada wird die Sauberung der Zeitschrift 
,,Litterature" beschleunigt. Auf seine Veranlassung hin 
verwandeln sich die Literatenquerelen in die Aggressivi- 
tat gegen den Literaten selbst und finden bestimmte 
Feindseligkeiten — wie z. B. gegeniiber Max Jacob, 
Andre Gide und Jean Cocteau — eine berechtigte 
Grundlage in der Verachtung des Schreibens als eines 
Berufes. 

1920 wird die Nummer 13 der Zeitschrift „Litte- 
rature" dem dadaistischen Einflufs breit zuganglich ge- 
macht, indem sie 23 Manifeste der Dada-Bewegung ver- 
offentlicht. In der gleichen Zeit kiindigt sich aber der 
Bruch zwischen Andre Breton und Tristan Tzara an. 

Wenn Bretons Intelligenz und zuriickhaltende Beschei- 
denheit dem Surrealismus einen bedeutenden Teil seines 
Geistes verliehen haben, hat Dada, das revolutionare 
Theoretiker am notigsten gehabt hatte, durch einen un- 
gliicklichen umgekehrten Prozeft scheinbar viel an Reich- 
turn und Moglichkeiten eingebuftt, indem es unter 
Tzaras Fuchtel gcriet, bei dem die Gedankenarmut und 
Flachheit des Erfindungsvermogens grotesk mit der 
Neigung zum Prestige urid dem Willen verbunden sind, 
als Star aufzutreten. 

Was an kritischem Sinn und hellsichtiger Kampflust 
notig gewesen ware, um die Kunstler dazu zu bewegen, 
die Kunst aufzugeben und das alltagliche Leben als den 
Gegenstand des kollektiven revolutionaren Werkes zu 
verstehen — das fehlte Tzara. Die unentschlossenen 
Schopfer, die im Grunde genommcn fur den Reiz einer 
kimstlerischen Laufbahn empfanglicher waren, als sie 
glauben lassen wollten, fanden in der standigen Wie- 
derholung derselbcn, von Tzara inszenierten Spafte 
und in der ihnen von Dadas „Antikunstshow" ange- 
botenen Starrolle schnell einen Vorwand dafiir, mit 
der kulturellen Tatigkeit wiederanzukniipfen. Dabei 
schworen sie der dadaistischen Verachtung der Kunst 
nicht ab, sondern sie taten bloft so, als ob sie glauben 
wiirden, der Verruf sei nur partiell gewesen und 
wiirde sich nur auf die damals herrschenden Formen 

16 



der Literatur, des Denkens und der Kunst beziehen. 
Der Surrealismus schwebte schon in Dadas Versaum- 
nissen. 

Die Untersuchung in „Litterature" iiber die Frage 
,,Warum schreiben Sie?" besitzt nicht die Radikali- 
tat, die man ihr zunachst berechtigterweise zuerken- 
nen kann. Sicherlich laftt sie die allgemeine Vulgaritat 
der Absichten, den Phantasiemangcl der Romanschrei- 
ber, die Schwachsinnigkeit der Reimschmiede und das 
uniyersitare Denken offensichtlich zum Vorschein kom- 
men, sie bereitet aber auch die ,,Entdeckung" tiefgehen- 
der Griinde fiir eine neue Kunst des Schreibens, des 
Fiihlens, des Malens vor und bahnt einer Ausdruckswei- 
se den Weg, die sich als authentisch und total behaup- 
tet. 

Eine solche Ausdrucksweisc war schon experimentell 
vorhanden — wie Breton in seinen ,,Gespriichen mit 
Andre Parinaud" (1952) behauptet: 

,,1919 wurde meine Aufmerksamkeit auf die mehr 
oder weniger partiellen Satze gelenkt, die in volliger 
Einsamkeit bei herannahendem Schlaf fiir den Geist 
wahrnehmbar werden, ohne daft es moglich ist, ihre 
vorherige Bestimmung zu entdecken". 

Die praktischen Ergebnisse kommen in einem von 
Andre Breton und Philippe Soupault verfafsten Werk, 
„Les Champs magnetiques" („Die Magnetfelder"), 
zum Vorschein, das nach Diktat des Unbewufsten ge- 
schrieben worden war und die spatere experimentelle 
,, Schlaf reihe ankiindigte, in der Desnos, Peret und 
Crevel sich ohne Vermittlung des Bewulsten ausdriik- 
ken. 

Als Breton im Marz 1922 die Leitung derneuen Reihe 
der Zeitschrift ,,Litterature" ubernimmt und gleicher- 
mafsen den Dadaismus und die Literarische Fraktion 
(Gide, Valery und Konsorten) zuriickweist, besitzt er 
ein Ersatzprogramm, ein positives Projekt. 

Der Bruch mit Dada ist 1921 anla/slich einer offentli- 
chen Veranstaltung etwas weiter vorangekommen, die 
von Aragon und Breton initiiert wurde, und zwar , .Mau- 
rice Barres' Anklage und Verurteilung'S 

Barres war dieser zum Sanger eines schmalzigen Na- 
tionalismus gewordene literarische Anarchist des ,,Ich- 
Kults" — mit anderen Worten das perfekte Symbol fiir 

17 



diese Intelligent^ des ,,fin de si£cle", die sich der Poe- 
sie der Fanfare angeschlossen hatte und a contrario die 
Anhanger einer Kultur ohne ,,geistigen Blutfleck" 
rechtfertigte. 

Das Urteil wurde am 13. Mai gesprochen. Eine Kar- 
nevalpuppe stellte den Angeklagten dar; Vorsitzender 
war Breton, wahrend Ribemont-Dessaignes den Staats- 
anwalt spielte und Soupault und Aragon, die schon im 
voraus alle Griinde hatten, Barres zu lieben, fiir die 
Verteidigung sorgten. 

Nichts war unversucht gelassen worden, um eine 
gerichtliche Verfolgung zu veranlassen und einen Zu- 
sammenstofi herbeizufiihren, bei dem die revolutiona- 
ren Fraktionen die subversive Tatgikeit Dadas aner- 
kannt hatten. Dies war der Preis fiir die Rettung der Be- 
wegung. Benjamin Peret, der sein Leben lang von der 
gleichen unbeugsamen Radikalitat beseelt sein wird, war 
in der Rolle des „unbekannten Soldaten" dadurch sehr 
aufgef alien, daft er seine Zeugenaussage in deutscher 
Sprache vornahm. Ansonsten betonten alle Aussagen 
die dreckige Natur der alten Barres-Frontkampfer und 
all dessen, was mit dem nationalen Charakter verwandt 
war. 

Mit Recht hebt Victor Crastre in seinem Buch ,,Das 
Drama des Surreal ismus" den Mifterfolg des Barres-Pro- 
zesses hervor: 

,,Daft die Rechten gar nicht reagierten und die re- 
volutionaren Parteien schwiegen, liefert den Beweis 
fiir den Mifterfolg. Und gleichzeitig findet der Riickzug 
auf den Asthetizismus statt, der bei der am 6. Juni in 
der Galerie Montaigne eroffneten Dada-Ausstellung nur 
mittelmaftig triumphicrt, iiber die Breton schreiben 
wird: ,,Mir scheint, daft die Bestatigung einer ganzen 
Reihe von aufterst wertlosen „Dada"-Handlungen dabei 
ist, ernsthaft einen der Versuche zu kompromittieren, 
mit denen ich am meisten verbunden bleibe". Diese 
Verbundenhcit zwingt ihn zu dem Versuch, Dada von 
der Gefahr der Sterilitat zu erretten. Er faftt den Plan 
eines Kongresses, der die Situation klaren soil — es han- 
delt sich um den ,,Pariser Kongreft zur Bestimmung der 
Richtlinien und zur Verteidigung des modernen Gei- 
stes", ein anspruchsvolles Projekt, das fahig war, Poesie 
und Kunst wiedcr auf einen weniger sandigen Boden 

18 



zu stellen als den, in dem sie versanken. Es kam 
nicht zustande. Schriftsteller und Kiinstler hatten sich 
in der Dada-Bewegung und durch sie etwas bekannt ge- 
macht. Sie wollten diesen Ruf nicht in einem Abenteu- 
er kompromittieren, das ihnen als aussichtslos erschien, 
da sie gegeniiber diesem „Geist" nur Mifttrauen hegten, 
in dessen Namen der Kongreft gehalten werden sollte. 

Nach dem Mifterfolg beschranken Breton und seine 
Freunde ihre Anspruche. Sie erscheincn mehr darum be- 
miiht, in die Tiefc zu gehen, als ihre Bemuhungen aus- 
zudehnen. Sie verzichten auf jedes Biindnis. Die iibri- 
gens sehr kleine Gruppe beschrankt sich wieder auf 
sich selbst". 

Picabia, der koharenteste Nihilist in der dadaisti- 
schen Gruppe, hatte — das soil hervorgehoben werden 
— dem Kongreft- Projekt seine Unterstiitzung gewahrt. 
Tzara war unter dem Vorwand dagegen, dafs ein sol- 
ches Projekt etwas von einem konstruktiven Geist an 
sich hatte, wahrend Dada sich als reine Negation de- 
finieren liefte! 



19 



3. DIE SURREALISTISCHE SPEZIFITAT 

Wahrend der Auffiihrung von ,,Cocur a gaz"(4) 1923 
bittet Tzara die Polizei urn Hilfe und zeigt ihr die Un- 
ruhestifter an: Eluard, Breton und Peret. So war der 
Bruch vollendet. 

Um einen urspriinglich aus Breton, Aragon und Sou- 
pault bestehenden Kern versammeln sich jetzt oft ver- 
schiedenartige Personlichkeiten: Eluard, Peret, Desnos, 
Vitrac, Morise, Limbour, Delteil, Baron, Crevel, Man 
Ray, Duchamp und Ernst. Die Jahre 1924-1925 bil- 
den Angelpunkte. Vorher reifit sich der Surrealismus 
von einem Dada-Geist los, an den er sich nie riickhalt- 
los gebunden hatte-, danach sucht er nach einer Eini- 
gung mit den Kommunisten — von den etwas am Rand 
stehenden Leninisten um die Zeitschrift ,,Clarte" 
(„Klarheit") bis zu den Parteistalinisten. 

Eine Periode fruchtbarer Experimente bringt die Aus- 
arbeitung und die Veroffentlichung von Bretons ,, Mani- 
fest des Surrealismus" hervor, sowie die Herausgabe der 
Zeitschrift ,,La Revolution surrealists " (Die surreali- 
stische Revolution) und die Eroffnung eines ,,Buros 
fur die surrealistische Forschung". Die Traume, die au- 
tomatische Schrift, die Praxis von Freuds Theorie, 
die Erfindung von Spielen, das Umherschweifen und die 
zufalligen Begegnungen, die Experimente mit den Me- 
dien tragen zu einer Einheitlichkeit der gedanklichen 
Beschaftigungen bei, die ein scharfes Licht auf die 
menschlichen Moglichkeiten werfen. Obrigens kvindigt 
die erste Nummer der „Revolution surrealiste" feierlich 
an: „Man mu(s zu einer neuen Erklarung der Menschen- 
rechte kommen". 

Andre Masson, Mathias Lubeck, Georges Malkine, 
Pierre Naville, Raymond Queneau, Antonin Artaud, 
Jacques Prevert, Marcel Duhamel und Pierre Brasseur 
schlielsen sich der Gruppe an, wahrend eine von Marco 
Ristitch gefiihrte surrealistische Bewegung in Jugosla- 
wien auftaucht. 

Gleichzeitig rciht sich der Surrealismus in eine sorg- 
faltig bestimmte Tradition ein, die all diejenigen umfafk, 
deren Werk zu seiner Selbstaufhebung im Leben auffor- 
dert (Sade, Lautreamont, Fourier, Mtx usw.), sowie 
die groften Traumer (Nerval, Novalis, Achim von Arnim 

20 



usw.), die Alchimisten (Paracelsius, Basilius, Valentin 
usw.), die leidenschaftlichen, seltsamen, phantastischen 
Geistcr, die Poeten des schwarzen Humors — ein sich 
immer weiter bereicherndes Pantheon, das verandert 
werden kann (so wurde zum Beispiel Poe zunachst hin- 
eingenommen und dann wegen seines Beitrags zur Poli- 
zeiforschung wieder verjagt) . 

Vor allem macht sich die Gruppe die dadaistische 
Taktik des Skandals gegen die Vertreter dcr herrschen- 
den Kultur zu eigen. Mindestcns zwei von ihnen sollen 
die damalige offentliche Meinung erschiittern: das 
Pamphlet „Eine Leiche" zur Begriiftung des Begrabnis- 
ses von Anatole France und die Zwischenfallc beim 
Festessen zu Ehren von Saint-Pol-Roux. 

Dazu erklart Breton in seinen ,,Gesprachen": ,, France 
stellte das Urbild all dessen dar, was wir nur verabscheu- 
en konnten. Wenn es fur uns einen einzigen usurpierten 
Ruf unter alien gab, dann war es genau seiner. Wir waren 
vollig unempfindlich fur die angebliche Reinheit seines 
Stils und vor allem widerte uns sein allzu beriihmter 
Skeptizsimus an. Er war derjenige, der gesagt hatte, daft 
,,das Vokalsonett(5) Unsinn ist", obwohl seine Verse 
,,amusant" sind. Auf dem menschlichen Gebiet hielten 
wir seine Haltung fur die zweifelhafteste und verach- 
tenswerteste von alien — er hatte das Notwendige getan, 
um gleichzeitig das Lob der Rechten und der Linken 
zu erwerben. Er war vor lauter Ehrungen und Selbst- 
gefalligkeit usw. verdorben. Wir waren jeder Riicksicht 
enthoben. 

Dieser Luftballon hat sich seitdem so vollkommen 
entleert, daft man sich heute nur schwer die Wut vor- 
stellen kann, die diese vier Seitcn zum Ausbruch 
brachten, in denen Texte von Aragon, Delteil, Drieu 
la Rochelle, Eluard und mir zu lesen waren. Nach 
Camille Mauclair gehorten Aragon und ich zur ,,Gat- 
tung der Wiiteriche"; so rief er zum Beispiel aus: ,,Das 
sind keine Sitten mehr von Karrieremachern und Apa- 
chen, sondern von Schakalcn ..." Andere gingen noch 
weiter und forderten Strafmaftnahmen." 

1m Juli 1925 bietet ein Festessen zu Ehren von Saint- 
Pol-Roux, einem von Breton und mehreren Surreali- 
sten verehrten Dichter, die lebhaft gewiinschte Gelegen- 
heit, Schluft mit der literarischen Kanaillc zu machen. 

21 



Da der Botschafter Frankreichs, Paul Claudel, in einer 
italienischen Zeitung erklart hatte, der Surrealismus so- 
wie der Dadaismus hatten ,,einen einzigen Sinn — und 
zwar den homosexuellen", findet die Erwiderung in 
der Form eincs ,,Offenen Briefes" statt, der auf ochsen- 
blutfarbenem Papier gedruckt und in der ,,Closerie des 
Lilas"(6) unter jeden Teller geschoben wird. Bretons 
Bericht dariiber ist ziemlich bekannt: 

,,Man war dabei, einen ziemlich jammerlichen See- 
hecht in weifter Sauce aufzutischen, als mehrere von 
uns schon auf den Tischen standcn. Die Sache nahm 
eine endgiiltig schlimme Wendung, als drei von den 
Gasten weggingen, um kurz danach mit der Polizei 
zuruckzukommen. In der allgemeinen Verwirrung woll- 
te es aber der Humor, daft gerade die hochst erregte 
Rachilde( 7 ) festgenommen wurde." 

Bekanntlich entging Michel Leiris mit knapper Not 
dem Lynchen, als er vorbeidemonstrierenden alten 
Frontkampfern „Es lebe Deutschland! Es lebe China!" 
und ,,Es lebe Abd-el-Krim!" zugebriillt hatte. 

Der Anarcho-Dadaismus blieb lebendig. Auf dem 
Umschlag der ersten Nummer der ,, Revolution Surrea- 
liste" war zumBeispieleinBildder Anarchistin Germaine 
Berton umgeben von alien Mitglicdcrn der surrealisti- 
schen Gruppe zu sehen, was iibrigens viel mehr aus 
Provokation als aus Uberzeugung geschah, da weder 
Bonnot noch Ravachol zum surrealistischen Pantheon 
gehoren und — was schlimmer ist — Poincare^ 8 ) wird 
Mecislas Charrier^ 9 ) enthaupten lassen, ohne daft Breton 
und seine Freunde sich riihren. Dennoch werden dieser 
Garstoff der Revoke und diese richtige Art, den perma- 
nenten Skandal der herrschenden gesellschaftlichen 
Organisation zu denunzieren (die man noch einmal 
sehr deutlich in der Intervention fur Violette Nozieres 
finden kann), die besten Surrealisten daran hindern, 
den Traum einer globalen Revolution — wie konfus er 
auch gewesen sein mochte — auf die Mittelmaftigkeit 
des Bolschewismus zuriickzufuhren. Zusammen mit 
dem Kult der Leidenschaften und insbesondere der 
Licbe sollte dies die Bewegung gegen jede offensicht- 
liche Kompromittierung mit der Infamie schutzen. 

22 



(Das vorubergehende Einverstandnis mit dem Kron- 
stadt-Morder kann der Unkenntnis iiber die Rolle Trotz- 
kis im Jahre 1921 angerechnet werden.) 



23 



4. IM SCHATTEN DER KOMMUNISTISCHEN 
PARTEI 

Um 1924—1925 uberwiegt in der Bewegung die 
Meinung, es sei an der Zeit, der Kritik der Asthetik ihre 
politische Erganzung hinzuzufiigen. Es kommt zu Treffen 
zwischen den Surrealisten und den Mitgliedern der 
Gruppe „Clarte" — Crastre, Fourrier, Bernier — , die 
als Avantgarde-Intellektuelle dem Barbusse-Konformis- 
mus ( 1°) feindlich gesinnt sind und links von der kom- 
munistischen Partei stehen. 

Wenn nicht die Unterstiitzung der Partei, so doch ihre 
Gewogenheit zu erwerben, das hieft fur viele, endgiilti- 
gcr mit den Literaten zu brechen, als wenn sie weiter- 
hin die Rolle von Barbaren in der Kultur gespielt hatten 
mit dem Risiko, eines Tages dort ihre Macht auszuiiben 
und rekuperiert zu werden. Fiir sie und fur einige ande- 
re war das von der Rechten benutzte Bild des Bolschewi- 
ken mit dem Messer zwischen den Zahnen nicht ohne 
Reiz. Man wuftte nicht, daft an seiner Klinge das Blut 
der Machnowisten und der linken Opposition das der 
Weiften iiberdeckte und daft das Messer sehr bald vor allem 
zu stalinistischen Abrechnungen benutzt werden sollte. 

Nur der fiir das geringste Zeichen der Unterdriickung 
empfindliche Artaud nahm wissentlich Abstand. Je na- 
her seine Freunde „Clarte t ' kamen, desto mehr wich er 
zuriick, bis er ganz verschwand. Soupault, Vitrac, Baron 
und einige andcrc wahlten offen eine literarische Lauf- 
bahn: sie gingen durch die andere Tiir hinaus und Breton 
griiftte sie bei ihrem Fortgang im ,,Zweiten Manifest". 

1926 laftt der ohne Folgen gebliebene Entschluft, zu- 
sammen mit den ,,Clarte"-Mitarbeitern ein neues Organ, 
,,Der Biirgerkrieg", zu griinden, den Mifterfolg deutlich 
zum Vorschein kommen. Es ist zu spat, als daft die 
spezialisicrte Politik und die Spezialisierung der wieder- 
belebten Kunst sich vereinigen, um sich aufzulosen. 

Niemals ist aber die surrealistische Aktivitat so bedeu- 
tend gewesen wie gerade in dieser Zcit. Der surrealisti- 
sche Geist verbreitet sich auf internationaler Ebene. 
In Relgien bilden Rene Magritte, Paul Nouge und Louis 
Scutenaire eine Gruppe, in der der Erfindungsgeist, die 
Zwanglosigkeit und die Gewalt fiir einige Zeit die Ober- 

24 



hand gewinnen, bevor sie viel spater in einen humoristi- 
schen Wahnsinn voll stalinistischer Bekenntnisse urn- 
schlagen. 

Das Spiel des ,,Cadavre exquis" — eines Gedichts 
oder einer Zeichnung, die kollektiv von Teilnehmern 
hergestellt wird, die aufter der Verknupfnngsstelle 
nichts von dem wissen, was die anderen geschrieben 
oder dargestellt haben — entdeckt mit mehr Interesse 
fur die Sprache den Geist der dadaistischen Collagen 
wieder, die Idee einer von alien gemachten Poesie, den 
objektiven Zufall. Damit hat die surrealistische Neigung 
zum Spielerischen eine ihrer besten bedeutungsvollen 
Zerstreuungsformen gefunden. 

1927 tritt Andre Breton in die Kommunistische 
Partei ein. Er wird in die ,,Zelle der Gasangestellten" 
eingeteilt, in der er eine entwaffnende Bereitwilligkeit 
an den Tag legt, bis er eines damals nur noch lacher- 
lichen Biirokratismus uberdnissig wird, die Partei ver- 
laftt und seine Illusionen aufgibt. 

Auf der Seite Artauds, aber aufterhalb seines unmit- 
telbaren Einflusscs kommt eine Tendenz auf, die einen 
Aspekt des Surrealismus weiterentwickelt, der nach dem 
zweiten Weltkrieg iiberwiegen wird. 1928 erscheint die 
erste Nummer der Zeitschrift von Rene Daumal und 
Roger-Gilbert Lecomte, ,, Grand Jeu" (,,Das grofie 
Spiel"). War ein Biindnis moglich? Der Versuch fand 
statt — aber vergeblich. Daumal und Lecomte schatzten 
die von Breton verlangte Disziplin nur wenig. Aufterdem 
zeigten sie eine bestimmte Verachtung fur die Politik 
zu einer Zeit, in der die Surrealisten sich iibereilt politi- 
sierten, und auf diesen Vorwurf, der natiirlich nicht 
ausbleiben konnte, antworteten Daumal und Lecomte 
mit Warnungen vor der Rekuperationsgefahr des Sur- 
realismus. Zur Vereinigung regte ein gemeinsames In- 
teresse an, aber auf beiden Seiten war keine Leiden- 
schaft, die die Notwendigkeit hervorgehoben hatte. 
Schlielslich fand sich ein Vorwand zum gegenseitigen 
Abstandnchmcn: ein Mitglied des ,, Grand Jeu", Roger 
Vailland, hatte in einer Zeitung eine Apologie auf den 
Polizeiprafekten Chiappe geschrieben; dafur wurde er 
von Daumal und Lecomte schwach geriigt — Breton 
war es aber nicht gewohnt, den Mangel an heftigen 
Reaktionen bei so einem Verstoft zu dulden. Daumal 

25 



wird sich dann immer deutlicher Gurdijeff zuwendcn, 
und zwar soweit,dafter 193 3 mit Roger-Gilbert Lecomte 
bricht. 

Das „Zweite Manifest" sieht wie eine allgemeine Ab- 
rechnung aus. Ausgeschlossen werden Baron, Limbour, 
Masson, Vitrac, Desnos, Prevert, Queneau ... Besonders 
Artaud mu(s die Kosten fur die Operation tragen. Er 
hatte sich allerdings in Verruf gebracht, da er die Poli- 
zei gegen seine Freunde einschreiten lieft, als sic eine 
Vorfiihrung im Theater Alfred Jarry storen wollten. We- 
niger verstandlich ist dagegen, wie Breton sich mit Tzara 
versohnen konnte, der 1923 gleichfalls Breton und 
Eluard den Ordnungskraften angezeigt hatte. 

Bunuel, Dali und Char verstarken die Gruppe. In 
Prag setzt sich der Surrealismus mit Vitezlav Nezval, 
Jindrich Styrky, Karel Teigc und Toyen durch. Im 
selben Jahr begeht Jacques Rigaut Selbstmord, der wie 
Cravan und Vache ein lebendes Beispiel fur den dadai- 
stischen Nihilismus gewesen war. 

An der Front der Skandale geraten die Psychiater 
wegen der Aufrufe zum Mord in Wallung, die in Bre- 
tons „Nadja" cnthalten sind und sie personlich zum 
Ziel nehmen. Eine neue Zeitschrift wird mit der not- 
wendigen Aggressivitat herausgegeben, obwohl derTitel 
einen deutlichen Ruckschritt im Vergleich zum Projekt 
der „Revolut4on surrealiste" zum Ausdruck bringt. Mit 
einem Surrealismus, der im Schlepptau einer Revolution 
liegt, die selbst von der Lokomotive der kommunisti- 
schen Partei gezogen wird, sind die Wiirfel iiber die Poe- 
sie, sowie iiber die Revolutionare, gefallen. Gliicklicher- 
weise widerspricht der Inhalt dem Titel. So schreibt zum 
Beispiel Crevel in der 3. Nummer des „Surrc'alismc au 
service de la revolution" (,,Der Surrealismus im Dienst 
der Revolution") 1931 in einem I.agebcricht: 

,,Der Surrealismus — keine Schule, sondern eine 
Bcwegung — spricht also nicht ex cathedra, sondern er 
begibt sich an den Ort des Geschehens zu der auf die 
Revolution angewandten Kenntnis (durch einen poeti- 
schen Weg). Lautre'amont hatte gesagt: die Poesic mufs 
von alien gemacht werden, nicht von einem. Eluard hat 
dicscn Satz wie folgt kommentiert: die Poesie wird alle 
Menschen lautern. Alle Elfenbeinturme werden zertriim- 
mert." Und Crevel fahrt fort: ,,Indem er wie Marx und 

26 



Engcls — wenn auch auf anderen Wegen — von Hegel 
ausgegangen ist, geht der Surrealismus bis zum dialekti- 
schen Materialismus". 

Eigentlich wird Hegel, der von den Surreal isten spat 
entdeckt und vor allem schlechr in die Praxis umge- 
setzt wurdc, kaum nutzbar gemacht — nicht einmal, 
um vermeiden zu konnen, die Dialektik mit Maurice 
Thorez' Denken zu verwechseln. Die Lust zum Leben 
wird aber eine groftere Bedeutung haben und das Beste 
am surrealistischen Denken wird gewift in der Analyse 
erlebter Augenblicke bestehen, die die Dialektik besser 
als Hegels Zitate wiederentdecken und die Poesie besser 
als ein Gedicht hervorquellen lassen. 

Auf Bretons Schmahungen antworten die Ausge- 
schlossenen mit einem heftigen Pamphlet, „Eine Lei- 
che", das Ton und Titel der damals gegen Anatole 
France gerichteten Beschimpfungen ubernimmt. Die 
„Maldoror Bar", ein vorzeitiger Versuch der Warenre- 
kuperation, wird von Breton und seinen Freunden ver- 
wiistet. Ein Film von Bunuel und Dali, ,,Das goldene 
Zeitalter" bringt die alten Frontkampfer und die Rech- 
ten in Wut. Unter den durch die Wut inspirierten Bon- 
mots zieht Georges Sadouls Brief an den ,,Ersten" der 
Saint-Cyr-Schule* 11 ) Repressionsmaftnahmen gegen sei- 
nen Autor nach sich, wahrend der Kritiker der Zeitung 
,,Liberte" (,,Freiheit") verlangt, man solle Peret er- 
schiefsen, well er das „Leben des Morders Foch( 12 ) n mit 
einem unvergelslichen Ton der Abscheu geschrieben 
hat. 

Zur gleichen Zeit verfaftt Maurice Heine sein schoncs 
Vorwort zu De Sades ,, Justine". Er wird einen grdfteren 
Einfluft auf die Bewegung ausiiben als den, den man we- 
gen der ihm und seinen Freunden eigenen Zuriickhal- 
tung hatte glauben konnen. 

1931 nimmt das Kokettieren mit der Kommunisti- 
schen Partei eine militante Wendung. Die Surrealisten 
tretcn in den von der Partei kontrollierten Verein der 
Revolutionaren Schriftsteller und Kunstler (A.E.A.R.) 
ein. Ist es der Kraft eines Gegengewichts zu verdanken, 
wenn sich gleichzeitig die Forschungen iiberdie „magi- 
schen" Werke ausdehncn, denen Alberto Giacometti 
die Entdcckung seiner „Gegenstande mit symbolischer 
Funktion" beisteuert? Auf jeden Fall geben die Zusam- 

27 



menhange zwischen der Alchimie und dem Weg zur 
Schopfung neuer und heiligcr Rezichungen den Ton 
zum Nachdenken an, wahrend sich die ,,Affare Aragon" 
vorbereitet. 

Obwohl sie weder seinen Geist noch seine Form bil- 
ligen, setzen sich die Surrealisten fiir Aragons langes Ge- 
dicht „Front rouge" („Rotfront") ein, das dieser 
wahrend eines Aufenthaltes in der UdSSR geschrieben 
hatte. Die Verlegenheit, einen Verfasser rechtfertigen 
zu miissen, dessen Text schon die zukunftigen patrio- 
tischen Lieder andeutet, kommt in Bretons Veroffent- 
lichung ,,Misere de la poesie" (,,Das Elend der Poesie") 
zum Ausdruck. 

In der Zwischenzeit schickt Aragon sehr optimisti- 
sche Berichte aus Moskau uber eine Verstandigung mit 
den Kommunisten. Wahrend sein Reisegefahrte Sadoul 
nach Paris zuruckkommt, bleibt Aragon noch einige 
Tage in Briissel. Am besten lassen wir aber Breton 
selbst uber seine Unterredung mit Sadoul berichten: 

,,Ja, alles sei gut verlaufen, wohl waren die Ziele, die 
wir uns hatten setzen konnen, erreicht worden, aber ... 
es gab tatsachlich ein grofies „Aber". Eine oder zwei 
Stunden vor ihrer Abfahrt habe man ihnen eine Erkla- 
rung zur Unterzeichnung vorgelegt, die die Aufgabe, 
um nicht Verleugnung zu sagen, fast all der Positionen, 
auf denen- wir bisher gestanden haben, beinhaltcte: 
Lossagung vom ,,Zweiten Manifest", insofern — hier 
zitiere ich wortlich — es „dem dialektischen Materialis- 
mus widerspricht"; Denunzierung der Freudschen Lehre 
als einer „idealistischen Ideologic" und des Trotzkis- 
mus als einer ,,sozial-demokratischen und konterrevo- 
lutionaren Ideologic". Letztlich sollten sie sich dazu 
verpflichten, ihre literarische Tatigkeit ,,der Disziplin 
und der Kontrolle der kommunistischen Partei" zu 
unterstellen. — ,,Und nun"?, fragte ich briisk. Und als 
Sadoul schwieg: ,,ich vermute, ihr habt es abgelehnt?" — 
,,Nein", sagte er, ,, Aragon hat gemcint, man mufste sich 
fugen, wenn man — du so wie auch wir — in den Kultur- 
organisationen der Partei arbeiten konnen wollte". 
Zum ersten Mai habe ich gesehen, wie sich dieser Ab- 
grund vor meinen Augen auftat, der sich seitdem zu 
schwindelerregenden Ausmaften entwickelt hat, in dcm 
Malse, wie es der schamloscn Idee gelungen ist, sich 

28 



auszubreiten, nach der die Wahrheit vor der Wirksam- 
keit weichen muft, oder das Gewissen genauso wenig 
wie die individuelle Personlichkeit Anspruch auf irgend- 
welche Riicksicht hat, oder der Zweck die Mittel hei- 
Hgt". 

1932 schlieftt sich Aragon der kommunistischen Par- 
tei an. Im selben Jahr erscheinen Bretons ,,Kommuni- 
zierende Rohren" und einer der besten Texte Crevels, 
,,Diderots Cembalo". 

DER BRUCHMITDER SOGENANNTEN 
KOMMUNISTISCHEN PARTEI 

Wenn Breton sich auch durch Aragons Feigheit trau- 
rig beriihrt zeigt, reagieren seine emporten Freunde tra- 
ditionsgemaft. Mehrere von ihnen veroffentlichen dem 
,, Front rouge"-Verfasser feindlich gesinnte Texte. 
Besonders Eluard scheut sich nicht zu schreiben: ,,Die 
Inkoharenz wird zur Berechnung, die Gewandthcit zur 
Intrige, Aragon selbst wird zu einem anderen und sein 
Andenken kann nicht mehr an mir haften. Um mich 
davor zu schiitzen, habe ich einen Satz, der zwischen 
ihm und mir nicht mehr den Tauschwert besitzt, den ich 
ihm so lange zugemessen habe, einen Satz, der seinen 
ganzen Sinn behalt und fur ihn wie fur so viele andere 
ein Strafgericht iiber einen Gedanken ergehen laftt, der 
seines Ausdruckes unwiirdig gewordcn ist: „Alles Was- 
ser des Meeres wiirde nicht ausreichen, um einen geisti- 
gen Blutfleck auszuwaschen." (Lautre'amont). 

Eluard verstand sich darauf, vom Gehenkten zu spre- 
chen, wenn vom Strick die Rede war. Einige Jahre 
spater wird er Hand in Hand mit Aragon die Rolle ei- 
nes stalinistischen Modestars spielen, indem er munter 
Partei, Vaterland und Freiheit aufeinander reimt. Als 
Breton ihn 1950 beschwort, sich fur ihren ehemaligen, 
in Prag zum Tode verurteilten, gemeinsamen Freund 
Zavis Kalandra einzusetzen, erwidert Eluard, ohne je- 
doch seine Lieblingsmaxime zu zitieren: ,,Ich habe mit 
den Unschuldigen, die ihrc Unschuld laut verkiinden, zu 
viel zu tun, um mich mit den Schuldigen zu beschafti- 
gen, die ihre Schuld laut verkiinden". Kalandra wurde 
hingerichtet. 

29 



1933 wird Breton als erster aus dcr A.E.A.R. ausge- 
schlossen: „Als Grund fur den Ausschluft", erklarte er, 
„galt ein Brief von Ferdinand Alquie an mich, der in der 
5. Nummer des ,,Surrealisme au service de la revolution" 
abgedruckt worden war. In diesem iibrigens aufterst 
ergreifenden Brief voll libertarcm Geist wurden die staats- 
burgerlich-moralischen Auffassungcn, die in dem rus- 
sischen Film ,,Der Weg zum Leben" herrschten, scharf 
angegriffen. Unabhangig von den in diesem Brief zum 
Ausdruck kommenden Meinungen, von denen ich meh- 
rere nicht teilen konnte, schien mir die ihn durchzie- 
hende Intensitat des Lebens und der Revoke eine 
Veroffentlichung zu beanspruchen. Von dem von mir 
verlangten Widerruf konnte also nicht die Rede sein." 

Im folgenden Jahr tritt in Agypten eine surrealisti- 
sche Gruppe um Georges Henein nervor. In Briissel er- 
scheint eine Spezialnummer der Zeitschrift ,,Dokumen- 
te 34", die sich vor allem mit der ,,Surrealistischen In- 
tervention" beschaftigt und in der mehrere Texte durch 
ihrcn gewaltsamen Ton und ihre Deutlichkeit auffallen. 
Das Jahr 1934 wird aber vor allem durch die Huldigung 
an Violette Nozieres gekennzeichnet. In der jungen, 
zum Tode verurteilten Elternmorderin gruften die Sur- 
realisten das Symbol des aktiven Widerstandes gegen 
die Unterdriickung durch die Familie. Weniger ver- 
standlich aber ist, daft zu gleicher Zcit den beiden 
Sch western Papin, die auf ihre Art und Weise Swifts 
„Ratschlagc an die Hausangestellten" veranschaulicht 
hatten, indem sie ihre Herrin und deren Tochter ermor- 
deten, eine ahnliche Demonstration nicht zuteil gewor- 
den ist. Allerdings iiberstiirzten sich die politischen Er- 
cignisse. 

Die Beziehungen zwischen den Surrealisten und den 
Verantwortlichen innerhalb der kommunistischen Partei 
haben immer deutlicher an Feindseligkeit gewonnen. 
1935 kommt es wegen eines Zwischenfalls zum Bruch. 
Am Vorabend des stalinistisch gesteuerten Schriftstel- 
lerkongresses fur die Verteidigung der Kultur trifft 
Breton, zu dessen Zeugnis wir hier noch einmal greifen 
miissen, um 10 Uhr abends Ilja Ehrenburg auf dem 
Boulevard Montparnasse: 

,,Ich hatte eine bestimmte Stelle in seinem einige 
Monate vorher erschienenen Buch „uber die Arbeit ei- 

30 



nes Schriftstellers aus der UdSSR" nicht vergessen, 
in der unter anderem folgendes zu lesen war: ,,Die 
Surrealisten wollen zwar gerne etwas von Hegel, Marx 
und von der Revolution, eins lehnen sie aber ab — und 
zwar die Arbeit. Sie haben ihre eigenen Beschaftigun- 
gen. So crforschen sie zum Beispiel die Homosexuali- 
tat und die Traume... Der eine bemiiht sich darum, eine 
Erbschaft zu schlucken, der andere die Mitgift seiner 
Frail usw..." Nachdem ich meincn Namen genannt hat- 
te, ohrfeigte ich ihn mchrmals, wahrend er jammerlich 
zu verhandeln versuchte, ohne auch nur die Hand zu 
erheben, um sein Gesicht zu schiitzen. Ich wiiftte nicht, 
wie ich mich an diesem Berufsverleumder hatte anders 
revanchieren konnen ...". 

Nach aufreibenden Diskussionen mit den Organisa- 
toren begeht Crevel am Vorabcnd des Kongresses 
Selbstmord, damit Breton das Wort nicht entzogen 
wird. Seine Geste, sowie Antonin Artauds Solipsismus 
enthalten die unmittelbare, spontane und negative 
Antwort auf das Problem, das der Surrealismus von fal- 
schen Elementen ausgehend hatte: wie kann man 
auf der Grundlage autonomer Sektoren (die durch die 
Macht des spektakularen Warensystems schon objektiv 
als menschliche Werte zcrstort sind) und parzellierter 
Tatigkeiten (die aber zu Totalitaten erhoben — Kunst, 
Politik, das Denken, das Unbewufste, Oberleben usw. — 
und als positiv ausgegeben werden) zu einer Finheit 
des Individuums mit sich selbst und mit den anderen 
gelangen? Wie konnte der Surrealismus, da er das dada- 
istische Streben nach eincm Punkt der totalen Negativi- 
tat vernachlassigte, historisch seinen Willen zu einer 
Positivitat und einer globalen Aufhebung begrunden? 

Die Surrealisten denunzieren die Moskauer Prozesse. 
Sie nahern sich Georges Bataille, dessen Bewegung 
„Contre-Attaque" (,,Gegenangriff") eine ,,antifaschisti- 
sche Kampfvereinigung revolutioniirer Intellektueller" 
sein will. In Tokio griindet Yamanka eine Zeitschrift. 
In London organisiert Roland Penrose eine wichtige 
Ausstellung. Benjamin Perct veroffentlicht 'den Ge- 
dichtband „Je ne mange pas de ce pain-la" (,,Von die- 
sem Brot esse ich nicht"), in dem die Poesie wirklich 
nach ihrer Praxis sucht, indem sie zur Liquidierung der 

31 



Armee, der Polizei, der Priester, der Arbeitgeber, des 
Geldes, der Arbeit und aller anderen Verdummungs- 
krafte aufruft. Peret, der mutig zu seinen Stellungnah- 
men steht, meldet sich freiwillig an der Seite der Anar- 
chisten in der spanischen Revolution. Er wird der ein- 
zige Surrealist in diesem Kampf sein, den alle seine 
Freunde begeistert fur den ihrigen erklaren — aber aus 
der Feme. 

Die Beschaftigung mit der Malerei, die seit dem Bruch 
mit der kommunistischen Partei wieder in den Vorder- 
grund zu riicken scheint, verhindert nicht, daft weiter- 
hin die Linie des politischen kleineren Ubels verfolgt 
wird. Sie besteht zu dieser Zeit in einer Annaherung 
mit Trotzki und der IV. Internationale. In Mexiko 
veroffentlicht Breton zusammen mit Diego Rivera 
und dem Autor der „Verbrechen Stalins" das Manifest 
„Fur eine unabhangige revolutionare Kunst". Dali, 
dessen Spiel eines geborenen Schwachkopfes den 
Surrealisten schliefslich doch zuviel geworden ist, 
wird ausgeschlossen und er wird sich von nun an vor- 
behaltlos damit beschaftigen, aus dem Prinzip des 
Obskurantismus und den Symptomcn der dementia 
praecox eine Technik herauszuschalen, die die Avant- 
gardewerbung noch \ange benutzen wird. Trotz des 
anagrammatischen Spottnamens — ,,Avida Dollars" — , 
mit dem Breton ihn gebrandmarkt hat, hat er doch das 
Verdienst, Kunst und Ware offen zu identifizieren und 
ohne Scham und Scheu Geld, Vertragen und Ehrenbe- 
zeigungen nachzulaufen, was" Ernst, Miro, Picasso und 
all die Kunstler, wie groft auch immer ihr Talent sein 
mag, nur verschdmt tun. 

Breton versohnt sich mit Artaud und Prevert. Im 
Grunde genommen hatte nichts sie trennen miissen. 
Pre'vert und Peret schopften aus derselben Quelle, wah- 
rend Breton viele Ahnlichkeiten mit einem Artaud hat- 
te, der Herr iiber sich selbst geworden ware. Alle vier 
fuhren einen ununtcrbrochenen, harten Kampf gegen 
die surrealistische Ideologic und die zunehmende Reo- 
peration der Bewegung. 

Der SurreaJismus ist aber von seinem Ursprung her 
eine Ideologic und er ist von Anfang an dazu verurteilt, 
das Spiel des Neuen und des Alten von der Kultur zu 
spielen — es sci denn, daft zum Beispiel der gleichzeiti- 

32 



ge Sieg der spanischen Revolution iiber die Stalinisten 
und die Faschisten seine Berichtigung und Umgestal- 
tung in eine revolutionare Theorie moglich gemacht 
hatte. Indem er das aber ignorierte und sich weigert, 
es zu akzeptieren, klingt ihr Kampf wie ein glorreiches 
Lied der Niederlage. Artaud, Breton, Peret und Prevert 
bilden das letzte Viereck, das sich nie ergeben wird, da 
es nichts mehr zu verlieren hat. 

Im Gegensatz zu ihnen hat Salvador Dali den Sur- 
realismus als eine Ideologic mit voller Raumzeit akzep- 
tiert. Er schlieftt sich dem Faschismus, dem Katholi- 
zismus und Franco an, so wie Aragon sich dem Stali- 
nismus angeschlossen hat. Eluard wird dann denselben 
Weg einschlagen. 

„Nachdem ich in Mexiko erfahren hatte", sagt Breton 
in seinen „Gesprachen", ,,daft Gedichte von Eluard ge- 
rade in der Zeitschrift , , Commune", dem Organ des 
„Hauses der Kultur", erschienen waren, hatte ich mich 
naturlich beeilt, ihn brieflich iiber das fruhere unquali- 
fizierte Betragen dieser Organisation mir gegeniiber 
aufzuklaren, und ich zweifelte nicht daran, daft er so- 
fort wieder von ihr Abstand nehmen wiirde. Ich hatte 
aber keine Antwort von ihm bekommen und war bei 
meiner Riickfahrt bestiirzt, als er vorgab, eine solche 
Mitarbeit setze keine Solidaritat seinerseits voraus und 
er sei zu der Uberzeugung gekommen, daft ein Gedicht 
von ihm sich durch die ihm innewohnende Qualitat 
iiberall durchsetzen konne, so daft er in den letzten Mo- 
naten genauso gern wie an „Commune" an faschisti- 
schen Veroffentlichungen — das waren seine eigenen 
Worte — in Deutschland und Italien mitgearbeitet habe. 
Ich beschrankte mich darauf, ihn darauf aufmerksam 
zu machen, daft eine solche Haltung die Denunzierung 
jeglichen fruheren Einverstandnisses zwischen uns nach 
sich zog und jede neue Begegnung unnotig machte." 

1940 deuten der Tod von Klee, Maurice Heine und 
Saint Pol-Roux, die zwar keine Mitglieder der surrea- 
listischen Bewegung gewesen waren, sie aber stark be- 
einfluftt hatten, das Ende der groften Periode an. Weder 
Breton noch Peret haben ihr letztes Wort gesagt, sie wer- 
den aber allein — oder fast allein — sein, um den Sur- 
realismus von Hand weiterzufuhren. Im Sommer 1941 
reist Breton nach New-York, wohin Ernst und Masson 

33 



ihm nachkommen. Peret hat Mexiko gewahlt. 

In den Vereinigten Staaten ist nur die Avida Dollars- 
Version des Surrealismus bekannt. Mit Marcel Duchamps 
Hilfe gelingt es Breton, die Zeitschrift ,,VVV" heraus- 
zugeben, in der er das ,, Prolegomena zu einem dritten 
Manifest des Surrealismus oder nicht" veroffentlicht. 

DIE NACHKRIEGSZEIT 

Nach 1945 erlischt der Surrealismus allmahlich. Er 
iiberlebt sich selbst, ohne sich zu reinigen. Er begibt 
sich noch entschlossener auf den mystisch-alchimisti- 
schen Weg, wahrend seine politischen Interventionen 
zunehmend durch Verwirrung und Schwachsinnigkeit 
gepragt sind. 1946 protestiert er in dem Flugblatt „Frei- 
heit — ein vietnamesisches Wort" gegen die franzosische 
Repression in Vietnam. ,,Eroffnungsbruch" greift den 
Stalinismus an, aber 1956 bringen die Surrealisten ihre 
Hoffnung zum Ausdruck, daft nach dem 20. Kongrcft 
der russischen KP und Cruschtschows Rede die Partei- 
kader erneuert werden; nachdem sie diese guten Rat- 
schlage erteilt haben, bleibt ihnen nur iibrig, mit ,,Un- 
garn, einer aufgehenden Sonne" die ungarische Revo- 
lution zu begriiften. 

1960 ergreifen einige von ihnen die Initiative zu der 
,,Erklarung iiber das Recht auf Dienstverweigerung im 
algerischen Krieg" — der sogenannten ,,Erklarung der 
121". 1968 aber spendete all das, was sich weiter sur- 
realistisch nannte, Kuba Beifall! 

Zwischendurch arbeiten die Surrealisten mit den 
Anarchisten der ,, Monde libertaire" zusammen und 
schlieften sich eine Zeitlang der „Weltbiirger"bewegung 
von Garry Davis an. 

Vor dem Kricg war die Zeitschrift „Minotaure" das 
letzte Garungszentrum fur surrealistische Ideen. ,,Neon" 
(1948-1949), „Medium" (1953-1954), ,,Le Surrea- 
lismus meme" (,,Der Surrealismus selbst") (1958— 
1959), ,,La Breche" (1961), ,, Brief", ,,L'Archibras" 
legen immer unerbittlicher von dem Verfall der Bewe- 
gung Zcugnis ab. 

Dagegen erscheinen wichtigc Texte, die durch das 
Modeinteresse fiir die bedauernswurdigen Platthcitcn 
von Sartre, Camus und Gestalten wie Exupe'ry argerlicher- 

34 



weise in den Schatten gestellt wurden: Bretons ,,Antho- 
logie des schwarzen Humors", die 1940 durch die Zen- 
sur der Vichy-Regierung verboten wurde, und „Die 
Schande der Poeten", wo Peret Aragon, Eluard und den 
anderen patriotischen Dichtern gehorig seine Meinung 
sagt; „ Arcane 17", eine lyrische Betrachtung von Breton 
iiber die Sensibilitat, die Liebe und die Poesie, und seine 
sehr schone ,,Ode an Charles Fourier" (1947), sowie 
, .Flagrant delit" (,,Auf frischer Tat"), in der er dieMy- 
stifikation von Rimbaud zugeschriebenen Gedichten 
entlarvt und dabei die Schwachsinnigkeit der Literatur- 
kritik betont und Maurice Nadeau, den Verfasser einer 
„Geschichte des Surrealismus" lacherlich macht; Perets 
,,Anthologie der erhabenen Liebe", ein erstaunliches, 
vielfaltiges Feuerwerk der Sprache; Julien Gracqs und 
Maurice Foures Romane; Malcolm de Chazals Buch iiber 
den „Plastischen Sinn" und die von Jean Markale und 
Lancelot Lengyel unternommenen Forschungen der 
Kunst der Kelten. 

Aufser solchen personlichen Werkcn scheint der Sur- 
realismus sich mit der Wiederholung, der Nachahmung 
der Meister und den traurigen gegenseitigen Lobreden 
abzufinden. Viele gewohnen sich an die herrschende 
Inkoharenz. Einige schweigen, wahrend andere lieber 
den Weg Rene' Crevels begehen. Tatsachlich ist das 
Ende des Surrealismus, der letzten Bewegung, die ehr- 
lich an die Reinheit der Kunst innerhalb des Warensy- 
stems geglaubt hat, voller Selbstmordfalle: der Maler 
Ashile Gorky (1949), der Maler Oscar Dominquez (1958), 
der Dichter Jean-Pierre Duprey (1959) und der Maler 
Wolfgang Paalen (1959), ohne von Karel Teige zu spre- 
chen, der sich in Prag das Leben nahm, um seiner Fest- 
nahme durch die Polizei zu entgehen. 

Am 7. Juni 1947 hatte ein Flugblatt der revolutio- 
naren Surrealisten, der Gruppe der belgischen Dissiden- 
ten, die ubrigen Mitglieder der Bewegung ganz richtig 
gewarnt. Dort erklarten Paul Bourgoignie, Achille Chavee, 
Christian Dotremont, Marcel Havrenne, Rene Magritte, 
Marcel Marien, Paul Nouge und Louis Scutenaire: 

„Eigentiimer, Gauner, Druiden, Stutzer, ihr habt 
noch nicht genug getan: Wir wollen dem Surrealismus 
immer noch unseren Versuch anschlieften, die Welt und 
die Begierde in dieselbe Richtung zu bringen (...). Zuerst 

35 



soil er von den Ruhmreichen nicht mehr als Fahne, von 
den Schlauen nicht mehr als Sprungbrett, von den Wahr- 
sagerinnen nicht mehr als Orakelstuhl benutzt werden, 
er wird nicht mehr der Stein der Weisen fur die Gedan- 
kenlosen, eine Schleuder fur die Scheuen, das Karten- 
spiel der Faulen, die Hirnkanalisation der Unfahigen, der 
Schlaganfall der „Dichter" oder das Glas Wein der Lite- 
raten sein." 

Dann aber erklarten die Unterzeichner, um das ganze 
Ausmaft ihres Protestes deutliGh zu machen und das 
Lacherliche noch mehr zu enthiillen, das von nun an 
dem untergehenden Surrealismus anhaften sollte, daft 
sie der kommunistischen Partei ihr voiles Vertrauen 
schenken wollten! 



36 



II. Kapitel 
DAS LEBEN ANDERN 

1. DIE ABLEHNUNG DES UBERLEBENS 

Bezeichnenderweise beginnt das „Erste Manifest des 
Surrealismus" damit, diese Lebensweise in Frage zu stel- 
len, die „das Uberleben" genannt wurde, um sie von 
dem aufregendcn und vielseitigen Leben zu unterschei- 
den: 

,,Der Glaube geht so lange zum Leben, dem Zerbrech- 
lichsten im Leben, im wirklichen Leben, versteht sich, 
bis er verlorengeht. Der Mensch, dieser entschiedene 
Trimmer, von Tag zu Tag unzufriedener mit seinem Los, 
vermag kaum die Dinge ganz zu begreifen, zu deren Ge- 
brauch cr gelante, und die er seiner Lassigkeit oder Be- 
miihung, fast immer seiner Bemuhung, verdankt, denn er 
hat eingewiiligt zu arbeiten, zumindest hat er sich nicht 
gestraubt, sein Gliick zu versuchen (das, was er sein Gluck 
nennt!). Eine grofte Bescheidenhcit ist nun sein Los: er 
weift, welche Frauen er gehabt hat, auf welche lacherli- 
chen Abenteuer er sich eingelassen hat; sein Reich turn 
oder seine Armut sind ihm nichts, in dieser Hinsicht 
bleibt er ein neugeborenes Kind und was die Zustim- 
mung seines Gewissens angeht, so gebe ich zu, daft er 
sehr gut ohne sie auskommt." 

Diesem von Breton aufgenommenen Tatbestand einer 
unertraglichen Mittelmaftigkeit fehlt nur die Anwesen- 
heit der Geschichte. Gewifs deutet die Sehnsucht nach 
einem „Herrenleben", die in dem surrealistischen Traum 
umgeht, auf den groften Mythos der einheitlichen Epo- 
chen hin, durch den das individuclle Abenteuer, und wa- 
re es auch nur dasjenige des bescheidensten aller Men- 
schen, unlosbar mit dem Kosmos verbunden wurde in ei- 
nem ganzen Netz fiktiver Wirklichkeiten und wirklicher 
Fiktionen, in dem jedes Ereignis in einer magischen 
Stimmung als Zeichen gait, in der die Worte und die Ge- 
sten geheimnisvolle Strdme der geistigen Elektrizitat 
auslosten. Dem Surrealismus ist es nie gelungen, den Zu- 
sammenbruch des Mythos und dessen Rekuperation als 

37 



Spektakel durch die Bourgeoisie zu analysieren. Er be- 
gniigt sich damit, am Ende des Weges das Getrampel der 
Wut und der Ungeduld zu regis trieren, wo von der Ro- 
mantik bis zu Dada die Feindseligkeit der schopferi- 
schen Menschen gegenuber der erdriickenden Vereini- 
gung eines leblosen Geistes und eines geistlosen Lebens 
unter dem Druck des Warensy stems zum Ausdruck ge- 
bracht wurde. 

Auf die romantische Revoke von Shelley bis Karl 
Sand und Lacenaire waren der aggressive Asthetizismus 
von Villiers de L 'Isle-Adam und der Sturz in den Sym- 
bolismus und den Manierismus der Dekadenz und des To- 
des gefolgt, was auf die Theaterbiihne ubertragen wurde. 
Die blutige Posse in den Jahren 1914-1918 sollt e der 
schaurigen Bildkunst von Rollinat und Huysmans einen 
wirklichen Inhalt verleihen, auch der barocken Szenerie, 
die die Neigung zu einem raffinierten Leben auf wider- 
spriichliche Weise zum Ausdruck brachte. Der Nationa- 
lismus hatte es geschafft, den traurigen Festen des En- 
des des Jahrhunderts die Apotheose einer grofsen Todes- 
feier zu verleihen. Einige Millionen Leichen erweckten 
wieder die Lebenslust. Und als das Proletariat durch die 
Bewegung der Rate und Spartakus im Namen der Ge- 
schichte von neuem das Wort ergriff, war die groftte 
Hoffnung auf die Moglichkeit eines radikal anderen Le- 
bens berechtigt wie auf die einzigenBedingungen, die es 
einfuhren konnen — die Liquidierung des Warensystems 
und der christlich-burgerlichen Zivilisation. 

Auf diesem Gebiet hatte sich Dada nicht getauscht 
und einige Dadaisten noch weniger als andere. Breton 
tauscht sich genauso wenig, als er 1922 in der 5. Num- 
mer der Zeitschrift „Litterature" schreibt: „Hatte seine 
Kraft nicht versagt, so begehrte Dada nur — darin soil 
man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen — alles von 
Grund auf zu zerstoren." Noch weniger als Dada aber 
wird der Surrealismus es verstchen, zu welchem Ausmafi 
und auf welche Art und Weise die Kieler Matrosen, die 
Spartakus-Arbeiter und die Mitglieder der ersten russi- 
schen Rate genau das Projekt in die Praxis umsetzen. 

Nach der Niederwerfung der Revolution von Berlin 
bis Kronstadt iiber La Courtine 1 ^ und die ukrainische 
Ebene bleibt Dada die einzige Bewegung, um auf zu- 
glcich konfuse und. deutliche Weise die globale Zersto- 

38 



rung der Kunst, der Philosophie und der Kultur als ge- 
trennte Sektoren zu verlangen, sowie deren Verwirkli- 
chung in einem einheitlichen sozialen Leben. In dem 
ganzen schlechten Gewissen des surrealistischen Refor- 
mismus findet man die Spuren des zuriickhaltend ver- 
leugneten und verdrangt akzeptierten globalen revolutio- 
naren Projekts. 

So mag Breton in der 4. Nummer der ,, Revolution 
surrealiste" verkunden.- „Esgibt kein Kunstwerk, das ge- 
geniiber unserem volligen Primitivismus standhalten 
kann" und Aragon in dem Pamphlet „Eine Leiche" von 
„der elenden kleinen revolutionaren Aktivitat" sprechen, 
,,die in unserem Osten im Laufe dieser letzten J ah re 
stattgefunden hat". Trotz ihrer Richtigkeit ist die erste 
Aufterung noch die eines Ahnungslosen und die zweite 
schon die eines Schwachkopfes — die Folgezeit wird ge- 
niigend zeigen, daft es sich dabei nur um Worte ohne 
praktische Konsequenz handelte. Der Dada-Geist lebt 
als verbale Form fort, wahrend ihm der Surrealismus ei- 
nen anderen Inhalt unterschiebt. 

Die Triibseligkeit des alltaglichen Lebens ist aber doch 
der Steigbugel, der es dem Surrealismus ermoglicht, die 
grofien Rennpferde des Traumes zu besteigen. Sie dient 
nicht als Hintergrund fur Flucht und Geheimnis, wie ei- 
nige stalinistische Denker behaupten. Ganz im Gegenteil 
ist sie das Zentrum der Verzweiflung, aus dem jedeHoff- 
nung wiederentsteht — aber auf dem Umweg der Kul- 
tur. 

Von den groften Zeugen des Leidens am Leben sind 
zwei gestorben: Cravan und Vache. Der erste ist an ei- 
nem sturmischen Abend in der Bucht von Mexiko in See 
gestochen, wahrend der andere, der von der Front ge- 
schrieben hatte: „Es wiirde mich anoden, so jung zu 
sterbcn", sich in Nantes, kaum ist der Krieg zu Ende, 
das Leben nimmt. Spater sind es Jacques Rigaut, Ray- 
mond Roussel und von den Surrealisten Rene Crevel. 
Crevel, der wie Artaud von dem Obergewicht des Nicht- 
Lebens iiber die gesamten menschlichen Beschaftigun- 
gen betroffen war und in einem Text iiber Paul Klee fol- 
genden Ausspruch schrieb, den der Surrealismus zu sei- 
nem Nutzen hatte weiterentwickeln sollen: ,,Wir mogen 
weder den Spargel der Armen noch den Lauch der Rei- 
chen." 

39 



Das Uberleben als Mangel an echtem Leben und als 
unmittelbar wahrgenommene Wirklichkeit findet in 
Dada einen Spiegel, der „die Schmach noch schmachvol- 
ler macht", und im Selbstmord die negativ zum Aus- 
druck kommende Denunzierung seiner Todeslogik. 

Im Surrealismus, der als Ideologic eine statische Auf- 
fassung ist und auf die Geschichte nur mit dem Gewicht, 
das diese ihr verleiht, einen Druck ausiibt, (im Gegensatz 
zu der revolutionaren Theorie, die aus der Geschichte 
hervorgeht und zu ihr zuriickkommt, um deren Bewe- 
gung zu beschleunigen), bilden das Uberleben, der 
Selbstmord und der Tod einen Ausgangspunkt, den das 
Leben in einem absoluten Abstand verneinen muS, be- 
vor es zu ihm zuriickkehrt, um es zu verandern. Das ist 
die Metaphysik, aus der die Surrcalisten sich herauszu- 
arbeiten versuchen werden, indem sie auf das schlechte 
Pferd des Bolschewismus setzen. 

Deshalb ist die erste Nummer der ..Revolution surrea- 
liste" voll von Zeitungsausschnitten tiber Selbstmord. 
Bei der Umfragc: „Warum begeht man Selbstmord?" ist 
Antonin Artauds Anwort zweifellos beispielhaft: 

„Ich leide entsetzlich am Leben. Es gibt keinen Zu- 
stand, den ich nicht erreichen konnte. Ganz sicher bin 
ich auch seit langem tot, ich habe schon Selbstmord be- 
gangen. Das heiftt — man hat mich geselbstmordet. Was 
wiirden Sie aber von einem vorherigen Selbstmord hal- 
ten, der Sie kehrtmachen lassen wiirde — aber auf der 
anderen Seite des Lebens und nicht auf der des Todes?" 

Artauds Lebensweg ist deutlich vorgezeichnet. In dem 
Nihilismus, den Dada nicht erreichen konnte, aber als 
Grundlage zum Wiederaufbau des Ichs, des Lebens und 
der gesellschaftlichen Organisation wiinschte, wahlt Ar- 
taud die Ruckkehr zur Auflosung des Ichs in die geistige 
Totalitat. Der Nachkriegssurrealismus wird einer solchen 
Stellungnahme naherkommen und damit zu seinem Aus- 
gangspunkt zuruckkehren, indem er ihn transzendiert, 
aber Artauds Hellsichtigkeit und das von ihm erlebte 
Drama vermeidet. Wenige Surrealisten werden so mutig 
und bewufit wie er ihre eigene Entfremdung wahrneh- 
men: ,,Ich bin ungliicklich wie ein Mensch, der das Be- 
ste an sich selbst verloren hat", sowie ihre eigene Zer- 
splitterung: ,,Ich will kein Getauschter mehr sein (...) 
Als Tote sind die anderen nicht von sich selbst getrennt. 

40 



Sie gehen immer noch um ihre Leichen herum. Ich bin 
nicht tot, aber ich bin von mir selbst getrennt." 

1924 ist fur Artaud die von dem Surrealismus mit so 
grofter Leidenschaft aufrechterhaltene Hoffnungauf eine 
klassenlose Gesellschaft und das Reich der Freiheit schon 
verlorengegangen. Als die Enthullung des Stalinismus ih- 
re Wirkung auf das Herz Bretons und seiner Freunde trii- 
ben, macht sich der Surrealismus Artauds Schluftfolge- 
rung intellektuell zu eigen, seinen Entschluft, das Drama 
der alltaglichen Entfremdung als die kosmische Tragodie 
des Geistes zu erlebcn. 

Immerhin ist 1924 der Surrealismus noch nicht so 
weit. Die Umfrage iiber den Selbstmord stellt auch das 
Problem des Lebens. An die Voraussetzung eines mogli- 
chen Todes kniipfen alle Moglichkeiten der Freiheit und 
alle Freiheiten des Moglichen an. Ubrigens kommentiert 
Breton die Umfrage wie folgt: „Wie trocken erscheincn 
all diese gewandten, literarischen oder possenhaften 
Antworten und woher kommt es, daft in ihnen nichts 
Menschliches anklingt? Sich das Leben nehmen — ha- 
ben Sie nicht erwogen, was in einem solchen Ausdruck 
an Wut und Erfahrung, an Ekel und Leidenschaft steckt?" 

In der Unmenschlichkeit des Oberlebens entdecktc 
der Surrealismus auch das Zeichen der alten Welt und ih- 
rer Strukturen der Unterdriickung. Wenn ihm auch viel 
an Urteilsfahigkeit iiber die Weiterentwicklung des Wa- 
renfetischismus gefehlt hat, so muft zu seiner Wiirdigung 
gesagt werden, daft er nur sehr selten gegen die revolu- 
tionary Ethik der Freiheit verstoften hat, um hier einen 
Lieblingsausdruck Bretons zu gebrauchen. Er hat die 
Unterdriickung fast ununterbrochen denunziert und der 
gewaltsame Ton erzwingt die Sympathie. 

Doch werden sich diese jungen Manner, die sich als 
Theoretiker und Praktiker der Revolution des alltagli- 
chen Lebens hatten behaupten musscn, damit bcgniigen, 
deren Kunstler zu sein, indem sie gegen die biirgerliche 
Gesellschaft scharmiitzeln, als ob es der kommunisti- 
schen Partei zustande, die Offensive zu ergreifcn. So 
laftt sich erklaren, dais wichtige Ziele ohne die tiefe 
Uberzeugung angestrebt werden, durch die. sie der Wut 
des Proletariats in den zu zerstorenden Unterdriickungs- 
sektoren gezeigt werden sollten, und daft die Pulverschif- 
fe, die man auslaufen laftt, als Feuerwerke enden. 

41 



So leidet zum Beispiel der vom Bolschewismus schon 
aufgegebene Kampf gegen das Christentum an einer sol- 
chen Bescheidenheit. Abgesehen von den harmlosen Bil- 
dern — Clovis Trouilles und Max Ernsts Heiliger Jung- 
frau, die das Jesuskind mit dem Ileiligenschein auf den 
Hintern schlagt, hutet sich die surrealistische Malerei be- 
flissentlich davor, sich mit diesem Thema zu beschafti- 
gen. 

Ein fiir allemal antwortet Artaud den Christen, die 
ihn durch einen dieser Wunder annektieren mochten, die 
sie ausgezeichnet verstehen, indem er eindeutig erklart: 
„Ich scheifte auf die christlichen Tugenden und auf das, 
was diese bei Buddhas und Lamas ersetzt" („Zank zwi- 
schen Rotz und Gott"). Peret, der immer dem Bild von 
ihm treu bleibt, das in der ,, Revolution surrealiste" un- 
ter dem Titcl ,,Unser Mitarbeiter Benjamin Peret be- 
schimpft einen Prieser" veroffentlicht wurde, befreit die 
moderne Poesie von ihrem langweiligen Gelaute und 
gibt den Worten die versprochene Aktion zuriick: 

,,Kardinal Mercier vor einigen Tagen habe ich dich ge- 

sehen 

Wie du einem von Hostien (iberquellenden Mulleimer 
ahnlich auf einem Polizisten geritten bist 

Kardinal Mercier du riechst nach Gott wie der Vieh- 
stall nach Mist und der Mist nach Jesus 

..." 

(„Der Kardinal Mercier ist gestorben") 
Oder noch wie zum Beispiel in ,,Das Gesetz Paul Bon- 
cour": 

,,... Dann werden die Menschen, die die Senatoren wie 

Hundekot zertreten, 

sich in die Augen sehen 

wie Berge lachen 

und die Pfaffen zwingen, die letzten Generate mit ih- 

ren Kreuzen zu toten 

und sie werden die Pfaffen mit den Fahnen 

schlagen und wie ein Amen massakrieren." 

In „Die unmittelbare Aktion" entwerfen Magritte, 
Mesens, Nouge, Scutenaire und Souris ein praktisches 
Programm: 

„Wir sind iiberzeugt, daft das, was gegen die Religion 
gemacht wurde, nahezu wirkungslos geblieben ist und 
daft neue Aktionsmittel ins Auge gefaftt werden miissen. 

42 



Zur Zeit sind es die Surrealisten, die zu einer solchen 
Arbeit am besten geeignet sind. Um keine Zeit zu verlie- 
ren, muft man auf den Kopf zielen — die schandliche Ge- 
schichte der Religionen verbreiten, jungen Pfaffen das 
Leben unmoglich machen, zum Verruf der Miftliebigkeit 
aller Organisationen und Sekten wie die ,,Heilsarmee", 
die Evangelisten usw. beitragen, indem man sie durch all 
die Mittel lacherlich macht, die die Phantasie erlaubt. 
Stellen Sie sich nur vor, wie berauschcnd es ware, dem 
besten Teil der Jugend eine gut vorbereitete und syste- 
matische Storung der heiligen Gottesdienste, Taufen, 
Konfirmationen, Beerdigungsfeiern usw. vorschlagen zu 
konnen. An die Stelle der Kreuze, denen man am Stras- 
senrand begegnet, konnte man auch Bilder setzen, die 
zur Liebe einladen, oder Texte zur poetischen Lobprei- 
sung der umliegenden Natur, besonders wenn sie reizlos 
ist." 

In einem Artikel, der 1934 in intervention surreali- 
ste" veroffentlicht und mit dem man sich auf skandalose 
Weise nicht weiter beschaftigen wollte, gibt Pierre Yo- 
yotte den Ton fur eine Diskussion an, die zu einer groft- 
angelcgten Aktion hatte fiihren sollen: ,,Offiziell haben 
die Kommunisten die Entdeckung der Psychoanalyse 
immer wieder mit einem aulserst unklugen Milstrauen 
behandelt, die es ihnen ermoglicht hatte, die Gefvihls- 
prozesse von Familic, Religion, Vaterland usw. mit vol- 
liger Sachkenntnis zu bekampfen." 

Ohne ganz dem Ernst dieses Projekts zu entsprechen, 
liefert Rene Crevel in seinem Buch „Diderots Cembalo" 
eine kostliche psychoanalytische Erklarung fur , Jesus" 
(Familie und Komplexe, Familie von Komplexcn, Fa- 
milienkomplex): 

,, Jesus, der masochistische Weichling, der die andere 
Wange reicht, nachdem er auf die erste geohrfeigt wor- 
den ist, war nicht einer von denen, die sich mit der ein- 
fachen Riickkehr in den Mutterleib zufrieden geben. 

Er mufste bis ins Innerste der Geschlechtsorgane des 
Erzeugers zuriickgehen, ein Teil davon werden - sagen 
wir die rechte Hode — , da die Dreieinigkeit, was ihr Aus- 
sehen betrifft, als die dreiteilige Gesamtheit eines mann- 
lichen Geschlechts interpretiert werden soil - eine Ba- 
nane und zwei Mandarinen, da der orientalische Stil nur 
Vergleiche mit Obst erlaubt (...) 

43 



Vor der masochistischen Apotheose war es zwar zu 
einigen Vergniigungen gekommen, was die Franzosen 
Tandelei vor der Tiir nennen — die Taufschakerei mit 
Johannes dem Taufer, die kleine, duftende intime Toi- 
lette mit den Handen der Heiligen Frauen und vor allem 
das heilige Abendmahl mit dem Brot (man weift ja, was 
der lange Brotlaib darstellen kann, sowie man weift, daft 
die Maler, die so viele beruhmte Bilder nach diesem 
Abendmahl gemalt haben, niemals gespaltene Brotchen 
auf den Tisch gestellt haben, die wiederum symbolisch 
fiir das wcibliche Geschlecht sind). (...) 

Zenturionen wie schone Jiinglinge mit ihren in golde- 
ne Gamaschen eng eingewickelten Waden erschienen um 
so nackter, wenn das Knie hervortrat. (...) 

Jesus, gebuckt unter dem Kreuz und gekleidet in ein 
sehr elegantes weift es Gewand, bot vom Aufbruch an 
das Riickgrat: Von der Minute an, als Pilatus seine Han- 
de in Unschuld gewaschen hatte, war der sexuelle Sym- 
bolismus deutlich geworden. Jesus fiel und stand wie- 
der auf, das heiftt, er hatte einen Orgasmus gehabt, er 
war wieder bereit, einen Orgasmus zu haben, er hatte 
unter der Geiftel der Athleten mit dem suggestiven Kleid 
noch einmal einen Orgasmus gehabt. 

Nun, genau wie die junge Braut in ihrer Angst vor der 
Wollust „Mutti" raft, so ricf cr ununterbrochen nach 
seinem Vater. (...*) Dann aber gab's den mit Essig ge- 
trankten Schwamm, das heiftt die Verachtung des schon- 
sten der Landsknechte gegeniiber diesem Lumpen, der 
sein Lumpen sein wo lite. So wird der Legionar, der es 
nicht verfehlte, unter den am Fuft des Kreuzes zusam- 
mengedrangten Huren Maria-Magdalenas erfahrene Hiif- 
ten zu erkennen, Jesus nicht mit der geringsten Prostata- 
ausscheidung beehren. Er begnugt sich damit, ihm in den 
Mund zu pinkeln. 

Dann endet die Ausschweifung zu dritt. Zwischen den 
beiden Schachern — den beiden Kastanien (die saftigen 
gottlichen Orangen sind so verschrumpft und verdorrt, 
daft sie nur noch armselige Kastanien sind) — ist Christus 
nur noch der Schatten eines jammerlichen Lockenwick- 
lers." 

Um schlicftlich die hauptsachlichen kritischen und 
praktischen Richtlinien zu nennen, die der Surrealismus 
in seiner revolutionaren Spezifitat weiterentwickeln 

44 



konnte und die man fast nur als Entwiirfe wiederfindet, 
lohnt es sich, folgenden beispielhaften Bewcis fur die Be- 
liebtheit der antichristlichen Gesinnung im Volk zu fiih- 
ren: nachdem die „Humanite"( 14 ) daruber berichtet hat- 
te, wie dank einigen mutigen jungen Leuten eine bren- 
nende Kirche gerettet werden konnte, schickte ein Leser 
als Protest einen Brief, den „Le Surrealisme au service 
de la revolution" in ihrer 2. Nummer veroffentlichte: 

„Liebe Genossen! Es tut mir leid um den Berichter- 
statter, der sagen kann, daft es dank dem Mut einiger 
jungen Leute gelungen ist, cin Gebaude zu schutzen, 
das schon seit langer Zeit zerf alien sein sollte." 

Gleich nach dem Christentum — und abgesehen vom 
Kapitalismus, gegen den die Surrealisten Lenins Argu- 
ments ubernehmen — wird die Familie am meisten ver- 
abscheut. Der Prozels gegen Violette Nozieres, die ihren 
Vater ermordet hatte, der Lokfiihrer des Zuges des Pra- 
sidenten der Republik war und sie hatte vergewaltigen 
wollen, bot die sehnlichst herbeigewunschte Gelegen- 
heit. Der jungen Vatermdrderin widmete Eluard einige 
seiner aufrichtigsten Verse: 

,, Violette traumt davon den Knoten zu losen 

Hat gelost 

Den scheufslichen Schlangenknoten der Bande des 

Blutes." 

Ein anderes Symbol, das Benjamin Peret nicht zu 
griilsen versaumt, ist „Der Tod der Mutter Cognacq" ( 15 ) : 

,,Sie ist leider verreckt die alte Cognacq 

wie Frankreich ist sie verreckt 

Aus ihrem weidengriinen Wanst 

entspringen kinderreiche Familien 

die fur jedes Kind 

eine Feuerschaufel bekamen 

Keine alte Cognacq mehr 

keine Kinder mehr, die nach achtzehn anderen 

zu Ostern oder zu Weihnachten kommen 

und in den Familienkochtopf pinkeln 

Sie ist verreckt die alte Cognacq 

tanzen wir tanzen wir 

um ihr mit einem Scheifthaufen geTtrontes Grab her- 

um." 

Peret legt immer noch die grofite Begeisterung in den 
Ausdruck seiner Verachtung fur das Vaterland, Frank- 

45 



reich, die gallische Gemeinheit, die Bullen und die Ar- 
mee. Man konnte ihn unermtidlich zitieren: 

„Endlich spritzte dieses schlecht gekochte Sperma 
mit einem Olive'nzweig im Arsch aus dem miitterlichen 

Puff." („Der verreckte Briand") 

,,Es zittern die Ohren der Kiihe 

— man singt die Marseillaise 

Los Kinder des Kotkiibels 

unsere Rotznase in Poincares Ohr putzen." 

(„Die Stabilisierung des Franc") 

Und vor allem aus diesen beiden Klassikern: ,,Der hel- 
denhafte Tod des Leutnants Condamine de la Tour": 

,,Verfaule Condamine de la Tour 

Aus deinen Augen macht der Papst zwei Hostien 

fur deinen marokkanischen Feldwebel 

und aus deinem Schwanz wird sein Feldherrnstab 

Verfaule Condamine de la Tour 

Verfaule du Aas ohne Knochen." 

Und aus der „Grabschrift auf einem Kriegsdenkmal 
fur die Gefallenen, die Peret an einen Wettbewcrb der 
Academie Francaise schickte: 

,,Der General hat uns gesagt 

mit dem Finger im Arschloch 

Hier 

ist der Feind Geht 

Es war furs Vaterland 

So sind wir gegangen 

mit dem Finger im Arschloch..." 

Keimartig sind bci Breton die zerstreuten Elemente 
einer libertaren Theorie vorhanden. Das in einer Fuftno- 
te zum ,,Ersten Manifest" aufgeworfene Problem hatte 
den Stoff fiir eine Diskussion geben konnen: 

,,Einige Vorbehalte gestatte man mir hinsichtlich der 
Verantwortlichkeit im allgemeinen und der gerichtsme- 
dizinischen Ansichten zu machen, welche den Grad der 
Verantwortlichkeit eines Individuums bestimmen: volli- 
ge Verantwortlichkeit, Unverantwortlichkeit, begrenzte 
Verantwortlichkeit (sic) — so schwer es mir fallt, das 
Prinzip einer Schuldhaftigkeit uberhaupt anzuerkennen, 
ich wiilste gem, welches Urteil man fiir die ersten straf- 
baren Handlungen mit unzweifelhaft surrealistischem 
Charakter finden wird. Wird der Angeklagte freigespro- 
chen werden oder wird man ihm nur mildcrnde Umstan- 

46 



de zugestehen? Es ist schade, daft die Vergehen der Pres- 
se kaum mehr verfolgt werden, sonst wiirden wir bald ei- 
nem Prozeft dieser Art beiwohnen: Der Angeklagte hat 
ein Buch veroffentlicht, das die offentliche Moral belei- 
digt; auf Anklage einiger seiner „ehrenhaftesten" Mit- 
bvirger hin wird er ebenfalls wegen Verleumdung ange- 
klagt; eine ganze Reihe anderer, schwer belastender An- 
klagen sind wegen ihm erhoben worden, wic Beleidigung 
der Armee, Aufforderung zum Mord, zur Vergewalti- 
gung usw. Der Angeklagte geht iibrigens sogleich einig 
mit der Anklage, um die meisten der vorgebrachten 
Ideen zu „brandmarken". Zu seiner Verteidigung be- 
schrankt er sich darauf zu versichern, daft er sich nicht 
fur den Alitor seines Buches halt, insofern als dieses nur 
als surrealistische Produktion betrachtet werden konne, 
was jede Frage des Verdienstes oder Nicht-Verdienstes 
dessen, der dafiir zeichnet, ausschlieftt; daft er nichts ge- 
tan hat, als eine Schrift zu kopieren, ohne seine Meinung 
auszudriicken und daft der Text ihm mindestens so fern 
steht wie dem Herrn Vorsitzenden. 

Was fiir eine Buchveroffentlichung stimmt, wird fur 
Tausende von Handlungen stimmen, wenn die surrealisti- 
schen Methoden erst einmal beginnen, auf etwas Wohl- 
wollen zu stoften. Eine neue Moral wird dann an die 
Stelle der bisherigen Moral treten miissen, die der Grund 
aller unserer Obel ist." 

Was hatte man nicht alles aus diesem letzten Absatz 
herausziehen konnen! Jede gesetzlich bestrafte Hand- 
lung surrealistisch zu nennen, hatte in einem ersten Stad- 
ium die allgemeine Entfremdung betont, die Tatsache, 
daft niemand er selbst ist, sondern vor allem dem un- 
menschlichen Teil gehorcht, den die Konditionierung 
durch den Staat undihreMechanismenin jeden einfiihrt. 
Dann war es leicht, zwischen den Handlungen, die vom 
Standpunkt der Gesetze aus „strafbar" und gerade der 
Logik des Todes, der von der Macht aufgezwungenen 
Unmenschlichkeit zuzuschreiben sind, und denen, die 
im Gegenteil aus einer Reaktion des Willens zum Leben 
entstehen, zu unterscheiden. Es ist erstaunlich, daft 
die Erinnerung an den folgenden, befuhmten Satz Bre- 
ton in Verlegenheit bringen kann: 

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht da- 
rin, mit Revolvern in den Fausten auf die Straften zu ge- 

47 



hen und blindlings soviel wie moglich in die Menge zu 
schieften. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust 
gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden 
System der Erniedrigung aufzuraumen — der gehort ein- 
deutig selbst in diese Menge und hat den Wanst standig 
in Schufshohe." 

Das geniigte, um zu erklaren, daft eine solche Hand- 
lung nichts anderes bewirkt hatte, als offenkundig und 
vor aller Augen die Logik eines sozio-dkonomischen Sy- 
stems zu entblofsen, das den Menschen totet, indem es 
ihn zum Zustand eines Gegenstandes reduziert. Nicht 
nur ist der Verbrecher unverantwortlich, sondern die 
hierarchisierte soziale Organisation mit ihren Lakaien — 
den Justizbeamten-Bullen-Bossen-Chefs und Pfaffen — 
tragt die Schuld an all den Handlungen, die sie straft. 
Breton entgeht aber dieser Sinn des Negativen und er be- 
greift folglich ebensowenig dessen Posivitat. Trotzdem 
entgeht ihm nicht der mogliche Punkt der Aufhebung 
und er schreibt deutlicher weiter: 

„Die Berechtigung zu einer solchen Handlung ist mei- 
nes Erachtens keineswegs unvereinbar mit dem Glauben 
an jenen Schimmer, den der Surrealismus in unserem 
tiefsten Innern zu entdecken sucht. Ich habe hier nur 
der menschlichen Verzweiflung Raum schaffen wollen, 
denn diesseits von ihr vermag nichts diesen Glauben zu 
rechtfertigen: tmmoglich, diesem seine Zustimmung zu 
geben und nicht ihr. Wer von sich behauptet, diesem 
Glauben zu leben, ohne dabei diese Verzweiflung wahr- 
haft zu teilen, wurde sich in den Augen der Wissenden 
sehr bald als Feind entlarven." (Zweites Manifest.) 

Wenn es also stimmt, dais die aufierste Verzweiflung 
zur unbegrenzten Hoffnung anregen kann, so muls auch 
das Gebiet des konkreten Kampfes beleuchtet werden. 
Hat man einmal die Verzweiflung erreicht, die innerhalb 
der in der Macht mitenthaltenen Logik des Todes dazu 
fiihrt, in die Menge zu schielsen, so ist nur eine Art der 
Aufhebung moglich — die Liquidierung der Macht im 
Namen einer Dialektik des Lebens und all ihrer Hoff- 
nungen. In diesem Augenblick hatte der Surrealismus als 
der Spiegel der Macht des Todes einen Anti-Surrealismus 
griinden miissen — mit anderen Worten ein revolutiona- 
res surrealistisches Projekt,dasdenKampfgegen alle Un- 
terdriickungsformen und die Verteidigung jedes positi- 

48 



ven Funkens im alltaglichen Leben in derselben Praxis 
vereinigt hatte. 

Von einem solchen Projekt, das die Situationisten 
schon in den sechziger Jahren entwickeln werden, gibt 
es bei den Surrealisten nur hier und da einen Schimmer, 
der ihren Mangel an Koharenz durch den lyrischen Ton 
illusorisch vereinheitlicht: 

„Vor deinem Geschlecht bcfliigelt wie eine Katakom- 

benblume 

Wissen wohl Studenten Greise verkommene Journali- 
sten falsche Revolutionare Priester Richter 

Schlotterige Anwalte 

Daft jede Hierarchie dort endet." 

(Breton: „Huldigung an Violette Nozieres") 

Welcher Meinung man auch immer dariiber sein mag, 
die Poesie als Aufforderung zur Praxis und hier als Be- 
wegung zur Liquidierung der biirgerlichen Ordnung geht 
in Bretons Angriff gegen die Psychiater weiter: 

„Ich weift, wenn ich wahnsinnig ware, bemitzte ich 
nach ein paar Tagen Internierung ein Nachlassen meines 
Deliriums dazu, kaltbliitig irgendeinen, der mir unter die 
Hande kame, vorzugsweise den Arzt, umzubringen. Ich 
wiirde dabei wenigstens, wie die Tobsuchtigen, den Vor- 
teil einer Einzelzelle erlangen. Vielleicht liefse man mich 
in Ruhe." 



49 



2. DIE FRAGMENTE EINES PROJEKTES ZUR 
EMANZIPATION DES MENSCHEN 

Der Mangel an einer koharenten und globalen negati- 
ven Kritik verurteilt jeden Versuch einer totalen Revolu- 
tion des alltaglichen Lebens zum Mifterfolg und zur Zer- 
stiickelung. Noch mehr — der Mangel an Theorie und 
Praxis fuhrt zur ideologischen Abstraktion des authenti- 
schen Befreiungsverlangens, das doch als illusorischer 
Wille zur Aufhebung auf dem zweideutigen Gebiet der 
Sprache weiter zur Erscheinung kommt. 

So kann man die Spur einer Theorie der leidenschaft- 
lichen Momente in dem Bemiihen finden, im Erlebten 
das zu umfassen, was es an Auftergewohnlichem und Be- 
unruhigendem anzubieten hat. ,,Ich erwahne die nichti- 
gen Momente meines Lebens nicht", wird Breton spater 
schreiben, und tatsachlich kreist sein ganzes Werk um 
stark erlebte Zeitsplitter, die er mit einer lyrischen Be- 
geisterung feiert, die zwar deren Analyse und Kritik 
nicht unmoglich macht, aber nur dazu fuhrt, sie in ei- 
ner asthetischen Ergriffenheit erstarren zu lassen, die sie 
mit keiner generalisierten sozialen Praxis verkniipft. Im- 
mer wieder gewinnt der Verbalismus die Oberhand, so 
daft die traurige Koharenz des Surrealismus darin be- 
steht, sich in der kulturellen Sprache recht zu geben. 
Diese Revolutionare von Herzen werden Staatsstreiche 
nur im Reich des Geistes vollfuhren. 

Die Auflosungspunkte der alten Welt nehmen sie aus- 
serordentlich wahr. Sie verherrlichen sie und betonen 
die Allmacht, die sie ihnen zuerkennen. Der Moment der 
Liebe, der Begegnung, der Kommunikation, der Subjek- 
tivitat, der Schopfung — alle werden durch das Postulat 
der Freiheit vereinigt und trotzdem von dem Augenblick 
an getrennt, in dem man vergiftt, daft die einzige Kraft 
der konkreten Befreiung sich nicht von der Bewegung 
der totalen Emanzipation des Proletariats trennen 
laftt; sie werden so weit getrennt, daft es keinen Surrea- 
listen gibt, dem es nicht ein Bedurfnis ware, diese Mo- 
mente zu verabsolutieren, aus jedem eine illusorische 
Totalitat zu machen. 

Vor allem die Liebe birgt mit Recht eine der Hoff- 
nungen, die der Surrealismus wahrend seiner ganzen 
Entwicklung am starksten aufrechterhalten hat. Das 

50 



wird bereits in der Untersuchung iiber die Liebe hervor- 
gehoben: ,,Wenn eine Idee anscheinend bis zum heuti- 
gen Tag diesem Reduzierungseingriff entgangen ist (...), 
so ist es unserer Meinung nach die der Liebe, die als ein- 
zige fahig ist, momentan oder nicht, jeden Menschen mit 
der Idee des Lebens zu versohnen." Uberall und jeder- 
zeit wird an die gewiinschte Vereinigung zwischen der 
Poesie, der Liebe und der Revoke erinnert. „Es gibt kei- 
ne Losung aufterhalb der Liebe", wiederholt Breton im- 
mer wieder. Da er nicht verstanden hat, daft es in dersel- 
ben Bewegung keine Liebe aufterhalb der Revolution des 
alltaglichen Lebens geben kann, wird er auf dem Umweg 
iiber ,,1'amour fou" so weit gehen und einen echten Kult 
der Frau begriinden. Der Libertinage setzen die Surreali- 
sten die auf einer Wahl beruhende und ausschlieftlichc 
Liebe entgegen. Die Frage bleibt off en, ob diese beiden 
Haltungen nicht mit dem Riicken aneinander in dieselbe 
Richtung gehen, ob die zum Rang der einzigen Auser- 
wahlten erhobene und die ohne Liebe gefickte Frau sich 
nicht im selben Status eines Objekts wieder vereinigen. 
Wie dem auch sei, weder Breton noch Pc'ret werden ih- 
ren Standpunkt andern wollen, nicht einmal, nachdem 
sie sorgfaltig Fourier und dessen sehr genaue Theorien 
iiber dieses Thema gelesen haben. 

De Sade greift auf geeignete Weise dort ein, wo eine 
solche Auffassung der Liebe Gefahr laufen konnte, 
Aspekte des Romantizismus mit sich zu fiihren. Mit 
Rccht schreibt Marcel Marien in ,,Les poids et les mesu- 
res" (,,Gewicht und Maft") iiber den Marquis: ,,Wir soli- 
ten ihm lieber dafiir danken, daft er uns so sinnvoll iiber 
die wirkliche Beschaffenheit unserer Natur aufgeklart 
hat, und daft wir seit ihm das wissen, was wir von der 
Liebe zu halten haben." Und Rene Char (in der 2. Num- 
mer von „Le Surrealisme au service de la revolution"): 
,,De Sade: die endlich von der himmlischen Schlacke ge- 
reinigte Liebe, die mit Waffen und Augen getotete Heu- 
chelei — gegen die Hungersnot wird dieses Erbe den 
Menschen mit ihren schonen Wurgerhanden aus ihren 
Taschen geniigen." Jedoch scheint der christliche Unter- 
schied zwischen fleischlicher und geistiger Liebe, wie 
De-Sade-Kenner ihn auch immer verneint haben mogen, 
zumindest seltsam zu sein. Noch einmal ist der Stand- 
punkt der wirklichen Praxis nicht begriffen worden. Was 

51 



gibt es Gegenwartigeres bei De Sade als die Dialektik der 
Wollust in ihrer Beziehung zu Leidenschaft und Aufruhr? 
Sogar der Nihilist Rigaut muft zugeben, daft sich jede 
Neukonstruktion der Liebe nicht anders denken laftt: 
,,Immerhin, ich habe mich tiber ziemlich viele Dinge 
lustig gemacht! Allcin iiber eines ist es mir nicht gelun- 
gen, mich lustig zu machen — und zwar iiber die Woll- 
lust." Gewift hat Benjamin Peret, der Verfasser der 
sehr schonen ,,Anthologie der erhabenen Liebe" auch 
die Stoftgebetgedichte ,,Les rouilles encagees" „Die 
hiitenden Woden" geschrieben, wo aber findet sich der 
Vereinigungspunkt zwischen diesen beiden Lobgesan- 
gen? 

Wird man sagen, daft die individuelle Praxis innerhalb 
der surrealistischen Gruppe fur eine solche Einheit biirg- 
te? Nichts ist weniger sicher. Wahrend einer Debatte 
iiber dieses Thema kann man zum Beispiel horen, wie 
Breton gelassen erklart: ,,Ich beschuldige die Homosexu- 
ellen, der menschlichen Toleranz einen geistigen und 
moralischen Ausfall aufzuzeigen, der dazu neigt, sich 
zum System zu machen und all die Unternehmungen 
lahmzulegen, die ich in Ehren halte." Nachdem er je- 
doch Jean Lorrain und sogar keinen geringeren als De 
Sade begnadigt hat, gibt er allerdings zu: „Ich akzeptiere 
es, auf cincm solchcn Gebiet als Obskurant zu handeln." 
Diese Art, eine Sache der personlichen Abneigung zur 
Autoritat (Breton hat damit gedroht, die Versammlung 
zu verlassen, falls weiter iiber Homosexuelle diskutiert 
werden sollte) und zum Prinzip zu machen, gehort wohl 
zur schlimmsten repressiven Haltung. In derselben Dis- 
kussion spricht sich der Verfasser des Buches ,,L'amour 
fou" dagegen aus, daft ein Mann mitzwei Frauen zusam- 
men schlaft... Im Surrealismus scheinen die Wege der All- 
macht der Leidenschaften aufterordentlich verstopft zu 
sein — konnte also Fourier zumindest iiber ihn sagen. 

Die Subjektivitat, die zugleich vom Surrealismus ver- 
dunkelt und erhellt wird, ist eines von diesen parzellier- 
ten Elementen, deren lyrische Entfaltung den Mangel an 
einer Weiterentwicklung in eine revolutionare Theorie 
vergessen laftt. Schon in der ersten Nummer der ,, Revo- 
lution surrealiste" wurde Reverdys Satz zitiert: ,,Ich 
glaube, daft der Dichter uberall in sich selbst nach der 
wahren poetischen Substanz suchen muft." Andererseits 

52 



betont Breton in seinem Werk zur Genuge die Wichtig- 
keit des unreduzierbaren Anteils jeden Individuums, die 
magische Erwartung des Zufalls, die Wege des wirklichen 
oder imaginaren Abenteuers und die Enthiillung der un- 
geahnten Begierden. So schreibt er zum Beispiel: „Da- 
mit das poetische Denken weiter das bleibt, was es sein 
soil — und zwar leitfahig fur die geistige Elektrizitat — 
mufs es vor allem in einem isolierten Milieu geladen wer- 
den", wahrend Georges Bataille behauptet: ,,Der Surrea- 
lismus ist gerade die Bewegung, die das letzte lnteresse 
entblofst, es von den Kompromissen befreit und ent- 
schlossen aus ihm die Willkur selbst macht." Aber weder 
Batailles Analyse noch Bretons Nachsinnen iiber den Zu- 
fall, den Nietzsche wie folgt definierte: ,,du bist es selbst, 
der dir begegnet", erlauben die praktische Investierung 
des subjektiven Reichtums in den kollektiven Kampf fiir 
die totale Befreiung des Individuums; so dais die Subjek- 
tivitat und ihre zwar anerkannten, aber sozial nicht reali- 
sierten Forderungen zur Quelle der kiinstlerischen Inspi- 
ration und zum Kriterium des Ausdruckswertes werden. 
Es ist letzten Endes nichts anderes als die — hier deut- 
lich ausgedriickte — beriihmte „innere Notwendigkeit", 
die Kandinski zur unerlafslichen Bestimmung fiir jede 
Schopfung macht. 

Der Vorrang der Subjektivitat fiihrt auf kulturellem 
Gebiet zur Forderung nach einem ncuen ,,Fiihlen", — ei- 
nem Begriff , der von einem merkwurdigen Geist wie Lo- 
tus de Paini als Reaktion gegendie Erschlaffung der Sin- 
ne, des Denkens und der Empfindungen in eine richtige 
Richtung weiterentwickelt wird. Die ,, Grand Jeu"-Grup- 
pe wird dem Surrealismus auf dem mystischen Weg der 
Identifizierung der Subjektivitat, des neuen Fiihlens und 
des archaischen Mythos vorangehen. Daumal nannte das 
,,die Riickkehr der Wirklichkeit zu ihrer Quelle" und 
griindete alle seine Hoffnungen auf die Bildung einer Ge- 
meinschaft, in der man die Suche nach diesem Punkt 
fortgesetzt hatte, von dem Breton sagt: ,,Alles lalst uns 
glauben, daft es einen bestimmten geistigen Standort 
gibt, von dem aus Leben und Tod, Wirkliches und Ima- 
ginares, Vergangenes und Zukiinftiges, Mitteilbares und 
Nicht-Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als wi- 
derspriichlich empfunden werden." Wurde ein solches 
Projekt vom revolutionaren Projekt des totalen Men- 

53 



schen getrennt, so konnte es sich bestenfalls in eine ein- 
weihende Lehre und eine hermetische Doktrin verwan- 
deln. 

Also lenkt der Surrealismus die Aufmerksamkeit auf 
die potentielle Kreativitat jedes Einzelnen im alltagli- 
chen Leben, aber anstatt die kollektive Verwirklichung 
durch eine Revolution zu fordern, die von alien und 
nicht zum Nutzen einiger gemacht wird, veranlaftt er sie 
dazu, sich doppelt zu verirren — in eine Randaktivitat, 
die es dem Bolschewismus iiberlaftt, den revolutionaren 
Prozefc in Gang zu bringen, und in die kulturelle Umwal- 
zung der Kultur. Die tatsachliche Verleugnung der Mog- 
lichkeiten einer subjektiven Verwirklichung — die ande- 
rerseits auf dem Gebiet der Literatur und der Malerei 
gefordert werden — steht auf gleicher Ebene mit dem 
Aufruf zur Selbstaufopferung (Breton wird mehrmals 
von ihm Gebrauch machen), dieser Kastrierung, ohne 
die es keine hierarchisierte Macht geben kann. Diejeni- 
gen, die die Kunst zum Leben zuruckfuhren wollten, ha- 
ben nur den Preis des Erlebten auf den Kunstmarkt ein- 
gefiihrt. Nur die Tatsache, daft Breton, Peret, Tanguy 
und Artaud im Gegensatz zu Aragon, Eluard und Dali 
konfus und spontan das ablehnen, was in der Bewegung 
danach strebt, sie in ihrer Subjcktivitat und dem in ih- 
nen Unreduzierbaren zu verneinen, hat den Surrealismus 
daran gehindert, zu einem kulturellen Schweinestall zu 
werden wie die abstrakte Kunst, der Existentialismus, 
der neue Roman, Pop'art oder Happening. In seinem 
Vorwort zur neucn Ausgabe des ,,Ersten Manifests" 
driickt Andre Breton das aus, was ohne Zweifel die Be- 
sten der Surrealisten empfinden: ,,Von einem Denksy- 
stem wie dem Surrealismus, das ich mir zu eigen gemacht 
und das ich mir langsam aneigne, mag genug iibrigblei- 
ben, immer gcnug iibrigbleiben, um mich damit zu Gra- 
be zu tragen-, und doch hat es mich nie zu dem machen 
konnen, was ich sein sollte, bei allem Wohlwollen, das 
ich aufbringe." 

Wenn die Parteinahme fiir das Leben keine Ausiibung 
der Literatur oder der Malerei zur Folge hat, keine Welt 
der Bilder, der Analogien, Metaphern und der Wortfal- 
len, so fuhrt sie auch zu einer verlarvten Praxis, zu einem 
ersten, von seinem Positivismus befreiten Keim einer 
menschlichen Wissenschaft, die moglichst wenig mit der 

54 



spezialisierten Haltung des „Gelehrten" verbunden ist 
und von dem Wunsch belebt wird, in alle Richtungen zu 
experimentieren oder in einem solchen Experimentieren 
alle wunschenswerten Dokumente zusammenzutragen. 



55 



3. DAS WISSEN UM UND EXPERIMENTIEREN 
MIT DEM MENSCHLICHEN 

Der belgische Surrealist Paul Nouge driickt einen wich- 
tigen Gedanken der Bewegung aus, wenn er schreibt: 
„Machen wir das Bestc aus dcm, was das Unsere sein 
konnte. Moge der Mensch dorthin gehen, wo er noch nie 
gewesen ist, das empfinden, was er noch nie empfunden, 
das denken, was er noch nie gedacht hat, das sein, was er 
noch nie gewesen ist. Wis miissen ihm dazu verhelfen, 
wir miissen diese Begeisterung und diese Krise herbeifuh- 
ren — schaffen wir erschutternde Gegenstande!" Abgese- 
hen von dem Glauben an die Schlagkraft der ,,erschut- 
ternden Gegenstande", deren Umwandlung in Waren 
und Konditionierungsgadgets der Surrealismus nicht vor- 
ausgesehen hat, verbietet die Absicht von Anfang an je- 
den Bezug auf die reine Erkenntnis. Als die 1. Nummer 
der ..Revolution surrealiste" Aragons Formel aus „Eine 
Welle von Traumen" ubernimmt: „Man muft zu einer 
neuen Erklarung der Menschenrechte gelangen", soil 
selbstverstandlich nichts von dem, was sich an das Den- 
ken, die Phantasie, die Gesten, den Ausdruck und die 
Begierde angeschlossen hat, dem revolutionaren Projekt 
fremd bleiben. Durch den Mifserfolg eines solchen Pro- 
jekts in den Handen des Stalinismus und seiner gauchi- 
stischen Abweichungen wird sich den Surrealismus auf 
die Rolle eines Akkumulators dessen beschranken miis- 
sen, was man die speziellen Effekte des Menschlichen 
nennen konnte. Wenn Breton und seine Freunde auch 
eine noch so glanzende Rhetorik aus dieser „Wunder- 
kammer" hcrausholen, die denjenigen ziemlich ahnlich 
war — zwar mehr durch die schriftlichen Zeugnisse als 
durch die Phanomene selbst — , die in der Renaissance- 
zeit gewohnlich geworden waren, so werden sie doch 
nicht ganz die Moglichkeit eines aufstandischen Ge- 
brauchs verheimlichen konnen, zu dem diese Entdeckun- 
gen urspriinglich bestimmt waren. 

,,Man sollte eine physische Vorstellung von der Revo- 
lution bekommen" - dieser Wunsch von Andre Masson 
in der 3. Nummer der , .Revolution surrealiste" ist zu- 
gleich der Ausgangspunkt fur die Untersuchung iiber die 
menschliche Investierung und der Schliissel, der es im re- 
volutionaren Moment moglich machen wird, das Museum 

56 



der surrealistischen Kenntnisse bereichernd auszupliin- 
dern, indcm man es bereichert. 

Noch bevor Breton den revolutionaren Punkt, an dem 
sich die individuelle und die kollektive Geschichte verci- 
nigen werden, in ein mythisches Absolutes verlegt, 
schrieb Guy Rosey in der „Huldigung an Violette Nozie- 
res" wie ein letztes Echo zu Andre Massons Satz folgen- 
des: 

,,Hier wird endlich enthiillt von einer anderen 

unantastbaren sie selbst 

die unbekannte 

poetische Personlichkeit 

Violette Nozieres die Morderin war 

wie man Maler ist." 

FREUD UND DIE A UTOMATISCIIE SCHR1FT 

Ein wichtiger Teil des Surrealismus war der Erfor- 
schung der Grenzen, der extremen Formen, der Aus- 
drucksvielfalt, der Behauptung und der Zerstorung des 
menschlichen Phanomens in seinem Vcrhaltnis zu der 
Welt und in der Perspektive ciner vollstandigen Eman- 
zipation der Leidenschaften gewidmet. In Zusammcn- 
hang damit stehen das Interesse fur die Ideologic des 
Mediums, die Liebe zu den schwarzen Romanen, die Sti- 
mulationsiibungen und die kritische Paranoia, die Kin- 
der- und Wahnsinnserforschung, die Auslotung der Welt 
der Traume,desUnbewu(kenunddes Unterbewufttseins, 
die Anlayse der individuellen Mythologien und der soge- 
nannten primitiven Volker (Michel Leiris, Breton, Ar- 
taud, Peret), die Entdcckung der keltischen Gesellschaf- : 
ten (Markale, Lengyel), das Schwarmen fur Alchimie, 
die hermetischen Lehren und die Bildung einer literari- 
schen, kiinstlerischen und philosophischen Tradition, 
dank der sehr groften Namen dem Totschweigen, der Lu- 
ge oder dem Verruf der jeweiligen offiziellen Kultur ent- 
gehen konnten (Lautreamont, De Sade, Fourier, Saint- 
Martin, Nouveau, Panizza, Fabre d'Olivet, Rabbe, Gra- 
be, Forneret, Jarry, Cheval, Bocklin, Monsu Desiderio, 
Altdorfer, Deutsch, Graf, Meslicr, Lacenaire, Paracelsius, 
Valentin, Achim von Arnim, Lewis Carroll, Lear, Lich- 
tenberg, Blake, Mathurin, Lewis, Wolfi, Brisset, der Z611- 
ner Rousseau, Bettina, die portugiesische Schwester, 

57 



Cravan, Vache, Lotus de Paini und viele andere). 

Freuds Einfluft, dem Breton 1922 begegnet ist, pragt 
den Anfang der surrealistischen Bewegung. War es nicht 
zum Beispiel die Absicht der Gruppe, als sie am 11. Ok- 
tober 1924 in der Nummer 15 der rue de Grenelle das 
,,Biiro fur die surrealistische Forschung" eroffnete, der 
breiten Offentlichkeit psychoanalytische Methoden be- 
kanntzumachen, dank denen jeder zu einer besseren 
Kenntnis seiner eigenen Schattenbereiche und vcrborge- 
nen Moglichkeiten gelangen konnte? Die so von ihrem 
trockenen therapeutischen Anspruch befreite Kunst der 
Psychoanalyse und die Psychoanalyse einer von alien ge- 
machtcn Kunst hatten nach der Meinung der Surreali- 
sten die Grundlage eines radikal andersartigen sozialen 
Verhaltens erzeugt. Das Scheitern dieses Projekts, noch 
bevor es deutlich zum Ausdruck gebracht wurde, wird 
die Verstandigung mit der kommunistischen Partei 
schwer belasten. Die Idee wird trotzdem nicht verloren- 
gehen, da sie 1945 in einem Text von Gherasim Luca, 
„Der Erfinder der Liebe", wiederzufinden ist, in dem er 
als allgemeine Agitationsweise die „unbegrenzte Eroti- 
sierung des Proletariats" vorschlagt und es fur sicher 
halt, daft die Zerstorung der urspriinglichen Odipusposi- 
tion die qualitative Umwandlung der Liebe in eine allge- 
meine Revolutionsmethode ermdglichen wird. 

Gleichfalls dem Einfluls Freuds ist die feindliche Hal- 
tung gegen die Psychiater, die Erfinder des Wahnsinnsbe- 
griffs und gegen diejenigen zuzuschreiben, die tiber die 
Welt der Kinder herrschen und spater von Jules Celma 
die ,,kastrierenden Padagogen"d5) genannt werden. So 
spricht Breton von „der Kindheit, wo alles doch zum 
wirksamen und vom Zufall unabhangigen Besitz seiner 
selbst beitragen konnte", und er fugt hinzu: ,, Dank dem 
Surrealismus scheint dieseMoglichkeitzuriickzukehren." 
„Die Kinder zu befreien", ruft spater Roger-Gilbert Le- 
comte aus, ,,warc noch schoner, als die Irrenanstalten 
aufzumachen!" Und noch einmal Breton in „Nadja": 
,,Aber meiner Meinung nach ist jede Internierung will- 
kiirlich. Ich kann immer noch nicht einsehen, warum 
iiberhaupt ein menschliches Wesen der Freiheit beraubt 
werden sollte." Das sind Gedanken, die vorwarts gekom- 
men sind. Auch wenn Celma gegen die polizeiliche Un- 
terdriickung kampfen muRte und Vienet im Mai 1968 in 

58 



der Sorbonne-Vollversammlung nicht durchsetzen konn- 
te, daft die Befreiung der Inhaftierten aus den Irrenan- 
stalten verlangt wurde, ist es unmoglich, daft die zukiinf- 
tigen revolutionaren Bewegungen diese Ideen nicht her- 
vorheben. 

Noch einmal sollte die Abwesenheit einer Praxis, die 
mit den von der Gruppe vertretenen Ideen iibereinge- 
stimmt hatte, den Ansatz zu einer psychoanalytisch-so- 
zialen Agition — etwa der Linie Wilhelm Reichs entspre- 
chend, der ubrigens den Surrealisten unbekannt war — in 
ein Enthiillungsverfahren und in blofte kulturelle Agita- 
tion verwandem. 

1m , .Manifest" des Jahres 1924 war schon die Spur ei- 
nes solchen Obergangs zu finden. Im folgenden Kom- 
mentar wird immcr noch das Leben betont: ,,Der Sur- 
realismus beruht auf dem Glauben an die hohere Wirk- 
lichkeit gewisser bis dahin vernachlaftigter Assoziations- 
formen, an die Allmacht des Traums, an das zweckfreie 
Spiel des Denkens. Es zielt auf die cndgiiltige Zerstorung 
aller anderen psychischen Mechanismen und will sich 
zur Losung der hauptsachlichen Lebensprobleme an ihre 
Stelle setzen", wahrend etwas weiter folgende Definition 
vorgeschlagen wird: ,,Surrealismus, Subst., m. — Reiner 
Automatismus, durch den man mundlich oder schriftlich 
oder auf jede andere Weise den wirklichen Mechanismus 
des Denkens auszudriicken sucht. Denk-Diktat ohne jede 
Kontrolle durch die Vernunft, aulserhalb jeder astheti- 
schen oder ethischen Uberlegung." 

Die von der surrealistischen Gruppe der automati- 
schen Schrift beigemessene Bedeutung ist weit davon 
entfernt, dem oft beim Lesen der besten unter diesen 
Texten empfundenen Eindruck entgegenzutreten, der 
Surrealismus habe seinen eigenen Reichtum stark ver- 
kannt. Die Ausiibung des auf die Schrift reduzierten Au- 
tomatismus fiihrt meistens nicht zur Analyse des Ichs, 
zur Entdeckung von Phantasmen oder seltsamen Trieben 
und zur Kritik an der Sprache als Entfremdung, sondern 
sie beschrankt sich auf das von Breton geschriebene 
Rezept: das heifst auf ein Verfahren zur Erneuerung des 
kiinstlerischcn Stils, der sich seit Apollinaire im Zustand 
des freien Falls befand und unter Dada verstreut auf 
dem Boden lag. 

59 



DIE UNTERWELTDES TRAUMES UND 
DER PARASTHESIE 

Alles im Traum gehort zur wunderbaren und einheit- 
lichen Welt, deren Immanenz vom Surrealismus gefor- 
dert wird. Doch ist die Theorie des Traumes nicht ent- 
sprechend der Aufmerksamkeit vorwartsgekommen, die 
der Surrealismus ihm gewidmet hat. Genau wie die Sur- 
realisten die Fortschritte der Revolution den „Kommu- 
nisten" anheimstellen, so wenden sie im besten Fall — so 
z.B. Breton in „Die kommunizierenden Rohren" und 
„L'amour fou" und Michael Leiris — nur Freuds Ausfuh- 
rungen in seinem Buch iiber die „Traumdeutungen" an. 

„La Revolution surrealiste" begniigt sich damit, 
Traumgeschichten zu veroffentlichen, wobei sich schnell 
herausstellt, daft die Trauminspiration auch zum lite- 
rarischen Verfahren wird. Zwar bemiiht man sich oft 
durch die Interpretation zu erklaren, wie ein Bild seine 
Schonheit der durch den Traum geschaffenen Verkur- 
zung verdankt, wie der poetische Funken aus der plotz- 
lichen Verdichtung widerspriichlicher, in einem Traum 
vereinigter, Leidenschaftssignifikanten entsteht, durch 
welches Nctz die Illusion des Warntraums geht und wie 
die Zeichen der Vergangenheit, der Gegenwart und der 
Zukunft miteinander in Verbindung stehen, wenn die 
Raum-Zeit des* Traumes und die des Mythos einmal 
identifiziert worden sind. Aber auch hier fuhrt der 
Mangel an praktischcn Folgen zum Riickzug in die Ideo- 
A?gftf der ,,{iro&cn Transparcciecn " and dec ^crdorgenen 
Bedeutangen. Da die Surreafeen jedoch konfus empiin- 
den, wie sehr die Meister des Traums auch die des Le- 
bens sein konnten, und wie gleichzeitig diejenigen, die 
die Kontrolle iiber das Uberleben ausiiben, Menschen der 
Regierung und des Spektakels, auch die Aufseher des 
Traums sein mussen, erreichen sie die konkreteste Stufe 
in ihrer Verteidigung des Traumes in ihren Angriffen ge- 
gen die Psychiater und Irrenarzte, den psychoanalyti- 
schen Reformismus, die Technikcr der Konditionierung 
und alle Wachhunde des geistigen Gebietes. Dagegen ver- 
hindert der Mangel an Konsequenz in der Kampffuhrung 
daft die Forderung einer Gesellschaft weiterentwickelt 
wird, in der die Traumphantasie fur ihre materielle Ver- 
wirklichung iiber die ganze technische Ausriistung verfii- 

60 



gen wiirde, die heute zu ihrer Vernichtung bereitgestellt 
wird. Man begmigt sich damit, aus dem Traum die Er- 
neuerung der Spiele mit den Bildern zu schopfen, ohne 
zu verstehen, daft es nur eine andere Art ist, ihn zum 
Nutzen der herrschenden Mechanismen der Luge und 
der Blendung zu verwerten (Vgl. das, was die Werbung 
und die Erzeuger von „schwcigenden Mehrheiten " aus 
ihm herausholen). 

Ungefahr das Gleiche gilt fur die Verhaltensweisen, 
die unter der Bezeichnung des Wahnsinns durch die Lo- 
gik des Profits und die aus den Warenbeziehungen ent- 
standcne Vernunft verurteilt werden. Neben der Ver- 
achtung der Folterer im weifien Kittel soil auf die 
Rekuperation zu kunstlerischen Zwecken von Haltungen 
hingewiesen werden, die klinisch behandelt werden. So 
erfindet Dali die „paranoisch-kritische" Methode, die 
er wie folgt definiert: eine „spontane Methode der ir- 
rationalen Erkenntnis, die sich auf die interpretativ- 
kritische Assoziation der phantasierenden Phanomene 
griindet". Er wendet sie insbesondere auf Violette 
Nozieres an, deren paronymischen Interpretationen 
„nasieres", „nazi", „dinazos", „nez" („Nase") ihn zu 
einer affennasigen Darsteliung fiihren, deren scxueller 
Symbolismus zugleich an die Anziehungskraft der 
jungen Frau und an den Vergewaltigungsversuch ihres 
Vaters erinnern soil. 

Es werden gleichfalls bestimmte, als Krankheiten 
betrachtete Tendenzen allgemein rehabilitiert. Zum 
Gruft des 50jahrigen Jubilaums der Entdeckung der 
Hysterie veroffentlichen die Surrealisten in der 11. 
Nummer von ,, Revolution surrealiste" 1928 schone 
Bilder hysterischer Frauen unter dem Titel: ,,Die 
Haltungen der Leidenschaft im Jahre 1878" mit fol- 
gendem Kommentar von Breton und Aragon: ,,Die 
Hysterie ist ein mehr oder weniger unreduzierbarer 
Geisteszustand, der durch die Subversion der Ver- 
haltnisse gekennzeichnet wird, die sich zwischen dem 
Subjekt, aufterhalb jeden Wahnsystems, und der mora- 
lischen Welt herstellen , der er praktisch unterstellt zu 
sein glaubt. Dieser Geisteszustand griindet sich auf die 
Bediirfnisse einer gegenseitigen Verfuhrung, durch die 
sich die iibereilt akzeptierten Wunder der arztlichen Sug- 
gestion (oder Gegensuggestion) erklaren lassen. Die Hys- 

61 



terie ist kein pathologisches Phanomen und kann in 
jedcr Ilinsicht als ein hochstes Ausdrucksmittel betrach- 
tet werden". In ihrem gemcinsamen Werk ,,Die unbe- 
fleckte Empfangnis"werden Breton und Eluard Texte 
verfassen, die klinische Vernal tensweisen simulieren. 

Es kommt auch vor, daft das Wissen um das Wilde und 
Untcrdriickte im Menschen von Leuten kommt, die 
weniger zur Neuschaffung der Kunst neigen. Das ist der 
Fall bei Michel Leiris und solchen Weggefahrten wie Ge- 
orges Bataille und Maurice Heine. 

Vor allem Heine — der in seinen Texten uber De Sade 
endgiiltig und als erster den emanzipatorischen Geist des 
Padagogen der ,, Philosophic im Boudoir" begriilst hat — 
hat methodisch die Erforschung der menschlichen Mog- 
lichkeiten und Grenzen weitergetrieben. Mehr als irgend- 
ein anderer hat er die Hoffnung auf cine wirkliche Tota- 
litat und auf eine totale Freiheit verstanden, die im 
Surrealismus steckte. Wie eine kontrapunkthafte Erin- 
nerung an die alte Untersuchung uber den Selbstmord 
wirkt sein Artikel in der Zeitschrift ,, Medium" (Num- 
mer 8 — 1936), ,,Ein Blick in die menschenzerschlagene 
Holle", in dem er eine Diskussion zwischen De Sade, 
Jack the Ripper, dem Graf en von Mesanges und dem 
Professor Brouardel erfindet iibcr das menschliche We- 
sen als Objekt vielfacher und kunstvollcr Zerstorungen 
und liber das Vergniigen dazu, es stufenweise und syste- 
matisch zu entwurdigen. Der mit Bildern des Juristen 
Lacassagne und aus den .Jahrbuchern der offentlichen 
Gesundheitspflege und der gerichtlichen Medizin" illus- 
trierte Text setzt der Verwandlung des Menschen in ein 
Objekt, zu der die hierarchisierte gesellschaftliche Orga- 
nisation auffordert, dessen Zerstorung zu Zweckcn der 
Leidenschaft entgegen. Gegen die langsame Verdingli- 
chung schlagt Heine als Negativ das Projekt des totalen 
Menschen vor, eine Welt, in der auf paradoxe Weise die 
Menschheit aus dem wiederentsteht, was sie paroxystisch 
zerstort, aus der Beziehung zwischen dem Folterer und 
dem Gefolterten. Aus diesem bewuftten Nihilismus — 
dem der grofsen Toter, sollte die Aufhebung alles Nega- 
tiven der alten Welt hervorbrechen. 

Dieselbe nihilistische Perspektive herrscht in Heines 
„Notizen zu einer psycho-biologischen Klassifizierung 
der sexuellen Parasthesie", in denen er versucht, mit 

62 



dem cthisch-religiosen Vorurteil auf dem Gebiet der 
Menschenforschung Schluft zu machen. Er ubernimmt 
den neutralen Ausdruck Parasthesie, um den falschen 
Gegensatz zwischen dem Normalen und dem Anormalen 
zu beseitigen und mittels des Erlebten durch seine man- 
nigfaltigen Widerspriiche zur Einheit zu geJangen. Solche 
LTntersuchungen, von denen noch die ,,Psycho-sexuellen 
Bekenntnisse und Beobachtungen" zu nennen sind, zeig- 
ten einen Weg auf, den Bataille zwar einschlagen wird, 
der aber sehr schnell von den meisten Surrealisten ver- 
nachlassigt wurde. 

Daii hatte verstandcn, welch gehoriges Maft an Pro- 
vokation in der asthetischen Aufwertung einer Handlung 
steckt, die gegen die puritanischen Geserze verstoftt. So 
macht er sich in der 2. Nummer des ,,Surrealisme au ser- 
vice de la revolution" daran, ein Loblied auf eine nicht 
zerstorende und vollkommen harmlose Parasthesie, den 
Exhibitionismus, anzustimmen: 

,,Im letzten Monat Mai auf der U-Bahn-Strecke Cam- 
bronne-Glaciere hielt ein Mann von ungefahr dreiftig 
Jahren, der einem sehr schonen Madchen gegeniiber sals, 
die Zeitschrift, die er zu lesen schien, geschickt so, daft 
sein bloftes, vollig und prachtig steif gewordenes Ge- 
schlecht nur von dem Madchen gesehen werden konnte. 
Es genugt aber, daft ein Schwachkopf diese exhibitionis- 
tische Handlung bemerkt hatte, die das Madchen gewal- 
tig und wonnevoll verwirrte — aber ohne daft sie den 
geringsten Protest erhoben hatte — damit der Exhi- 
bitionist von den Leuten geschlagen und hinausgeworfen 
wurde. Wir konnen nicht umhin, unsere ganze Empo- 
rung und unsere Verachtung gegeniiber einer so abscheu- 
lichen Handlungsweise gegen eine der reinstcn und unei- 
genniitzigsten Taten laut auszudriicken, zu der ein 
Mensch in unserer Epoche der moralischen Erniedrigung 
und Verkommenheit fahig sein kann." 

Das, was eine solche Stellungnahme Symphatisches 
an sich hatte, wird nicht nur bis zu einer allgemeinen 
Vcrteidigung der Parasthesie getrieben, sondern es wird 
bestenfalls in den schwarzen Humor und schlimmsten- 
falls in die Gemaldegalerie zuriickf alien, in der Dali 
die Sex-Werbung vorwegnimmt, indem er die Schock- 
wirkung der mit Erektion, Onanie und dem Stuhlgang 
verbundenen Darstellungen entdeckt. Im selben Zusam- 

63 



menhang liiftt der Inzest Eluard reizende Verse schreiben: 
,,In einer Ecke kreist 
Der Inzest um die Jungfraulichkeit eines Rockchens." 

Auch wenn die gedanklichen Beschaftigungen der 
Surrealisten nicht durch die asthetische Rekuperation 
beherrscht worden waren, so geniigte die Abwesenheit 
dieses Geistes der Totalitat, durch den Maurice Heine 
und sogar Georges Bataille beeinflufst wurden, um jede 
neue ethische Forderung — das Recht auf die Freiheit zu 
lieben, Inzest, Exhibitionismus, Homosexualitat usw. — 
auf die Rolle einer die alte Ordnung regenerierenden An- 
regung zu reduzieren. Das hat Andre Thirion recht gut 
verstanden, der in seinem Roman ,,Die grofie Haus- 
mannskost" (,,Le grand ordinaire") scherzhaft zeigt, wie 
der Inzest zur Tricbkraft der Familienstabilitat werden 
kann: 

„ ,Unser ganzes Ungliick kommt aus der Vergessen- 
heit, in die die alten Traditionen geraten sind', erklart 
unser Freund Moscheles in einem ernsten Ton, wahrend 
er sein beschnittenes Geschlecht von seiner jungsten 
Tochter, der kaum dreizehnjahrigen Sarah, ablutschen 
laftt. ,Das moderne Leben hat die reincn Freuden des 
Heimes in Miftkredit gebracht, wahrend durch den Sport 
die Kinder jeden Tag etwas mehr von ihren Eltern ent- 
fernt und' tausend Versuchungen ausgesetzt werden. 
(Nein, Sarah, bcarbeite es doch am Kopf, wie ich es dir 
schon oft erklart habe, und zogere nicht, deine Zunge 
reichlich zu gebrauchen!) Als einziges Bcispiel dafiir will 
ich die aufserste, zur Zugellosigkeit gewordene Sittenfrei- 
heit anfiihren ; das beklagenswerte Benehmen von Paaren 
auf Ballen, Straften und Parkanlagen; diese Neuerung, 
das Camping, mit der dadurch erzeugten unsittlichen 
Promiskuitat — das grenzt an Landstreicherei. Lesen 
Sie diese anstoftigen Leserbriefe in gewissen Frauen- 
magazinen? Dort werden Liebeshandel empfohlen, Ehe- 
bruch legitimiert... Sarah! Verflixtes Madel! Schlaf doch 
bei der Arbeit nicht ein!' " » 



64 






III. KAPITEL 

DIE WELT VERANDERN 
1. DIE REVOLUTIONARE IDEOLOGIE 

Der Mifterfolg des Prozesses gegen Barrcs, sowie jc- 
den Versuchs, Dada mit einem sozialcn und politischen 
Bewufttsein zu versehen, fiihrt zum Anschluft an einen 
von Lenin revidiertcn und korrigierten Marxismus und 
zu einem doppclten Verzicht — auf das totale negative 
Projekt Dadas und auf das ciner kollektiven Pocsie, die 
die kritische Theorie auf der Suche nach ihrer prakti- 
schen Verwirklichung durch die Umwalzung aller Ver- 
nal tnisse gewesen ware, die die Welt und das alltagliche 
Leben beherrschen. Eigentlich war bereits die Bildung 
der surrealistischen Gruppe selbst, wie wir schon gesagt 
haben, in Anbetracht der kunstlerischen Sorgen ihrer 
Mitglieder durch diesen Verzicht gcpragt. Aber der Ver- 
zicht war mit einem schlechten Gewissen verbunden — 
dessen Bestandigkeit wahrend der gesamten Geschichte 
der surrealistischen Bcwegung grundsatzlich in einem 
unreduzierbaren Gefuhl der Verzweiflung zum Ausdruck 
kommt — , das immer wieder auf eine Rechtfcrtigung 
oder eine Beschworung lauert. So wird die zur Verzweif- 
lung des Seins gewordene Verzweiflung des Ichs spater 
gleichzeitig in einem Gauchismus eingeschlossen und 
von ihm bekampft, dessen Funktion zunachst — bis zum 
Bruch mit der KP — und dann Karikatur — bis zum of- 
fiziellen Auftreten des neuen Gauchismus im Jahre 1968 
— der Surrealismus iibernehmen wird. 

Am fiaufigsten werdcn in der surrealistischen Ideologic 
die Worte , /Revolution" und „Liebe" benutzt und, das 
mu/s anerkannt werden, sie werden mit kciner Schande, 
keinem Blutfleck — sei es einem geistigen oder nicht — 
besudelt, wie konfus und abstrakt sie auch immer sein 
mogen. Die Miine, die sich Breton und Peret geben, um 
die Ideologic sauber und makellos — umso makelloser, 
als sie an sich als Ideologic schon ein Make! is* — zu hahen 
(das von Breton geliebte Wort „Reinheit"!), hat etwas 
Riihrendes. Diese Mischung von Strenge und Naivitat, 
die gegeniiber dem Pragmantismus und der Kunst des 

65 



Manovrierens des ofteren den Aspekt kindlicher Tugcn- 
den bekommt (im positiven Sinne Fouriers), kommt in 
einer Rede Bretons im Barcelonaer Ateneo am 17. No- 
vember 1922 zum Vorschein: 

„Es gibt eins, das es uns moglich machen kann, 
wenigstens augenblicklich aus diesem scheufilichen Kafig 
auszubrechen, in dem wir uns herumschlagen, — und 
zwar die Revolution, irgendeine Revolution, die so blu- 
tig sein kann, wie man will, und die ich heute noch aus 
voller Kehle herbeirufe. Urn so schlimmer, wenn Dada 
das nicht war, denn Sie werden verstehen, daft alles (ib- 
rige mich wenig angeht." 

Noch genauer schreibt Breton in ,,Die Revolution zu- 
nachst und uberall" („La Revolution surrealiste" Nr. 4): 
„....die Idee der Revolution ist der beste und wirksam- 
ste Schutz des Individuums". Man kann diese libertare 
Stellungnahme, der Breton und Peret treu bleiben wer- 
den (obwohl Breton in der Praxis ab und zu gegen sie 
verst often hat), als das Element der ,,Unschuld" bctrach- 
ten, das die Distanz gegeniiber dem Bolschewismus er- 
zwingen und an die grofie surrealistische Periode als an 
die — in der Geschichte ziemlich seltene Periode — des 
Versuchs einer unschuldigen Ideologic erinnern wird. 

So la(st sich auch der reizende Charakter der Lyrik 
erklaren, die den Mangel an Analyse ausgleichen soil: 
,,Ich bewegemich in einer Leidenschaft, in der die Re- 
volution und die Liebe gemeinschaftlich erstaunliche 
Perspektiven anfachen und erschutternde Redenhalten." 
(Rene Char in ,,Le Surrealisme au service de la revolu- 
tion" N. 3) 

Inmitten der ihn umhiillcndcn Konfusion selbst bietet 
der Begriff der Revolution eigentlich einen Zufluchtsort 
fur die Traumereien der Subjektivitat, fur die Leiden- 
schaften, den Willen zum Leben, die Gewalt der indivi- 
duellen Forderungen und all das, was sich dagegen 
straubt, sich durch die burokratischen Revolutionen re- 
duzieren und manipulicrcn zu lasscn. Das alles versteht 
der Surrealismus aber nur auf zerstiickelte und zwangs- 
laufig lacherlich parzellierte Weise. 

Anfangs wiegen Aufrichtigkeit und Wut noch schwe- 
rer als die Sorge um das poetische Bild. In ,,Die Revolu- 
tion, das heiftt der Terror" (,,La Revolution surrealiste" 
Nr. 3) findet zum Beispiel Desnos den Ton der besten 

66 



Libertaren wicder: 

„Aber die methodische Sauberung der Bevolkerung: 
Familiengriinder, Begriinder von Wohltatigkeitsvereincn 
(N'achstenYiebe ist ein Schandfleck, die Pastoren und 
Pfarrer (diese will ich ja nicht vergessen!), Miiitars, die- 
jenigen, die auf der Strafte gefundene Brief tascliea ihiccm. 
Besitzer zuriickbringen, heldenhafte, pflichtbewuftte 
Familienvater, (....), Mutter kinderreicher Familien, Mit- 
gfi'eder der Sparkasse ( die vetachcungswurdiger sind a/s 
die Kapitalisten), alle Polizisten, Literaten beiderlei Ge- 
schlechts, Erfinder von Heilseren gegen Seuchen, ,,Wohl- 
tater der Menschheit", diejenigen, die Mitleid haben und 
ihren Nutzen daraus Ziehen — wenn dicse ganze Pobel 
endlich nicht mehr da ist, was fur eine Erleichterung! 
Die groften Revolutionen entstehen aus der Anerken- 
nung cines einzigen Prinzips — das der absoluten Frei- 
hcit wird die Triebfeder der nachsten sein." 

Wenn Desnos in der gegluckten Formel des letzten 
Satzes die echte kollekrive Poesic gegen die Aneignung 
der Revolution von 1917 durch die Bolschewiki und 
ihren Staat verteidigte, so uberwiegt in Eluards Text 
(vom 15. Juni 1925 in ,,La Revolution surrealiste") an- 
lafilich einer offentlichen Erklarung der „Philosophie" - 
Gruppe schon die Zweideutigkeit: 

,,Dadurch strahlte der Optimismus der ,,Clarte"- 
Leute unter der hellen Sonne von Hammer und Sichel 
zum Ruhm eines Regimes, das sich wie das kapitalisti- 
sche auf die bequeme und widerliche Ordnung der Ar- 
beit stiitzt. Es liegt denen, die als Revolutionare geboren 
wurden, eigentlich wenig daran, daft die Ungleichheit 
der Klassen eine Ungerechtigkcit ist." 

Mit Recht Kritik an der Ordnung der Arbeit zu iiben, 
um gleich darauf mit unubertrefflicher Dummheit den 
Klassenkampf zu vernachlateigen, das macht einem ver- 
standlich, warum die Surrealisten, nachdem sie von zwar 
primitiven, aber doch ein wenig gebildeten Marxisten 
Witzbilde geschimpft worden waren, die Rolle geflissent- 
licher Jiinger spielen und eine zeitlang die Vormund- 
schaft der kommunistischen Partei und spater Trotzkis 
akzeptieren konnten. 

Eluard, der sich gebessert hat, unterzeichnet drei Mo- 
nate spater zusammen mit den anderen Surrealisten und 
und den Mitgliedern der „Clarte"- Gruppe doch das Ma- 

67 



nifest ,,Zunachst und immer Revolution!", in dem fol- 
gender Satz zu lesen ist: „Wir sind keine Utopisten: wir 
sehen diese Revolution nur unter ihrem sozialen As- 
pekt." 

Leider ist hier der soziale Aspekt wic ihn der Bolsche- 
wismus versteht, nur der der sozialen Unterdriickung. 
In der 2. Nummer von ,,Surrealisme au service de la 
revolution" schlieftt Breton seinen Artikel iiber ,,Die Be- 
ziehungen zwischen dem Kopfarbeiter und dem Kapital" 
mit folgender pramaoistischer Ermahnung: 

„...es gibt keinen Grund, die spezifisch geistigen Be- 
schwerden bcsonders hervorzuheben, die, insofern sie 
berechtigt sind, nicht in der Form nutzloser, berufsstan- 
discher Schritte zutagetreten, sondern vielmehr diejeni- 
gen zum Entschluft bringen sollen, die so unter den heu- 
tigen Verhaltnissen leiden miissen, ohne Riickhalt der 
wunderbaren Sache des Proletariats als der ihrigen zu 
dienen." 

Der Intellektuelle im Dienste des Volkes — diese ver- 
siifste Version des Blanquismus — ist bis zum Ende einer 
der lacherlichen Aspekte des Surrealismus geblieben. Da- 
da hatte die angeborene Machtlosigkeit des Intellektuel- 
len als solche bewiesen, der dazu verurteilt ist, iiber ei- 
nen toten Planeten zu herrschen und Dekrete zu erlassen, 
die nicht rechtskraftig sind, bis die wirklichen Staatsge- 
setze seinen Gespenstern eine Rolle innerhalb der allge- 
meinen Organisation des Scheins und der Luge verleihen. 
Der von einer solchen Radikalitat entfernte Surrealis- 
mus traumt von einer kulturellen Revolution, die paral- 
lel zu der anderen verlauft, deren Schleuse die Partei 
kontrolliert. Der Skandal in der ,,Closerie des Lilas" 
kundigt den spateren ,, Sturm in einem Uringlas" der Ro- 
ten Garden an. Die Ausstellung „Die Wahrheit iiber die 
Kolonien" gereicht dagegen der gauchistischen Kritik 
einigermafsen zum Verdienst. Die Surrealisten wcrden 
zum kritischen Bewufttsein einer KP, die sich iiber diese 
Schmettcrlinge lustig macht, die von der groften Maschi- 
ne ihres burokratischen Apparats zur Verkleinerung des 
Proletariats fasziniert werden. 



68 



In „ Legitime Defense" (Notwehr") schreibt Breton.- 
...,,Mit Wohlbedacht weift ich nicht, warum ich es 
langere Zeit ungesagt lassen sollte, daft die kindische, 
hochtrabende, unnotigerweise verdummende ,,Humani- 
te" eine unleserliche Zeitung ist, die der Rolle der pro- 
lctarischen Erziehung vollig wiirdig ist, die sie zu spielen 
behauptet." 

Und etwas weiter: 

„Ich kann es nicht verstehen, daft es auf dem Weg der 
Revoke eine Rechte und eine Linke geben soil (...). Ich 
sage, daft die revolutionare Flamme dorr lodert, wo sie 
will, und daft es in der jetzigen Periode der Erwartung 
einer kleinen Gruppe von Menschen nicht zusteht, da- 
ruber zu verfugen, daft sie nur hier oder dort lodern kann." 

In diesem Streit ist das grofte Abwesende das Prole- 
tariat selbst und Rene Daumal hat Recht, ironisch von 
diesen angeblichen Marxisten in der Partei und den po- 
litischen Griippchen zu sprechen, die ,,in ihrer volligen 
Verstandnislosigkeit der Dialektik unendlich weniger 
wissen, als irgendein revolutionarer Arbeiter, der die 
Dialektik wenigstens erlebt." 

Wenn die Surrealisten sich cinbilden, sie konnten 
durch die Vermittlung der sogcnannten kommunisti- 
schen Partei die Massen ansprechen, so versagen sie sich 
selbstverstandlich schon — ohne das Groteske an einer 
solchen Illusion hier weiter beriicksichtigen zu wollen — 
die Sprache der Revolution sprechen und eine radikale 
Rede fiihren zu konnen. Hatte man die Idee einer von 
alien gemachten Poesie analysiert und bis zum Auftersten 
getrieben, so ware man zu der ihr innewohnenden revo- 
lutionaren Theorie der generalisierten Selbstverwaltung 
gelangt, diesem ,,unsichtbaren Strahl, der es uns moglich 
machen wird, eines Tages unsere Gegner zu besiegen", 
wie Breton vom Surrealen sagte. 

Weiter oben ist gezeigt worden, daft es eine surrca- 
listische Theorie im latenten und parzellierten Zustand 
gegeben hat, die schnell durch die Ideologic geschluckt 
wurde — so z.B. die privilegierten Momente des Lebens 
und die Suche nach ihnen, die Liebe und ihre Folgen 
auf dem Gebict der sozialcn Umwalzung, die Analyse der 
Alltaglichkeit und ihrer Entfremdung. Das erreichte 
aber niemals die Stufe einer Kritik des Bolschewismus, 
auch wenn Breton spater die jammerliche Verquickung 

69 



zwischem dem Verfasser der „Poesies" und dem von 
„Was tun'" stillschweigend berichtigen wird: „Der 
Surrealismus gehort dieser umfangreichen Unternehmung 
einer Neuschopfung der Welt an, der Lautreamont und 
Lenin sich ganz gewidmet haben." 

Als die Surrealisten sich dann mit ihrem ehemaligen 
Freund Pierre Naville streiten, beriihrt die Polemik nicht 
mehr die Dualitat von Kultur und gesellschaftlicher Or- 
ganisation. ,,Die Streitereien der Intelligenz", stellt 
Naville fest, ,,sind gegeniiber dieser Einheitlichkeit 
des Standes (dem Lohnwesen) absolut unniitz", er 
hatte aber einige Seiten vorher einen Wertmesser fur seine 
Intelligenz und seine Absicht geliefert, indem er das Di- 
lemma ubernahm, das die Surrealisten in Verlegenheit 
bringt, seit sie Dada nicht verstanden haben: ,,Glauben 
die Surrealisten an eine Emanzipation des Geistes, die 
der Abschaffung der burgerlichen Verhaltnisse des ma- 
teriellen Lebens vorangehen wird, oder meinen sie, 
daft ein revolutionarer Geist erst durch die vollfuhrte 
Revolution entstehen kann?" (in „Die Revolution und 
die Intellektuellen", 1926). 

Niemand will seine Stellung aufterhalb jeder Kritik 
der Trennungen verlassen — so meint Breton weiter, die 
Revolution miisse gleichzeitig die der Tatsachen und 
des Geistes sein, Naville, daft die Revolution der Tatsa- 
chen der des Geistes vorangehen muft, und Artaud, daft 
die des Geistes die andere bestimme. 

Bald tritt der stalinistische Virus auf . Niemand erhebt 
Protest, als Georges Sadoul in seinem gegen die franzosi- 
sche Polizei empdrten Artikel vom Dezembcr 1929 in 
,,La Revolution surrealiste" gelassen schreibt: „Ich er- 
greife diese Gelegenheit, urn die GPU zu griiften, diese 
revolutionare Gegenpolizei im Dienste des Proletariats, 
die die russische Revolution genauso notig hat, wie die 
rote Armee." Und als dann Aragon in seinem Gedicht 
,, Front rouge" (,,Rotfront") den beruhmten Vers 
schmettert: „Es lebe die GPU, eine dialektische Figur 
des Heldentums", weist als einziger der der,, Grand 
Jeu"Gruppe nahestehende Roland de Reneville darauf 
hin, daft dieses ,,Buch mit einer Hymne an die GPU 
endet, die vor dem prophetischen Blick des Geistes zu 
einer Hymne an die Polizei wird." 



70 



Nach seinem Bruch mit dem Stalinismus wendet 
sich Breton deutlicher an Trotzki. Mit ihm und Diego 
Rivera zusammen verfaftt er das Manifest „Fur eine re- 

zugeben, als Trotzki sich auf den alten Jesuitenlehr- 
spruch „Der Zweck heiligt die Mittel" beruft. Von die- 
sem Augenblick an verlangt er, daft man „bestimmte 
Aspekte im Denken Lenins und sogar in dem von Marx 
einer sorgfaltigen Kritik" unterwirft. Er wird iibrigens 
dieses Vorhaben auf sich beruhen lassen. Nach dem Krieg 
verlieren sich die politischen Positionen des Surrealismus 
in gelegentliche Interventionen. Zwar hatte die Entdek- 
kung Fouriers die Hoffnung auf eine vollstandige Neu- 
gestaltung des Surrealismus moglich gemacht, aber Breton' 
hebt vielmehr den Visionar und Poeten der Analogie als 
den Theoretiker einer radikal neuen Gesellschaft hervor. 

Da es sich mit der UdSSR verbietet, schwarmen Bre- 
tons und Perets letzte Nachfolger fur Kuba. Mit dersel- 
ben grausigen Ehrlichkeit wie seinerzeit Sadoul schreibt 
zum Beispiel Jean Schuster folgende Zeilen: 

,,Daft eine revolutionare Gesellschaft, die den Sozia- 
lismus aufbaut und dazu gezwungen wird, wie esin Kuba 
der Fall ist, von ihren Mitgliedern Mehrarbeit zu verlan- 
gen, daft diese Mehrarbeit am gerechtesten zwischen alien 
verteilt und gieich bezahlt wird — es gibt nichts Recht- 
maftigeres" (in ,,Schlachten fur den Surrealismus"). 



71 



2. EINE INFORMELLE ORGANISATION 

Der Surrealismus, der vom Willen zum Internationa- 
lismus beseelt und von den gemeinsamen Krisenverhalt- 
nissen der Industrielander getragen wird, verbreitet sich 
schwarmweise. Nach dem Vorbild derfranzosischenGrup- 
pe entstehen Gruppen in Rumanien, Jugoslawien, der 
Tschechoslowakei, Skandinavien, Belgien, Italien, Siid- 
amerika, den Kanarischen Inseln, Mexiko, Japan und 
Haiti ... Meistens werden die Beziehungen durch direk- 
te Kontakte hergestellt. Der Ton ward von der franzo- 
sichen Gruppe angegeben und es ist meistens der von 
Andre Breton. 

Als Prinzip fur die Rekrutierung und die Gruppe 
selbst gilt wahrscheinlich Bretons Aufterung in „Les 
pas perdus": ,,Man veroffentlicht Biicher, um nach 
Menschen zu suchen — und sonst nichts" — eine zwei- 
deutige Formel, wenn man den zwar edelmiitigen, aber 
auch autoritaren Charakter des Verfassers von ,,Nadja" 
kennt. Ein glanzender Denker, ist er jedoch weniger 
radikal als Peret. Seine voriibergehenden oder dauer- 
haften Freundschaften pflegt er mit einer Leidenschaft, 
die ihn sowohl zum blinden Vertrauen, als auch zur 
agressiven Wut verfuhrt. Wenn er auch seine Vorstel- 
lungen genauso gem aufzwingt, wie andere sich ihnen 
anschliefsen, so wird doch die Gruppe nur einer schwe- 
benden Hierarchie unterworfen. Durch eine tieferge- 
hende Analyse liefte sich ohne Zweifel Benjamin Perets 
Bedeutung herausstellen, der, weit davon entfernt, 
der Zweite und der treue Stellvertreter zu sein, als der 
er schwachsinnigerweise dargestellt wird, das unab- 
hangigste und libertarste Element der Bewegung ist. 
Hochstwahrscheinlich verdankt man ihm, daft alle Ent- 
scheidungen demokratisch — oder fast demokratisch — 
getroffen werden. 

Als Zielscheibe steht Breton im Mittelpunkt und so- 
wohl diejenigen, die er schwach genug war, als Freund 
zu behandeln, als auch diejenigen, die schwach genug 
waren, ihn als Freund zu ertragen, versaumen es nicht, 
seine Feierlichkeit, seinen Mangel an Humor, seine kin- 
dischen Wutanfalle, seine eingesessenen Gewohnheiten 
und das Aufdrangen seiner Lieblingsaperitif zu ver- 
spotten. Zweifellos erhebt Desnos die schwerwiegend- 

72 



sten Anklagen gegen ihn: 

„Andre Breton haftt Eluard und seine Poesie. Ich 
habe gesehen, wie Breton Eluards Biicher ins Feuer ge- 
worfen hat. Freilich hatte sich an diesem Tag der Ver- 
fasser von „L'amour, la Poesie" (,,Die Liebe, die Po- 
esie") geweigert, ihm 10.000 Francs vorzuschieften ... 
wenn Breton ihm dafvk kemen Wechsel ausstellen 
wolJte. Warum ist er sein Freund geblieben und warum 
lobt er sein WerW? Weil Paul Eluard , auch wenn 
er ein Kommunist zu sein behauptet, mit Baugrund- 
stiicken Geschafte macht, und weil das Geld aus den an 
die Arbeiter verkauften Sumpfgebieten dann dazu ge- 
braucht wird, afrikanische Bilder und Gegenstande zu 
kaufen, mit denen die beiden Handel treiben. 

Andre Breton haftt Aragon, iiber den er infame Ge- 
schichten erzahlt und ausplaudert. Warum schont er 
ihn? Weil er Angst vor ihm -hat und recht gut weift, 
daft ein Bruch mit ihm das Zeichen fur sein Verder- 
ben bedeuten wurde. 

Andre Breton hat sich damals aus dem ganz genau- 
en X^rund mit Tristan Tzara uberworren, daG der Chef 
des Dadaismus uns bei der Auffiihrung von „Coeur 
a barbe" hatte festnehmen hssen. Er weift es. Genau- 
so wie ich hat er gesehen und gehort, wie jener die 
Polizisten an uns verwiesen hat. Warum versohnt er 
sich jetzt mit ihm? Weil Tristan Tzara afrikanische Fe- 
tische und Bilder kauft, die Andre Breton verkauft. 

In einem Artikel iiber die Malerei wirft Andre Bre- 
ton Joan Miro vor, auf seinem Weg dem Geld begeg- 
net zu sein. Doch er selbst, Andre Breton, hat das 
Bild ,,Bestellte Felder" fur 5.00 Franc gekauft und 
fur 6 oder 8.000 Franc weiterverkauft. Zwar ist 
Miro dem Geld begegnet, aber Breton hat es in die 
Tasche gesteckt. 

Ernst wie ein Papst, wurdevoll wie ein Magier und 
rein wie Eliacin hat Andre Breton „Der Surrealismus 
und die Malerei" geschrieben. Es ist trotzdem seltsam 
festzustellen, daft die einzigen Maler, die er darin vor- 
behaltlos lobt, gerade diejenigen sind, mit denen es 
moglich ist, Geschafte zu rrrachen." 

Das, was Desnos zwar mit Recht aber nachtraglich 
denunziert, driickt wenigstens ein Unbehagen in den 
inter-subjektiven Beziehungen aus. Diese verdrangten 

73 



oder im Himmel der Ideen versteckten wahren kunst- 
lerischen Sorgen — was sind sie anderes als der Augen- 
wink der Geschichte an diejenigen, die sie ignoriert 
haben? Die Wahrheit des Grundbetrugs des Surrea- 
lismus kommt in den Tatsachen zum Vorschein: die 
Ideologic der Kunst im Dienste des Lebens halt der 
Indienststellung der Kunst und des Uberlebens in die 
spektakulare Warengesellschaft nicht stand. 

In der am 19. Oktober 1924 erschienenen Nummer 
seiner Zeitschrift ,,391" bemerkt Picabia iiber den 
Surrealismus: ,,Es ist nichts anderes als Dada, nur als 
Werbungsballon fur die Firma Breton und Co. verklei- 
det." Eigentlich scheint der Surrealismus vor allem ein 
System zu sein, dank dem Breton seine subjektiven 
Entscheidungen, Geschmacksrichtungen und Leiden- 
schaften objektiv begriinden will. Daft er dabei auch 
praktisch Geschafte gemacht hat, das gehorte dazu, 
die Schande jeder Ideologic Es war. nicht genug, Bre- 
ton zu denunzieren, man solltc das Schadliche und 
Zweideutigc analysieren, das in der vom Surrealismus 
gepriesenen Vertcidigung des Kunstwerks (Poesie, Ma- 
lcrci, Gegenstand oder Bild) steckt. 

In dem Augenblick, in dem die Kunst aufgewertet 
wird, mufs man mit dem dem Kiinstler angeborenen 
Karrierismus und mit seiner Neigung rechnen, seinen 
Nariien und sein Werk durchzusetzen. Ob wo hi eine sol- 
che Neigung durch den Surrealismus bekampft wurde, 
war sie trotzdem innerhalb der Gruppe vorhanden. 
Breton kann in ,,Pleine marge" (Voller Spielraum") 
1940 noch so sehr schreiben-. ,,Ich bin gegen die Ge- 
folgschaft", er wird doch — mit Ausnahme von Artaud 
und Peret — nur Anhanger haben, fur deren Gefolg- 
schaft er umsichtig sorgen wird, damit er an seiner Sei- 
te nur scharfsinnige Zustimmung findet. 

Die Frage der Trennungen und der Ausschliisse soil 
im Schatten einer so jammerlichen Praxis behandelt 
werden.,,Ohne uns durch personliche Feindschaft 
tauschen zu lassen und indem wir es gleichzeitig nicht 
akzeptieren, unsere Angst bei jeder Gelegenheit von den 
uns auferlegten gesellschaftlichen Verhaltnissen abhangig 
zu machen, sind wir gezwungen, uns jeden Augenblick 
umzudrehen und zu hassen", schreibt Breton im De- 
zembcr 1926 in „Legitime defense". Niemand will 

74 



leugnen, daft Ausschlluft und Bruch die einzigen Waf- 
fen einer intellekruellen Gruppe sind, aber die Schwie- 
rigkeit riihrt daher, da£ dcr Kampf gegen die Kompro- 
mittierung seinen Ausgangspunkt in einer Ideologic hat, 
das heiftt in seiner urspriinglichen Kompromittierung 
mit der herrschenden Welt. 

Der Surrealismus hat offenkundige Schwachkopfe 
ausgeschlossen, die aus, man weift nicht welcher, Duld- 
samkeit aufgenommen wo.rden waren — so zum Bei- 
spiel Joseph Delteil, der Autor von „Leben von Jeanne 
d'Arc", Maxime Alexandre, der sich spater unter Clau- 
dels Patenschaft bekehren wird, und einige andere. 
Das hinderte ihn aber nicht daran, sich mit Mittelmas- 
sigen wie Camus oder Ionesco einzulassen und in der 
Nachkriegszeit mit erbarmlichen Trotteln zu verkehren. 

Er hat mit den besten Argumenten aus politischen 
Griinden Leute ausgeschlossen, sei es wegen tiefgehen- 
der Meinungsverschiedenheiten — wie im Fall Antonin 
Artauds — oder wegen entehrender Stellungnahmen — 
zum Beispiel Aragon, Sadoul, Eluard und Dali. Schlieft- 
lich hat er die Maler und Schriftsteller ausgeschlossen, 
die von der Anziehungskraft des Gelds und der Ehrun- 
gen erfaftt wurden, und das sind die zugleich bezeich- 
nendsten und zweideutigsten Beispiele — diejenigen, 
die am besten das Unbehagen und seine Beschworung 
erkennen lassen. 

Von seinen Kiinstlern verlangt der Surrealismus, daft 
sie an der spektakularen Warenorganisation nicht teil- 
nehmen, in die er sich selbst gern oder ungern eingefiigt 
hat. Breton vertreibt Philippe Soupault und Robert 
Desnos, die sich der literarischen Koketterie schuldig 
gemacht haben, aber schon erklingt Rene Daumals War- 
nung: „Huten Sie sich davor, Andre' Breton, nicht eines 
Tages in den Schulbuchern fur Literaturgeschichte Ihren 
Platz zu haben, wahrend wir, sollten wir uns iiberhaupt 
um cine Ehrung bewerben, die auswahlen wurden, fur 
die Nachwelt in die Geschichte der Umwalzungen einzu- 
gehen." 

Eigentlich zwingt der Surrealismus der Kompromittie- 
rung Grenzen auf. Es ist zwar erlaubt, mit Kunstwerken 
Handel zu treiben und dabei einige Ehre zu erwerben — 
aber nicht zu viel. Und Breton erwartet, daft er weitcr 
Herr iiber das rechte Maft bleibt. „Oft habe ich be- 

75 



merkt", schreibt Victor Crastre, „wie selten diejenigen 
in der Gruppe waren, die aus eigenem Willen handelten; 
alle Entscheidungen wurden von einem kleinen Stab — 
Breton, Aragon, Eluard, Desnos, Peret und Leiris — ge- 
troffen und ohne Diskussion angenommen. Kritischer 
Geist kam bei den Surrealisten so selten zur Entschei- 
dung wie in jeder Partei mit starker Organisation." („Das 
Drama des Surrealismus") 

Wie konnte cine Gruppe, die in den wirklichen Kamp- 
fen passiv bleibt, also die Passivitat bestrafen, wie konn- 
te eine Gruppe, die die Hicrarchie duldet, Karrierismus 
und Opportunisms entgegentretcn, wie konnte eine ih- 
rem Wesen nach kulturelle Gruppe sich den Rekupera- 
tionsmechanismen einer Kultur entgegensctzen, die stu- 
fenwcisc in den Dienst der Wirtschaft und ihrcr Repre- 
sentation gcstellt wird? 



76 



IV. KAPITEL 



DER AUFSTIEG DES GEGENSTAND-BILDES 



1. DIE SPRACHE UND IHRE SUBVERSION 

Bei ihrem Untergang macht das Abentcuer der Kunst- 
gattungen - Malerei, Skulptur, Poesie, Literatur, Musik 
— drei wesentliche Phasen durch: eine Phase der Liqui- 
dierung (Malewitschs „weiftes Viereck", das „Fontaine" 
genannte Pissoir von Mutt-Duchamp, die dadaistischcn 
Wortcollagen, Joyces „Finnegan's Wake", cinige Musik- 
stiicke von Varese); eine Phase der Selbstparodie (Satie, 
Picabia, Duchamp) und eine Phase der Aufhebung (die 
erlebte Poesie der revolutionaren Momente, die Theorie, 
die von den Massen Besitz ergreift oder auch folgendes 
Plakat, das von Ascaso und Durruti auf dem Dom in 
Saragossa angeschlagen wurde und auf dem die Aktion 
sogleich folgte: ,,Nachdem Ascaso und Durruti erfahren 
hatten, da(l Ungerechtigkeit in Saragossa herrschte, sind 
sie hergekommen, um den Erzbischof zu erschieisen." 

Der Surrealismus hat sich auf der Grundlage dieser 
drei Tendenzen entwickelt, indem er sich keiner unter- 
warf, aber alle drei zum Vorteil der getrennten Kunst 
und des getrennten Denkens entstellte, mit denen er 
Schluft machen wollte. Damit wird der wirkliche Kon- 
flikt in die Ideologic iibertragen, in ein Gedankensystem, 
das vom Wirklichen getrennt ist, es verheimlicht und 
ihm seine Verzerrung aufzwingt. Auf dem moralischen 
Gebiet kommt der Konflikt im Zusammenstoft zwischen 
einer Ethik und der Reinheit und der resignativen Kom- 
promittierung zum Ausdruck; auf dem asthetischen Ge- 
biet halt er der Unterwerfung unter den herrschenden 
Gebrauch der Sprache der Zeichen und der Malerei die 
Ablehnung einer solchen Sprache durch deren Zweck- 
entfremdung, Subversion und Ersetzung durch die Magie 
der dem alltaglicheh Abenteucr cntlehnten Bilder und 
Gcgenstande entgegen. 

Der Dada treue Francis Picabia hatte endgiiltig ver- 
kiindet: „Die Kunst ist ein pharmazeutisches Produkt 
fur Schwachkopfe." Noch 1927 schrieb Artaud in 

77 



„Le pese-nerf ' („Die Nervenwaage"): „AUes Geschrie- 
bene ist eine Schweinerei. Diejenigen, die aus dem Unbe- 
stimmten heraustreten, um zu versuchen, irgend etwas 
von dem zu prazisieren, was in ihrem Denken geschieht, 
sind Schweine. Die gesamte literarische Sippschaft ist 
schweinisch, und besonders diejenigen dieser Zeit." 

Wenn der Surrealismus die Kunst und das Schreiben 
ablehnt, dann nicht im Sinne von Picabia oder Artaud. 
Er lehnt nur Gides, Frances oder Claudels Schreibkunst, 
die Kunst der Kubisten, der abstrakten und konventio- 
nellen Maler ab. Wenn Breton 1952 von Gide spricht, 
ist es ihm immer noch ein Bedurfnis, dieses ,,glanzende 
Exemplar einer Gattung" herunterzumachen, „von der 
wir Surrealisten die Hoffnung nicht aufgegeben haben, 
daft ihre Zeit vergangen sei — diejenige des Berufsli- 
teraten, das heifst eines Individuums, das stets das Be- 
durfnis kitzelt, zu schreiben und veroffentlicht, gele- 
sen, iibersetzt, kommentiert zu wcrdcn; eines Indivi- 
duums, das iiberzeugt ist, uns doch zu ,,kriegen" und das 
die Nachwelt durch die Quantitat doch „kriegen" wird, 
wenn nur diese Quantitat die Qualitat des Stils nicht 
ausschlieftt. 

In diesem falschen Gegensatz kommt aber sogar die 
schlimmste Literatur heil davon. Um sich davon zu iiber- 
zeugen, geniigt es, die Waschzettel, die lobenden Vor- 
worte und die klcinen, gesellschaftlichen Komplimente 
wiederzulesen, zu denen sich die Surrealisten hinreilsen 
lassen, um einem Freund eine Gefalligkeit zu erweisen; 
es geniigt, den jammerlichen Stilubungen zuzusehen, die 
in den surrealistischen Zeitschriften der Nachkriegszeit 
veroffentlicht wurden. 

Gleichzeitig macht das Schopfungsexperiment die 
schreckliche Macht einer Sprache anschaulich, die nicht 
nur diejenige der Gideschen Literatur, sondcrn auch die 
herrschende Ausdrucksweise jeder Kommunikation und 
jeden Ausdrucks ist. Sehr schnell tritt auch die doppelte 
Ubereinstimmung der herrschenden Sprache mit den 
Kraften der Unterdriickung und der Luge auf der einen 
Seite und des lebendigen Worts mit der Revoke auf der 
anderen Seite in Erscheinung. Wahrend Breton iiber 
Barbusse spottet, den Intellektuellen der Partei, der 
ein Wiederaufleben der Kunst herbeiwunscht, ruft er 
aus: „Was geht uns dieses Wiederaufleben der Kunst 

78 



an? Es lebe die soziale Revoke und nur sie! Wir miis- 
sen auf ernstere Weise mit dem Geist abrechnen, wir 
leben zu schlecht in unserem Denkcn ..." („Notwehr"). 

Auch Peret betont den entfremdenden Charakter des 
getrennten Denkens und der herrschenden Sprache, 
wenn er schreibt: „Bestimmte Satze konnen mich daran 
hindern zu lieben." Das setzte die Existenz einer Sprache 
voraus Qm breiteren Sinne: Haltungen, Lieder, Gesten, 
Worte usw.), die zur Liebe wie iibrigens auch zur Revo- 
lution anregt. Wenn der Surrealismus gerade diese Spra- 
che nicht ganz ignoriert hat, so konnte er sich ihr nur 
annahern. Da er von der Kultur gefangengenommen ist, 
kann er nur eine Widerspiegelung der Revolution der 
Sprache im abgeschlossenen Raum entwickeln und da- 
mit experimentieren, bci der die emanzipierten Worte 
und Bilder ihre Autonomic fur eine Freiheit und ihre 
abstrakt assoziierenden Spiele fur einen Aufforderungs- 
schuft gegen die alte Welt halten. 

Die radikalsten unter ihnen fiihlen sich doch dazu ver- 
sucht, die Poesie als Waffe gegen die herrschendc Spra- 
che mit der revolutionaren Theorie zu identifizieren, 
die aus den wirklichen Kampfen des Proletariats kommt 
und zu ihnen als Radikalisierungspraxis zuriickkehrt. 
Andre Thirion und Pierre Yoyotte liefern einige scho- 
ne marxistische Analysen, ohne daft dann weiter der 
Kritik der Weg gebahnt wird, so daft man auch anderswo 
nach dem Gefuhl suchen muft, die echte poetische 
Sprache sei diejenige, die zur Aktion bewegt und zu 
ihrer Verwirklichung anregt. Eine solche Sprache hat 
mit dem Verbalismus der stalinisierenden Pinselei eines 
Gedichtes wie Aragons ,, Front rouge" („Rotfront") 
nichts gemeinsam. Sie wlrkt bei Beschimpfungen und 
Sarkasmus schlecht (so z.B.: „Jean Cassou, der Dres- 
sierte Hund und, M. Arland, die Stadtkanalisation, 
Albert Thibaudet, Kariesbewahrer, M. Maeterlinck, der 
Federlose-Vogel, Paul Valery, der Lacherliche-Auserko- 
rene,die stinkende Bestie Cocteau usw."), aufter wenn 
Tatsachen der Beschimpfung vorausgehen oder folgen, 
die zu einer skandalerregenden oder gewalttatigen Pra- 
xis hcrausfordcrt. 



79 



Das Pamphlet „Eine Leiche", das anlafslich der Be- 
erdigung von Anatolc France verteilt wurde, bricht zum 
Beispiel mit der Tradition, die Toten nicht zu beschimp- 
fen, und rehabilitiert die Entweihung. Im Gegensatz 
zu der literarischen Beschimpfung sind hier die W'orte 
nicht von der Aktion getrennt, die kehren zu ihr zuriick, 
als ob sie diese Verursacht hatten, und sie schaffen einen 
Prazedenzfall. Folgender Text besitzt ebenfalls poeti- 
sche Funktion, der am 1. Januar 1931, dem Todestag 
Joffres, also drei Jahre vor Poincares Tod, veroffentlicht 
wurde: 

,,In bestem Gedenken an 
den Feldmarschall J off re, 
den Feldmarschall Foch, 
Georges Glemenceau 
und den Prasidenten Poincare." 

Peret und Eluard versuchen zwar, die Identitat 
zwischen der Poesie und der auszufuhrenden Tat weiter- 
zutreiben, aber ihr Aufruf zum Mord halt nicht gegen- 
iiber dem Vorwurf stand, die jede revolutionare Taktik 
dem unmotivierten Terrorismus machen darf : 

„ln Frankreich ist unser Pissoir-Mussolini wieder aus 
der Gosse hervorgekommen. Poincare herrscht als 
Durchschnittsfranzose iiber lacherliche Ereignisse und 
verkommene Strohmanner. Wird er noch lange den Mor- 
dern mit offensichtlich gutem Willen den Mut nehmen?" 

Am sichcrsten findet Peret zur sinnlichcn Sprache des 
Wutgeschreis und der Verabscheuung zuriick. Sein Ge- 
dichtband ,,Von diesem Brot esse ich nicht" erinnert an 
die Psalmengesange der walisischen Barden, von denen 
Casar versichert, sie hatten den Feind so sehr in Schrek- 
ken versetzt, daft er manchmal daran gestorben ware. 
Selten hat die Kraft der Verachtung im Kampf gegen 
die Unterdriickung und die Dummheit der Macht eine 
solche Roheit des Ausdrucks erreicht. Patriotischer 
Heldengeist wird nicht wiederaufkommen, solange sol- 
che Worte Gehor finden: 

,,Verfaule Condamine de la Tour 
Verfaule du knochenloses Aas." 

Gleichfalls wird den groften Fiihrern ihre richtige ge- 
schichtlichc Bedeutung beigemessen, wenn die Kinder 

80 



folgendes Lied iiber Clemenceau lernen: 

„Er ist verreckt, verreckt ist er 
Maden bis zum Ende 
verzehrt dieses Aas 

und mogen seine Knochen zu Trillerpfeifen der Revolu- 
tion werden." 

("Tigerfell") 

Von der Sprache der Praxis wird Peret nun den direk- 
ten, leidenschaftlichen Aspekt, ihre Unmittelbarkeit be- 
nutzen. Wie die anderen Surrealisten, deren wirkliche 
Praxis mehr kunstlerisch als revolutioniir ist, experimen- 
tiert er nicht mit der radikalen Theorie, sondern er redu- 
ziert sie auf eine ideologische Kritik an der Sprache der 
herrschenden Ideologic 

Andre Breton hatte eine ernstzunehmende Analyse 
eben dieser Sprache der herrschenden Ideologic ent- 
worfen, als er in der ,,Einfuhrung zur Rede iiber das We- 
nige an Wirklichkeit" schrieb: ,,Die Worte sind dazu ge- 
neigt, sich gemaft besonderer Verwandschaften umzu- 
gruppieren, die allgemein bewirken, daft sie jeden Au- 
genblick die Welt nach ihrem alten Vorbild wiederer- 
schaffen." Er sieht aber nicht, wodurch diese Sprache 
die ausgearbeiteste und iiberzeugendste Form des ideo- 
logischen Systems ist, durch das die Macht (die herr- 
schende Klasse oder Kaste) ihre Anwesenheit aufzwingt. 
Indem Breton dann prazisierend fortfahrt: „Es geniigt, 
daft unsere Kritik sich auf die Gesetze bezieht, die ihre 
Vereinigung behcrrschen", macht er sich jedes Verstand- 
nis dafiir unmoglich, daft es nur der Sprache der globalen 
Subversion — der radikalen Theorie oder der praktischen 
Poesie — gelingen wird, die herrschende Sprache und die 
alte Welt zugleich zu zerstoren. Ganz im Gegenteil 
heiftt der Beschluft, ,,die Worte spielen, die Worte lieben 
sich", unter dem illusorischen Vorwand, die Sprache der 
Macht zu bekampfen, das gleiche wie diese zu erneuern, 
zu modernisieren und ihr einen neuen Lebensschein 
zu verleihen. 

Die hellsichtigsten Kopfe innerhalb der surrealisti- 
schen Ideologic suchen ununterbrochen nach der Erin- 
nerung an das in der Endphase der Dada-Bewegung ver- 
drangte radikale Moment, so daft sich in dieser Ideologic 
selbst mehrere Tendenzen deutlich unterscheiden lassen 

81 



(die sich in den verschiedenen Haltungen gegeniiber der 
Kunst decken), wie zum Beispiel die Selbstparodic, die 
Hoffnung auf eine Aufhebung, der Wille zur Zerstorung 
und die Wahl der Literatur. 

Vom zerstorenden Cnarakter der dadaistischen Colla- 
ge hat der Surrealismus nur die ludistische Motivierung 
behalten wollen. Tatsachlich haben Wortspiele immer 
noch eine entheiligende Wirkung, wenn Duchamp sich 
mit ansteckenden phonetischen Entwendungen amiisiert 
wie zum Beispiel K ) : 

,,Rrose Selavy meint, ein Insektenvertilgungsmittel 
soil mit seiner Mutter schlafen, bevor es diese totet" 

Michel Leiris iibernimmt dieses Vorgehen, um darin 
aber die geheimnisvollen Analogien ans Tageslicht zu 
bringen, die durch die Traumereien der Subjektivitat 
und das geheimc Drangen des Geistes aufgezwungen 
werden. So vermerkt er zum Beispiel in seinem „Glos- 
sar: dort verwahre ich meine Glossen" (,,Glossaire: 
j'y serre mes gloses")( **): 

„Wrackgut: es pflastert das Meer" 

(„Epaves: elles pavent la mer") 

„Gespenst: durch die Helme zur Welt gebracht". 

(,,Fantome: enfante par les heaumes") 

Wahrend Michel Leiris versucht, eine Sprache heraus- 
zuarbeiten, dereh Fliissigkeit der subjektiven Regungen 
gerecht werden kann und deren Klangfulle auf die Welt 
der individuellen Innerlichkeit zuriickweist (mehrere 
seiner Biicher analysieren die Sprache als den Ausdruck 
einer personlichen Mythologie), fordert Breton den 
Glauben an eine objektive Gegen-Sprachc, in der die 

(*) Von den 5 vom Autor zitierten Beispielen laftt sich leider nur 
eins aus rein sprachlichen Griinden ins Deutsche ubertragen 
(Anmerkung des Obersetzers) 

(**)Sowohl der Buchtitel als audi die beiden Beispiele beruhen 
auf einem Wortspiel, das sich nicht ins Deutsche ubertragen 
laJJt; deshalb haben wir den jeweiligen franzosischen Satz 
zum Vergleich zitiert. (Anmerkung des Obersetzers) — Auf 
das zweite Beispiel bezieht sich folgende Anmerkung des 
Autors: „Das Wort deutet insgeheim auf die phantastische 
Szene in Horace Walpoles Roman „Das Schlofi Orante", in 
der ein riesiger Helm auf dem Schlofihof zum Vorschein 
kommt." 

82 



Wortverbindungen der Rationalitat der herrschenden 
Sprache entgehen konnten. Alles geht so vor sich, als 
ob man der Sprache an sich eine abstrakte Form der 
Sprache fur sich entgegensetzen wollte. 

Daft es eine Sprache fur sich gibt, das beweist zur Ge- 
niige die Sprache des revolutionaren Moments. Ihre 
Zeichen sind zahlreich und verschiedenartig; ihre Ein- 
heit finden sie in eincr allgemeinen Bewegung des Auf- 
stands und einer globalen Aufhebung. Diese Tendenz 
zeigte Leiris in jedem auf ; wahrend die Kunst der Kin- 
der und der Wahnsinnigen sie in ihrer parzellierten Form 
offenbarte. Der Surrealismus nimmt die Sprache fiir sich 
in dieser parzellierten und untergeordneten Form wahr. 

Im Surrealismus ist die Anwesenheit einer Gegen- 
Sprache — die ursprunglich nichts anderes ist als die 
Notwendigkeit, die Bahnen der traditionellen Poesie 
zu verlassen und eine andersartige Poesie zu schrei- 
ben — ein unmittelbar Gegebenes. Dieses vollkommen 
literarische Postultat gibt einer doppelten Forschung 
den Anstoft — und zwar einerseits nach der Autonomic 
der Beziehungen zwischen den Worten und andererseits 
nach der psychoanalytischen Einheit dieser Beziehun- 
gen. 

Als Lautreamont von der ,,zufalligen Begegnung einer 
Nahmaschine und eines Regenschirms auf einem Sezier- 
tisch" sprach, leitete er die surrealistischen Sprachfor- 
schungsstatten ein. Die Anwendung des objektiven Zu- 
falls herrscht beim Spiel des „cadavre exquis" vor, das 
nach dem „Gekiirzten Worterbuch des Surrealismus" 
ein ,, Spiel mit gefalteten Papier" ist, ,,das darin besteht, 
einen Satz oder eine Zeichnung von mehreren Personen 
zusammensetzen zu lassen, ohne daft einer von ihnen 
den vorhcrgehenden Beitrag bzw. die vorhergehenden 
Beitrage in Betracht ziehen kann. Das klassisch gewor- 
dene Beispiel, das dem Spiel seinen Namen gegeben hat, 
besteht aus dem ersten, so zusammengesetzten Satz: 
,,die kostliche Leiche / wird / den neuen Wein / trin- 
ken". 

Dann macht sich Breton daran, aus den so gewonne- 
nen Satzen eine innere Lvgik herauszuarbeiten. Dabei 
wird noch einmal Lautreamonts Satz als Vorbild be- 
nutzt: 

,,Bedenkt man, welch aufierordentliche Wirkung im 

83 



Geist des Lesers Lautreamonts beriihmter Satz zcigen 
kann: ,,Schon wie die zufallige Begegnung einer Nahma- 
schine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch", 
und zieht man zur Deutung die einfachsten Sexualsym- 
bole heran, so wird man sehr bald auf das Geheimnis 
der Wirkung kommen; der Regenschirm kann hier nur 
den Mann bedeuten, die Nahmaschine die Frau (wie 
ubrigens die meisten Maschinen, wobei noch hinzu- 
kommt, daft Frauen die Nahmaschine, wie man weift, 
haufig zum Onanieren verwenden) und der Seziertisch 
das Bett, das seinerseits Leben und Tod auf einen ge- 
meinsamen Nenner bringt." (Die kommunizierenden 
Rohren) 

Vergleicht man Bretons Absicht mit Leiris' Analyse, 
so kommt die unterschiedliche Orientierung deutlich 
zutage. Leiris' Interesse ist es, die Sprache der Begier- 
den sorgfaltig zu umfassen, wahrend es Breton darum 
geht, einen neuen Stil der Schonheit zu begriinden und 
darzulegen, letzten Endes eine menschliche Asthetik 
zu fordern. Breton behalt einen Fuft in der Literatur 
und den anderen in der erlebten Wirklichkeit. Sein gan- 
zes Werk wird durch dieses unbequeme Hinken gepragt, 
wobei er aber geistreich genug ist, daraus eine Freiheit 
dcs Denkens zu machen. 

Rechts von ihm gewinnt die literarische Parteinah- 
me die Oberhand. So ist zum Beispiel Eluard keines- 
wegs im Zweifel uber den Ausgang dieser Wahl: „Es 
sind nicht unbedingt Liebende, sagt er, die die schon- 
sten Liebesgedichte geschrieben haben, und wenn es 
solche waren, machten sie nicht ihre Liebe dafur ver- 
antwortlich". Das Erlebte ist also weniger wichtig als 
seine Representation, als sein Bild: hier liegt die ganze 
Entfremdung des Lebens durch die Kultur. 

Links von ihm — abgesehen von Leiris, dessen sehr 
interessanten Forschungen zu keiner sozialen Praxis 
fiihren und auf diese Weise in den Positivismus zuriick- 
fallen - schlagt die Erinnerung an die mogliche Aufhe- 
bung mit Peret und Artaud zwei verschiedene Wege 
ein. 



84 



Wenn Peret die Sprache der Gewalt nicht bis zum 
Auftersten treibt („Von diesem Brot esse ich nicht"), 
errichtet sein Werk eine Art sprachliches Schlofi Silling, 
in dem er, wie Sade versucht hat, die Gesamtheit der 
erotischen Einfalle erschopfend zu behandeln, nach dem 
Absoluten der bildlichen Kombinationen sucht. Er ist 
vermutlich der einzige, der eine Welt der Gegen-Sprache 
geschaffen hat — eine Welt, die den Kindern und den un- 
verbesserlichen Traumern unmittelbar zuganglich ist, 

eine Welt, die die soziale Revolution braucht, um alien 
ihre Banalitai auf naturliche Weise zu enthiillen: 

,,Eine grofte Wut, eine grofie Wut wie die ciner auf das 
Dach einer Kirche hingeworfenen, welken Blume hatte 
Nestor gepackt. Denken Sie nur, da hatte Amerika ihm 
gesagt: ,,lch bin Wurttemberg". Und, als er geantwortet 
hatte, New York befinde sich nicht in Wurttemberg, ant- 
wortete das erziirnte Amerika, New York sei die Haupt- 
stadt Wurttembergs, seit dem die seetuchtige Krake in 
ihren Fangarme genannten Krallen ein Kind mitge- 
schleppt hatte, das wie eine Kirche an einem Oliven- 
baum an einem Baum in der 14th Avenue hing. Gestiitzt 
auf seine gerechte Sache ziindete Nestor eine Pfeife an, 
die er vorher mit Perlenausternschalen gestopft hatte, 
was ihm erlaubte, stolz zu sagen: ,,Ich rauche nur Per- 
len". Es geniigt abcr nicht, eine Pfeife anzuziinden, man 
mufs sie auch rauchen. Nun stellte Nestor bald lest, daft 
es ihm nicht moglich war. Zwar rauchte seine Pfeife, 
er aber rauchte nicht". („Das galante Schaf") 

Die Suche nach einer Totalitat der Sprache gleicht 
von dem Augenblick an diejenige nach einer Sprache 
der Totalitat aus, in dem die Entdeckung der automati- 
schen Schrift dem Mangel an Konsequenz der dadaisti- 
schen Negativitat abhilft. Auch Artaud geht von der 
automatischen Schrift aus, er wendet sich aber dann im 
Gegensatz zu Peret der Innerlichkeit, dem Drama des 
entfremdeten Bewufttseins zu. Obwohl er genau so ent- 
fernt wie die andcrcn Surrealisten von dem historischen 
Aspekt des Konflikts zwischen den spontanen Wort- 
assoziationen und der Sprache an sich bleibt, gelingt es 
ihm, diesen Widerspruch zu isolieren und ihn als ein 
ontologisches Leiden, als den Fluch des Seins zu behan- 
deln (daher seine permanente Suche nach Beschworungs- 
formeln.) Aus einem seiner Manuskripte ist der Ur- 

85 



sprung der Schwankung zwischen dem Zusammcnbruch 
des Schreibens und der Niederschrift des geistigen und 
physischen Zusammenbruchs deutlich herauszulesen, 
durch die er sich definieren laftt: 

„Auf dem Gebiet des Bedingten gelingt es nur den 
Satzen, die unmittelbar aus dem Unbewuftten stammen, 
sich ganz zu entfalten. Wird aber zufallig das Bewuftt- 
sein wieder wach, es sei ... (hier eine Liicke im Ma- 
nuskript) durch einen Eingriff von auften, dann nehme 
ich die Hemmnisse wahr, die der Vollendung meines 
Gedankens entgegenstehen. Diese sind immer wieder 
gleicher Art: die Gedanken entleeren sich ihres Sinns, 
ihres nervlichen, gefuhlsmafsigen Inhalts, bei welchem 
Grad ihrer Bildung und Materialisierung man sie immer 
auch erfassen mag, ob man diesen Verlust, diese Entlee- 
rung wahrnimmt oder nicht, und was man auch immer 
unter dem Wort ,,Gedanke" verstehen mag. Das sieht 
ungefahr aus wie eine Amnesie, es ware aber vielmehr 
eine physische Amnesie, die Untersagung des den Aus- 
druck tragcnden Stromes. Plotzlich gibt es eine Schwan- 
kung, ein Hindernis und auf einmal zerrinnt der durch 
die Ausiibung des aktiven Geistes bewirkte Zustand der 
Hellsichtigkeit; die Gedanken triiben sich aus Mangel 
an Fassungskraft, aus dem Zerrinnen und der Zersplit- 
terung von man weift nicht welchem Lebensmagne- 
tismus, einem •Gefiihl der hoheren Verwirrung, bei dem 
man dazu ncigcn wiirde, das Chaos des Geistes anzu- 
klagen — ich meine, den Geist als eine grofte, gestorte 
Masse zu sehen, wahrend sie nur leer ist, dann ver- 
sucht man, ihrer voriibergehenden Ohnmacht abzuhel- 
fen, dem, was man fur ein momentanes Hindernis 
halt, dem die zentrale Aktivitat des Geistes schnell ab- 
helfen soil. Man versucht, den Gegenstand der Aktivi- 
tat des Geistes zu wechseln, wobei man meint, daft die- 
se Richtungsanderung, indem sie den Geist dazu bringt, 
sich auf einem neuen und besser gewahlten Gebiet zu 
betatigen, ihm gleichzeitig seine Lebenskraft wiedergibt, 
jedoch folgt eine fiirchtcrlichc Verzweiflung, die um so 
schrecklicher ist, als sie in der Leere wirkt und selbst 
in der allgemeinen Austrocknung des inneren Gefiihls- 
lebens keine Kontakte mehr herstellen kann. Diese Ver- 
zweiflung ist von der Tatsache her wirklich absolut 
zu nennen, das man festellen kann, daft das Organ 

86 



selbst der geistigen Tatigkeit beschadigt ist, es einen 
Denkverlust gibt, der Trieb zum Denken selbst betrof- 
fen ist, der Lebensmagnetismus nach alien Seiten ver- 
rinnt, das Hindernis nicht mehr iiberwunden werden 
kann und sich an seiner Quelle mit jedem Schwung er- 
schopft. Ubrigens ist diese im nachhinein gemachte 
Analyse eines Zustandes der argen Verwirrung und 
Schwachheit absolut unfahig, seine Storungskraft aus- 
zudriicken und zu zeigen, wie alles, was die Personlich- 
keit ausmacht, in diesen Zusammenbruch mitgerissen 
wird und wie das Ich-Gefuhl selbst samt seinen Mog- 
lichkeiten in dieser Ich-Verzweiflung zugrundegeht". 

Dbrigens treffen sich Artaud und Peret in dem ge- 
meinsamen Glauben an Archetypen. Das unmogliche 
Zuriickgreifen auf das totale Sein und der unmogliche 
Zwang zur Totalitat der Sprache begriinden eine Meta- 
physik, in der sich die unendliche solipsistische Suche 
mit vor jeder Wirklichkeit existenten Wesen zufricden 
gibt, deren Zeichen nur durch Hellsehen offenbart, 
prazisiert und verandert werden konnen. Der Analyse 
der verborgenen Bedeutungen, die Artaud in der ,,Reise 
zum Land der Tarahumaras" in den Felsenformen ent- 
deckt, enspricht — mit der Bemiihung um eine materiali- 
stische Rechtfertigung — Perets Text iiber den Maler 
Wilfredo Lam: 

,,Die wirkliche Aufgabe des Kiinstlers — des Malers 
oder des Dichters — bestand von jeher darin, in sich 
selbst die Archetypen wiederzufinden, die dem poeti- 
schen Denken zugrundeliegen, und dieses mit einem 
neuen Gefiihlsleben zu beladen, damit zwischen seinen 
Mitmenschen und ihm selbst ein umso intensiverer ener- 
getischer Strom flielst, als diese aktualisierten Archety- 
pen als der offensichtlichste und neueste Ausdruck der 
Umwelt erscheinen, die den Kunstler bedingt 
hat". 



87 



Auf halbem Weg zwischen Artaud und Peret und um 
so zuriickhaltender mit der blolsen Ausnutzung auf dcm 
Gebiet der Literatur und der Malerei, als seine tatsachli- 
chen, diesbezuglichen Positionen zu einer Ausnutzung 
ermuntern, will Andre" Breton einen wichtigen Teil sei- 
ner Aufmerksamkeit dem Bild als solchem, das heilst als 
einem asthetischen Element widmen. 

Als Asthet und Feind des Asthetizismus hat sich Bre- 
ton oft damit begniigt, den verfaulenden Zauber der 
Friedhofe der modernen Kunst neu zu beleben. Seine 
beriihmte Formel: „Die Schonheit wird konvulsivisch 
sein oder sie wird nicht sein" ist mehr wert als Beispie- 
le, die er fiir sie anfiihrt. Wenn es moglich ist, daft die 
groften Momente des zukiinftigen Endkampfes sie eines 
Tages in Anspruch nehmen, so wird sie im Surrealismus 
nur die glanzende Spur gezeigt haben, die das Subjekti- 
ve und das alltagliche Abenteuer dem abgenutzten Ge- 
webe der herrschenden Sprache hinterlassen haben. 

Im ersten Manifest wurde angekiindigt ,,Das Wunder- 
bare ist immer schon, jedwedes Wunderbares ist schon, 
es ist sogar nur das Wunderbare schon." Das war schon 
Fantomas gegen Laficadio, Nerval gegen Lamartine, 
Jarry gegen Zola; all das, was heute die linke Kultur 
ausmacht — hellsichtigere Ideen im Dienste einer allge- 
meineren Verblodung. 

In Bretons Geist ist auch das Wunderbare das, was 
den Kult der Metapher, die neue Beleuchtung der 
Schonheit begnindet. In der Metapher, deren vielfache 
Feier die gesamte surrealistische Poesie (im engeren 
Sinne des Wortes) ist, wirken gleichzeitig der durch das 
Spiel der kontrasticrenden Zusammenstellungen verur- 
sachte Funken, der die erstarrte Sprache zerstort, und 
derjenige, der durch den Zusammenstofs der subjektiven 
Symbole ausgelost wird und eine neue Sprache schafft. 
Im Licht des Wunderbaren, in der zuckenden Schonheit 
bilden diese beiden Bewegungen nur eine einzige. 

So ist das System der Metapher und des Bildes in 
der Malerei die ideologische List, durch die der Surrea- 
lismus dem Niederschlag des kulturellen Abfalls eine 
Zeitlang entgehen konnte,.der der Explosion der Jahre 
1915 - 1920 folgte. Dadurch konnte er sich von der 
gesamten literarischen und kiinstlerischen Produktion 
fernhalten, die in einer triiben Eintonigkeit das Ende 

88 



des Romans seit Joyce, das Ende der Malerei seit Male- 
witsch, das Ende der Skulptur seit Duchamp und das 
Ende alles ubrigen seit Dada neu inszenierte. Auch da- 
durch verheimlicht er den Bankrott der Kultur als ge- 
trennten und entfremdenden Sektor, sowie die Notwen- 
digkeit, vom archaischen Begriff einer lebendigen Kunst 
zu einer Lebenskunst iiberzugehen. 

Die Metapher und das Bild brauchen keine fremde 
Hilfe. Sie bilden eine geschlossene kulturelle Kreisbahn, 
die auf falsche Weise von der kulturellen Herrschaft be- 
freit ist und, weit davon entfernt, diese zu bedrohen, 
sie aufrechterhalt. Ohne hier auf den Anteil eingehen 
zu wollen, den die Kunst der faszinierenden Bilder an 
dem zunehmenden Voyeurismus in dem Malse genom- 
mcn hat, in dem die Wirtschaft des Uberkonsums das 
zu sehen gab, was sie „anbot", und das verkaufte, was 
sie zu sehen gab, sollte doch darauf aufmerksam ge- 
macht werden, daft die Erklarung des metaphorischen 
Systems "durch das Wunderbare ihre Koharenz nicht 
aufierhalb einer Ideologic finden konnte, die immer 
csotorischer wurde und dazu neigte, sich kaum von der 
Geheimlchre der Alchimisten zu unterscheiden. 

Auf paradoxe Art — so wie die Alchimisten sozusa- 
gen am Rande ihrer Forschungen die Schwefelsaure ent- 
deckten — erzeugtc der Ubergang von der Magie der 
Sprache zur Sprache der Magie eine Entmystifizierungs- 
technik — die Entwendung. Freilich driickt sich Breton 
hicr nicht genauso aus wie spater sie Situationisten 
(,,Die beiden grundlegenden Gesetze der Zweckentfrem- 
dung sind der Verlust der Wichtigkeit — der bis zum 
Verlust des urspriinglichen Sinns gehen kann — von jedem 
zweckentfremdeten autonomen Element und zu gleicher 
Zeit die Organisation einer neuen bedeutungsvollen Ge- 
samtheit, die jedem einzelnen Element seine neue Be- 
deutung verleiht."), er gibt sich mit folgender Feststel- 
lung zufrieden: ,,Alle Dinge sind dazu berufen, zu ande- 
ren Zwecken zu dienen als zu denen, die ihncn im allge- 
meinen zugewiesen sind" („Die Morgendammerung") 
und er wendet dieses Prinzip in einem mit Eluard 
verfafsten Text an, den ,,Aufzeichnungen iiber die Poe- 
sie" (La Revolution surrealiste N. 12). Aus Valerys 
Satzen ,,Ein Gedicht soil ein Fest des Intellekts sein" 
und ,,Die Poesie ist ein Fortleben" wird ,,Ein Gedicht 

89 



soil ein Zusammenbruch des Intellekts sein" und „Die 
Poesie ist eine Pfeife" . Bekannt ist auch Magrittes 
humoristischer Gebrauch der Entwendung, als er die 
Personen von klassischen Bildern durch Sarge ersetzte. 
Aus Mangel an einer globalen Kritik wurde dieses Ver- 
fahren weder weiter ausprobiert noch auf den revolutio- 
naren Kampf bezogen. Es ist eine unter den Waff en, die 
der Surrealismus seinen Erben zu einem besseren Ge- 
brauch hinterlaist. 



90 



2. WILDES AUGE UND ZIVILISATION DES 

Bretons heftige Reaktion gegen Naville, der als dama- 
liger Direktor der Zeitschrift „La Revolution surrealiste" 
die Meinung vertreten hatte, daft es keine surrealistische 
Malerei geben konnte, laftt sich durch das Spiel der inne- 
ren Koharenz des Systems der Metapher und die mate- 
riellen Vorteile erklaren, die sich mehrere Surrealisten 
aus dem Handel mit Bildera verschafften. Um sich auf 
die Radikalitat und die revolutionare Gewalt zu beru- 
fen, besaft die surrealistische Malerei nicht das Argument 
der kritischen oder brutalen Sprache. Dagegen ist sie 
leicht in derselben Ideologic wie die Metapher zu ver- 
stehen, sie faftt wie diese die zusammenflieftenden Syrh- 
bole und verschleierten Begierden und die zufallige Be- 
gegnung der objektiven Formen zusammen. Im Gegen- 
satz zu den poetischen Texten verfugt sie auch iiber 
einen Markt. Breton weift das und, wenn er auch nie- 
mals versaumt, eine allzu auffallige Neigung zu bestra- 
fen, sich einen Namen zu machen und Geld zu ver- 
schaffen, so ist er doch nicht iiberheblich genug, um 
die Malerei fur eine reine poetische Beschaftigung aus- 
geben zu wollen. Die surrealistische Funktion der Ta- 
tigkeit als Maler rechtfertigt er mit denselben Argumen- 
ten wie die Metapher: so wie die Worte spielen und sich 
lieben, „ist das Auge im wilden Zustand vorhanden" 
(„Der Surrealismus und die Malerei")- 

Die Unschuld der Kunst in einer Epoche zu preisen, 
in der die Kunst nur in ihrer Aufhebung, in ihrer Ver- 
wirklichung unschuldig sein kann, heifst, Dadas Bcdeu- 
tung verkennen und den Warenfetischismus unter- 
schatzen. Behaupten, daft ,,das Auge im wilden Zu- 
stand vorhanden ist", heiftt, sich zweimal verfehlt riih- 
men. Erstens, we'd zu dicset Zeit Werbung and Infor- 
mation — um nicht von den faschistischen Happenings 
zu sprechen — gelernt haben, sich den Zusammenstoft 
der Bilder zunutzezumachen und jeden nur moglichcn 
Vorteil aus den frcischwebenden Reprasentationen 
zu ziehen; weil es also vorauszusehen* ist, daft die Macht 
die durch den Surrealismus bewirkte Erneuerung der 
Sehweise rekuperieren wird. Zweitens, weil es auf jeden 
Fall fur eine Avantgarde erkennbar sein sollte, daft die 

91 



Organisation der sozialen Passivitat in ihrem Bemuhen 
darum, Polizei und Armee zu schonen, zum Konsum von 
immer lebendigeren und immer personalisierteren Bil- 
dern anreizt, so daft das Proletariat sich nur noch deswe- 
gen zu bewegen braucht, um die Bilder seines leblosen 
Gliicks zu betrachten, und in seiner Passivitat nur noch 
vor der abwechslungsreicheren Representation seiner 
Traume in Entziickung geraten kann. 

Als ein privilegierter Sektor des Surrealismus ist die 
Malerei auch der Sektor, der am meisten durch das reku- 
periert worden ist, was die Soziologen ,,die Zivilisation 
des Bildes" nennen, um der Analyse der spektakularen 
Warengesellschaft aus dem Wege zu gehen. Jedoch muK 
Bretons sympathischer Vorschlag von 1929 — ,,Die 
Werte des Traumes haben endgultig die Oberhand iiber 
die anderen gewonnen und ich verlange, daft man den- 
jenigen fiir einen Schwachkopf hake, der sich immer 
noch zum Beispiel weigert zu sehen, wie ein Pferd eine 
Tomate reitet" — unter dem Aspekt des Objekt-Bildes 
uberpruft werden, das die Anziehungskraft der Ware kon- 
densiert, die entfremdenden Beziehungen verschleiert, 
die die Ware zur Folge hat, und sie als reinen ideolo- 
gischen Schein reproduziert. 

Unbestreitbar hat der Surrealismus schon am Ende 
der zwanziger Jahre die Inflation des Schauens passiv 
iiber sich ergehen lassen. ,Jeden Tag wird uns of fen et- 
was anvertraut; unser Auge kann sich iiben, sie ohne 
Vorurteil oder Zwang zu verstehen", meint Man Ray. 
Und der Tscheche Styrsky: „Meine Augen verlangen, 
daft man ihnen immer wieder Nahrung vorwirft. Sie 
verschlingen sie mit brutaler Gefriiftigkeit. Und nachts 
verdauen sie sie im Schlaf." 

Bei einem Spazicrgang durch London sagte Marx zu 
Engels: ,,Das ist also ibr Westminster, das ist ihr Parla- 
ment!" Wie konnten die Surrealisten nicht verstehen, 
daft sie, wenn sie ihre Bauwerke malten (auch wenn sie 
durch die Bilder der Begierde verwiistet gewesen waren — 
was sie nicht cinmal waren: es gibt nichts in der surrea- 
listischen Malerei, das an ,,Von diesem Brot esse ich 
nicht" erinnern konnte), nichts anderes taten, als die 
Fassade der alten Welt neu zu verputzen? Der Vor- 
wurf wiirde von selbst wegf alien, hatte der Surrealis- 
mus nicht so leidenschaftlich revolutionar sein wollen. 

92 



Wcnn die Erinnerung an die dadaistische Radikali- 
tat nicht ganz und gar verdrangt wird, so fiihrt sie nicht 
zu skandalerregenden Darstellungen, sondern zu Techni- 
ken, die aus der Malerei eine jedem zugangliche Kunst 
machen sollen. So erklart zum Beispiel 1925 Max Ernst 
seine Entdeckung der „Frottage": Von einer Kindheits- 
erinnerung ausgehend, bei der eine imitierte Mahagoni- 
Vertdfelung gegenuber meinem Bett die Rolle des opti- 
schen Provokateurs. einer Vision im Halbschlaf gespielt 
hatte, betrachtete ich bei regneriscbem Wetter in ei- 
nem Gasthaus am Meer die Maserung des stark ausge- 
waschenen Dielenbodens und war betroffen von der 
Kraft, die davon ausging. Ich bescblofi, die symbolischen 
Ausdrucksmoglichkeiten dieser zwingenden Gewalt zu 
erproben; um meinen meditativen und halluzinatori- 
schen Krdften zu helfen, machte ich eine Reihe von 
Zeichnungen der Dielen, und zwar legte ich Papierbogen 
daruber, wie es gerade kam, und rieb die Maserung mit 
weichem Bleistift durch. Aufmerksam betrachtete ich 
die so entstandenen Zeichnungen, ihre „dunklen Par- 
tien und die zarten Halbdunkel", und war uberrascht 
von der plotzlichen Verstdrkung meiner visiondren 
Fdhigkeiten und von der halluzinatorischen Folge von 
gegensatzlichen Bildern, die sich mit der Eindringlich- 
keit und Geschwindigkeit ubereinanderschichteten, wie 
es Liebeserinnerungen tun. 

Neugierde und Staunen waren erwacht, und ich be- 
gann auf dieselbe Weise alle mbglichen Materialien, die 
mir unter die Augen kamen, zu erproben: Blatter und 
ihre Adern, die ausgefransten Rander einer Sacklein- 
wand, die Pinselstriche eines ,,modernen l( Gemdldes, 
einen abgespulten Faden usw. Meine Augen sahen darin 
menschliche Kopfe, verschiedene Tiere, eine Scblacht, 
die mit einem Kufi endet (die Windsbraut), das Meer 
und den Regen, Erdbeben, die Sphinx in ihrem Stall, 
kleine Tische rings um die Erde, die Palette Cdsars, 
falsche Positionen, einen Schal aus Eisblumen, die 
Pampas, ...". 

Die „Frottage" wird sozu*sagen das Aquivalent zur 
automatischen Schrift. „Als Zuschauer", so fiigt Ernst 
hinzu, ,,kann der gleichgiiltige oder leidenschaftlich 
interessierte Autor der Geburt seines Werkes beiwoh-, 

93 



nen und die Phasen seiner Entwicklung beobachten." 
Anstatt die universelle Anwendungsmoglichkeit eines 
solchen Verfahrens hervorzuheben, betont Ernst die 
Umstellung des Malers zu einem passiven Zuschauer und 
legt mehr auf die Freude des Betrachtens Nachdruck 
als auf diejenige des Schaffens. Als ob der Maler ir- 
gendeine Gefahr dabei spiiren wurde, die Kunst wie ein 
Spiel zu behandeln; als ob die Kiinstler, je weiter die Ma- 
lerei und die Skulptur ihre Zugehorigkeit zur Welt der 
Kindheit enthiillen und sich im Spielerischen entheili- 
gen, sich in ihrer Wurde — die diejenige der Ehre und 
des Profits ist — bedroht fiihlen und nicht eher ruhen 
wurden, als bis ihre Produkte das Giitezeichen des Hei- 
ligcn tragen. 

In dem von Oscar Dominguez erfundenen Verfahren 
des Abziehbildes, von dem Breton folgendes sagt, kann 
man auf dasselbe Bemuhen hinweisen, das technische 
Erbe der dadaistischen Zersetzung auf eine ,,surreali- 
stische magische Kunst" zuruckzuf uhren : 

„Seit langem versuchen Kinder, indem sie frisch mit 
Tinte bekleckste Papierblatter zusammenfalten, sich die 
Illusion bestimmter Existenzen und bestimmter Wesen 
aus der Tier- und Pflanzenwelt zu verschaffen, aber die 
elementare Technik, die man von ihnen erwarten kann, 
ist weit davon entfernt, die Moglichkciten eines solchen 
Verfahrens auszuschopfen. Insbesondere schlielk die 
Anwendung einer nicht verdiinnten Tinte jede Oberra- 
schung aus, was die „Konsistenz" betrifft, und sie er- 
laubt nur die Moglichkeit einer Konturzeichnung; dazu 
kommt noch, daft die Wiederholung von Formen, die 
zu einer Achse symmetisch sind, Eintonigkeit erzeugt. 
Gewisse Tuschezeichnungen von Victor Hugo scheinen 
seine systematischen Forschungen in die Richtung zu 
bezeugen, die uns interessiert: Von den unwillkurli- 
chen, mechanischen Angaben, die diese Forschungen 
leiten, erwartet man offensichtlich Suggestionskraft 
ohnegleichen. Meist sind es aber nur Schattenbilder 
und Wolkengebilde. Oscar Dominguez' Entdeckung 
bezieht sich auf die Methode, die angewandt werden 
soil, um ideale Interprets tionsf el der zu erzielen. Hier 
haben wir in seinem reinsten Zustand wieder den Zau- 
ber, den Arthur Rackhams Felsen und Weiden am Ende 
unscrcr Kindheit auf uns ausiiben. Es handelt sich dabei 

94 



noch einmal urn cin Rezept, das jedem zuganglich ist 
und in die „Geheimnisse der surrealistischen magischen 
Kunst" eingereiht werden sollte und wie folgt formu- 
liert werden kann: 

Damit Ihr Fenster nach Belieben die schonsten Land- 
schaften dieser und sonstiger Welten zeigt, streichen Sie 
mit einem breiten Pinsel stellenweise mehr oder weniger 
vcrdiinnte Deckfarbe auf ein Blatt atlasartiges Weilspa- 
pier, das Sie dann gleich mit einem ahnlichen Blatt be- 
decken, worauf Sie mit dem Handriicken einen mittel- 
maftigen Druck ausiiben. Heben Sie langsam dieses 
zweite Blatt vom oberen Rand her an, wie das bei einem 
Abziehbild gemacht wird, und legen Sie es gegebenen- 
falls noch einmal auf und heben es erneut an, bis alles 
fast vollstandig trocken ist. Das, was vor Ihren Augen 
liegt, mag vielleicht nur da Vincis alte Paranoikerwand 
sein, allerdings eine bis zur Vollkommcnheit gebrachte. 
Es wird Ihnen zum Beispiel geniigen, das gewonnene 
Bild nach dem zu betiteln, was Sie bei einiger Entfer- 
nung in ihm entdecken, damit Sie sicher sein konnen, 
dais sie sich auf die personlichste und gultigste Weise aus- 
gedriickt haben." 

Auch die Techx>Jk der Emwendung geht in &c Al- 
chimie der Gruppe der surrealistischen Maler iiber, sie 
wird zur ,,Geheimlehre", wahrend sie in all ihren Formen 
zum Gemeingut hatte gemacht werden sollen. 

Die gern im vorsichtigen Sinne des Wortes unpoli- 
tische Partei der Maler bildet mit den Neo-Literaten die 
rcchte Fraktion des Surrealismus. Aulser einigen mittel- 
maftigen Epigonen haben die meisten surrealistischen 
Maler ,,es zu etwas gebracht"; nur wenige haben sich ein 
Gewissen aus den Mitteln dazu gemacht und viele ha- 
ben nicht gezogert, die Gruppe nach der Periode ihrer 
Lancierung oder in dem Augenblick zu verlassen, in dem 
die Hunde der alten Welt ihnen Futter anboten. 

In dem Mafse, in dem der Surrealismus das Projekt 
der Aufhebung der Kunst von Dada gcerbt hat (das er 
aber auf der Ebene der Abstraktion behandelt hat), ist 
es wohl richtig, zwei nicht surrealistischen Malern — 
Chirico und Klee — das unbewuftte Gedachtnis anzu- 
rechnen, das in die bedeutungsvollstcn Werke die be- 
angstigende Szenerie unsercr Verdinglichung und die 
Ruckkehr zu den Quellen der Schopfung einfiihrt. 

95 



Besser als Chirico — der sehr fiih in die Altersschwache 
fluchten wird, wie Rimbaud nach Harar — hat keiner 
das Uberhandnehmen der Dinge, das Wuchern der Szc- 
nerie aus Stuck, das Fortschreiten der menschlichen Ab- 
wesenheit, das Verschwinden der Gesichter und die 
wachsende Angst in den Schundgegenstanden und den 
Theatermaschinerien begriffen. Keiner hat besser als 
Klee, dessen Intelligenz immer wach bleibt, die Bewe- 
gung der Schopfung in ihrer Frische und Spontaneitat 
begriffen; sein Werk, wie das von Peret, konnte eines Ta- 
ges fiir das bcste Buch gehalten werden, das den Kindern 
zum Verstandnis der vcrgangenen Kultur zur offenen 
Verfiigung steht. Die surrealistische Malerei hat ihr Lager 
zwischen diesen beiden Grenzen und dem dadaistischen 
Abgrund aufgeschlagen. So verleiht Max Ernst Chiricos 
Angst die Szenerie von Steinbildungen und der iippigen 
Pflanzenwelt; Miro malt wie Klee, aber auf falsche, kin- 
dische geselischaftlichere Art; Tanguy hat die Zwangs- 
vorstellung eines globalen Ncuanfangs, einer neuen 
Schopfung der Welt, die von Urelementen ausgeht; als 
derjenige, der sich am meisten um das Bild als eine poe- 
tische Metapher kiimmert, entspricht Margritte der 
Vorstellung eines Fensters am besten, das in jedem Au- 
gcnblick eine seltsame Alltaglichkeit und ihre Gegen- 
stande zeigt, von dcren Humanisierung jeder Mensch 
traumt. 

Auf der Seite der ,,Literaten" stofit Picasso, dieser 
unermiidliche und langweilige Lappalienschopfer, dem cs 
gelungen ist, „uns durch die uberflussige Vielfalt seines 
Werkes kleinzukriegen," auf den listigen Dali, dessen 
Werk zu Ehren der Schwachsinnigkeit, des Zerfallens 
und der Ohnmacht aufterordcntlich gut zur Aufwei- 
chungsfunktion der spektakularen Gesellschaft pafit 
und ihm die Unterstiitzung der hohen Beamten der 
Kultur und der Information zusichert. 

Von einem gewissen Standpunkt aus ist Dali das 
beste Beispicl fiir den Erfolg und den Bankrott des 
Surrealismus — fiir das Scheitern der Kreativitat als 
eines revolutionaren Elements und den Erfolg der 
vollkommenen Anpassung an die alte Welt. Da der 
Surrealismus weder die von alien gemachte Poesie 
noch die herrschende Schweinerei entschlossen woll- 
te, hat er beide in einer jammerlichen Reinkultur ge- 

96 



erbt. Alle seine Reden waren Trostreden, deren zu- 
nehmendes Pathos und dringlichere Zuhilfenahme des 
Nebels der Magie verstandlich sind, wenn man hort, 
wie Breton gegen die Dinge der Vernunft die Schaf- 
fung jener Maschinen verlangt, die „sehr kunstvoll kon- 
struiert sein sollten und ohne Gebrauch bleiben wiir- 
den" und seitdem von Tinguely unter anderen her- 
gestellt worden sind, ohne daft die Vernunft der 
Dinge je aufhort, sich zu verstarken — ganz im Ge- 
genteil; schlieftlich zogert Jean Schuster 1969 nicht zu 
schreiben: „Alle Bilder sind gefahrlich, da sie die Ideen 
in Umlauf bringen." 

Vom surrealistischen Film ist nicht viel mehr zu 
sagen, als daft seine beiden Mcisterwerke ,,Der anda- 
lusische Hund" und ,,Das goldene Zeitalter" (eines 
Tages raul5 man in Frankreich ,, Dreams that money 
can buy", den Film von Man Ray, Richter und Ernst, 
entdecken) einen tiefen Einfluft auf die Filmkunst aus- 
geiibt haben. Im ,,Goldenen Zeitalter" ist eine Gewalt 
erhalten geblieben, die zwar im Asthetizismus verhiillt 
war,aber als gutes Zeichen fiir Folgeerscheinungen gel- 
ten konnte, in denen der surrealistische Film eine furcht- 
bare Agitations- und Entmystifizierungskraft erreicht 
hatte, ware er von der Perspektive der Malerei abgeriickt. 
Von den beiden Autoren ist Dali das geworden, was man 
weift, und Bunuel das, was man von einem Filmtechniker 
befurchten konnte, der stolz darauf ist, ein solcher zu 
sein. 



91 



V. KAPITEL 
DIE WENDUNG ZUM MYSTIZISMUS 

1. DIE RESAKRALISIERUNG 

Nachdem die Einheit des gesellschaftlichen und re- 
ligiosen Mythos zerbrochen wurde, in die die emporkom- 
mende burgerliche Macht mit den Waff en der Kritik und 
der Kritik der Waffen eine Bresche geschlagcn hatte, 
empfand die neue herrschende Klasse die dringende Not- 
wendigkeit, eine solche Organisation des Scheins wieder 
instandzusetzen, die ihre Funktion als ausbeutende Klas- 
se durch die universelle Reprasentation der besonde- 
ren, fur die Geschafte unentbehrlichen Freiheiten 
rechtfertigen kann. Der polypenartige Aufschwung 
der Wirtschaft, des Nerve nzentrums der Bourgeoisie 
und spater der sozialistischen Staatskaste, liefs sich 
schlecht mit der Zuflucht auf einen Gott, auf eine ge- 
heimnisvolle Einheit vereinbaren, die iibrigens die ge- 
sellschaftliche Atomisierung weder hatte wieder leben- 
dig machen noch erhalten konnen. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Kunst, die 
vom allgemeinen Wirtschaftssystem als Ware einverleibt 
worden ist, nur noch die Wahl zwischen der Aufhebung, 
das heiftt ihrer Verwirklichung als Lebensstil einer Ge- 
sellschaft ohne Hierarchie, und einem langsamen Abster- 
ben. Dada hat das Bewufttsein des Negativen und nicht 
dasjenige der Aufhebung, der Surrealismus hat das Be- 
wufstsein der notwendigen Aufhebung aber nicht dasje- 
nige des Negativen. In den beiden Fallen sind die Wiirfel 
falsch, abcr der Surrealismus tragt die historische Ver- 
antwortung fiir einen reaktionaren Versuch — und zwar 
den, der Kunst ein Leben zuruckgeben zu wollen, das 
sie nicht mehr hat und dessen Erinnerung selbst sie 
nicht mehr besitzt (wir haben gesehen, welchen Wert 
die surrealistische Kunst dem Anklammern am Leben 
und dem andachtigen Samrheln der grofsen Namen und 
Momente der Vergangenheit beimilst). 

Je weiter die revolutionare Illusion am friihen Mor- 
gen des Stalinismus verschwindet, je weiter sich aber 

98 



auch die unvermeidliche Rekuperation durch die spek- 
takulare Warengcsellschaft von- all dem durchsetzt, was 
die Aufschrift der Kunst tragt, desto mehr schrumpft 
der Surrealismus auf den Hohen des reinen Geistes zu- 
sammen. Von seiner fiir alle Winde der alten Welt offe- 
nen Burg aus traumt er davon — so wie die Romantiker, 
als sie im Schatten der Borse, der Banken und der Fabri- 
ken das idyllische Mittelalter neu erfanden — dem spek- 
takularen Elcnd die Macht eines Mythos entgegenzu- 
setzen, der von der religiosen Idee gereinigt sein wiirde, 
seine Kraft aber aus einer Resakralisierung der mensch- 
lichen Beziehungen nach dem Vorbild Resakralisierung 
der Kunst schopfen wiirde. 

Nur mit Muhe hatte man die Geschichte mehr verach- 
ten konnen. Nicht, daft ein solches Projekt nicht eine 
Zeit lang zu verwirklichen gewesen ware: so hatten z.B. 
die Nazis in einer streng entgegengesetzten Richtung (in- 
dem sie all das resakralisierten, was die Surrealisten be- 
sudelten — Vaterland, Rasse, Armee, Fiihrer, Staat usw.) 
eine ahnliche Operation der Riickkehr zu den mythi- 
schen Bedingungen versucht. Wie konfus die Surrealisten 
auch immer sein mochten, sie blieben doch weiter An- 
hanger sowohl der Zerstorung des Privatkapitalismus als 
auch der Liquidierung des Staatssozialismus; sie hatten 
die Hoffnung auf den „Endkampf" nicht aufgegeben 
und sie lehnten sich aufrichtig gegen all das auf, was die 
Ausbeutung des Proletariats aufrechterhielt und moder- 
nisierte. 

Die Positionen des Surrealismus in der Nachkriegszeit 
gehen von einer Verzweiflung an der Geschichte aus, die 
sich durch die wiederholten Mifterfolge der Arbeiterbe- 
wegung rechtfertigen lieft, von der der Surrealismus pas- 
siv erwartet hatte, daft sie durch die Revolution seine ei- 
genen Widerspriiche losen wiirde. 

Dariiber spricht sich im iibrigen Breton 1942 im ,, Pro- 
legomena zu einem Dritten Manifest des Surrealismus 
oder nicht" aus. Es gibt den Bankrott der sogenannten 
,,Emanzipicrungs"systeme: ,,So sehr ich dazu fahigbin, 
einem Wesen, das ich schon finde, alles abzufordern, so 
viel fehlt daran, daft ich das gleiche Vertrauen in jene ab- 
strakten Gebilde setze, die man Systeme nennt. Vor ih- 
nen erlischt meine Begeisterung, die Triebfeder der Lie- 
be wirkt offensichtlich nicht mehr. Ich kann verfiihrt 

99 



werden, gewift, aber niemals so weit, daft ich mir die ver- 
wundbare Stelle dessen verhehlte, was ein Mann wie ich 
als wahr bezeichnen kann. Liegt diese verwundbare Stel- 
le auch nicht notwendigerweise auf der Linie, die mir 
noch zu seinen Lebzeiten von einem Lehrer klarend auf- 
gezeigt wird, so taucht sie fur mich friiher oder spater 
doch immer auf der von anderen fortgefiihrten Linie auf." 

Er erklart den Bankrott, ohne im geringsten auf die 
Kritik der hierarchischen Organisation hinzudeuten und 
ohne die Rekuperationsmechanismen zu erortern: „Je 
grofter die Macht eines solchen Mannes ist, desto mehr 
sieht er sich eingeschrankt durch die Unbeweglichkeit; 
eine Unbeweglichkeit, die aus der ihm gezollten Vereh- 
rung der einen und aus der unermudlichen Aktivitat der 
anderen resultiert, die die durchtriebensten Mittel nicht 
scheuen, um ihn zu ruinieren. Doch abgesehen von die- 
sen beiden Ursachen des Niedergangs neigt vielleicht doch 
jede grofte Idee dazu, sich entscheidend zu verandern, 
sobald sie dazu gebraucht wird, sich mit Geistern abzu- 
finden, die ganz anderer Dimension sind als der, dem sie 
entsprang." 

Es gibt auch den Bankrott der Freunde: ,,Selbst der 
Surrealismus sieht sich nach zwangzigjahriger Existenz 
von alien Seiten bedroht — der Preis fur alle Gunst, alien 
Ruhm. Alle Vorsichtsmaftnahmen, die getroffen wurden, 
um die* Integritat im Innern dieser Bewegung zu wahren 
— und die allgemein als ubertrieben streng angesehen 
wurden — , hatten indessen weder das falsche Zeugnis 
eines tobenden Aragon verhindern konnen noch die pi- 
karesk verpackte Hochstapelei des Neo-Falangisten- 
Nacht-Tisches vom Schlage eines Avida Dollars." 

Bittcrkcit iiber die allgemeine Entfremdung der Be- 
wegung: ,,Es ist schon so weit gekommen, daft der Sur- 
realismus fur alles herhalten muft, was of fen oder nicht 
in seinem Namen unternommen wird, von den tiefsinni- 
gen ,,Tees" in Tokio bis zu den iippigen Schaufensterde- 
korationen der Fifth Avenue, obgleich Japan und Amc- 
rika miteinander im Krieg liegen. Was sich in einer be- 
stimmten Richtung tut, hat recht wenig mit dem gemein, 
was man urspriinglich gewollt hat. Selbst die hervorra- 
gendsten Manner miissen sich damit abfinden, nicht so 
sehr von einem strahlenden Nimbus umgeben zu gelten, 
als vielmehr gefolgt von einer langen Spur im Staube." 

100 



In Bretons Verwirrung von 1942 klingt noch zum 
groften Teil die Verzweiflung mit, die Artaud 1925 emp- 
fand. Etwas lcichtfertig erklart Victor Crastre, warum 
Artaud damals so wenig bereit war, sich mit den ,,Clarte"- 
Leuten zu treffen: ,, Seine krankhaft-leidenschaftliche 
Neigung zur Selbstzerfleischung, sein Hang zum Schei- 
tern und sogar zum Unheil machten ihm jede Suche nach 
einer sozialen Form der Revoke, jede Vorstellung einer 
optimistischen Absicht der Weltveriinderung unmoglich" 
(„Das Drama des Surrealismus"). Im Gegenteil kann man 
sich fragen, ob seine Bestimmung zum Scheitern nicht 
von einer intuitiven Ablehnung der Geschichte in einer 
Zeit herriihrt, in der die Geschichte anscheinend zum 
Monopol der Bolschewiki geworden ist. Gegeniiber dem 
mit cinem Schlag im Namen des Proletariats selbst der 
menschlichen Emanzipation aufgezwungenen Stillstand 
war es ziemlich verstandlich , daft ein hellsichtiger aber 
isolierter Geist — der auf jeden Fall von all dem getrennt 
war, was von der linken Opposition zum Bolschewismus 
ubrigblieb — das Bewufksein der Geschichte als das Be- 
wufstsein der Leere und des Nichts jeder individuellen 
Geschichte verstand. 

Zu dieser Zeit schickt sich Artaud dazu an, allein eine 
Richtung einzuschlagen, in die Breton spater untcr viel 
weniger dramatischen Umstanden die surrealistische Be- 
wegung treiben wird. DemtragischenMythos,den er aus- 
arbeitet, um den Zustand der Trennung mit sich selbst 
ertragen zu konncn, muft Artaud entgegentreten, ohne 
zumindest das hinter sich zu haben, was der Surrealis- 
mus gemacht hat, d.h. eine bestimmte, untrennbar kol- 
lektive und individuelle Geschichte, wie entfremdet sie 
auch immer gewesen sein mag. Sein Entschluft ist gefaftt, 
als er in „Le Pese-nerf" (,,Die Nervenwaage") schreibt: 
,,Mich der Metaphysik gegeniiberzustellen, die ich mir 
selbst gemafs dem Nichts gebildet habe, das ich in mir 
trage", und ein Satz aus seinem, in der 3. Nummer von 
,,La Revolution surrealiste" veroffentlichten Text — 
,,Durch die Spalten einer von nun an unlebbaren Wirk- 
lichkeit spricht eine absichtlich sibyllinische Welt" — 
deutet an, auf welche Entzifferungsarbeit er sein Leben 
verwenden wird. 

Kurz danach wendet sich die Gruppe des ,, Grand Jeu" 
(,,Gro(sen Spiels") derselben gequalten Hoffnung auf ei- 

101 



nc mythische Erneuerung zu , urn sich in die esoterischen 
Lehren, in Zen oder in Gurdjieffs Zauber zu verirren. Je- 
doch ist der Surrealismus besser bewaffnet, als er sich 
wieder auf die Wege der mystischen Abkapselung begibt. 
Er ist, wenn man so will, mit einer grofteren Anzahl an 
Mifierfolgen bewaffnet. 

Zunachst hat er, als er der Kunst unter die Arme ge- 
griffen hat, die Notwendigkeit des Heiligen, die Bedeu- 
tung der Magie, den Geschmack des Geheimnisses und 
die Verlockungen der esoterischen Lehren kennengelernt. 
Er hat sie bis zu einem bestimmten Punkt ausgeiibt, wo- 
bei er sich jedoch in erster Linie weiter fur das Abenteu- 
er der Liebe, den Ausdruck des Traumes, die Schopfung, 
das alltagliche Leben und die Revolution interessierte. 

Nur wird das Wesentliche im Surrealismus durch den 
Kompromifs mit der Kommunistischen Partei bedroht. 
Das geht so weit, dais Breton 1929 schreiben muK: „Ich 
sehe nicht ein, und sollte das einigen geistig beschrank- 
ten Revolutionaren miftf alien, warum wir es unterlassen 
sollten, die Probleme der Liebe, des Traumes, des Wahn- 
sinns zu erortern, insofern wir diese von demselben 
Standpunkt aus betrachten, von dem sie — so wie wir 
auch — die Revolution betrachten..." 

Es ist einer der Hauptfehler des Surrealismus — der 
sich nicht durch die durchaus idcologische Natur dieser 
Bewegung ent^chuldigen laftt — , das globale revolutiona- 
re Projekt dem Bolschewismus uberlassen zu haben, der 
niemals etwas anderes gemacht hat, als es schlechthin in 
der Logik von Lenins Texten preiszugeben. 



102 



Wenn Breton in dem nicht nachgibt^ was er mit Recht 
fur wesentlich halt, so empfindet er wenigstens den Bruch 
mit den Parteikommunisten als eine Abkehr von den hi- 
storischen Moglichkeiten, die sich den privilegierten 
,,Momcnten" des alltaglichen Lebens bieten. Gerade in 
diesem Augenblick tritt recht auffallend die Ideologic 
mit ihrer Umkehrungskraft zutage. Die niemals als 
Grundlage der wirklichen revolutionaren Bewegung be- 
haupteten subjektiven Forderungen werden zu den ab- 
strakten Angaben einer Ideologic, die durch die prakti- 
sche Kritik der wirklichen Geschichte aufgelost worden 
ware, die aber die leninistisch-stalinistische Ideologic als 
eine solipsistische Ideologie bestatigt, indem sie sie von 
ihrer revolutionaren Pseudo-Praxis (derjenigen der Biiro- 
kraten) trennt. 

Fiir den Revolutionar kommt die Verzweiflung in dem 
Moment zur Erscheinung, in dem sich die wirkliche Be- 
wegung in eine Ideologie verwandelt. Fiir den Surreali- 
sten als einen Ideologen kommt zu der Verzweiflung, 
die er als Kandidat zum Berufsrevolutionar dunkel emp- 
findet, diejenige eines Ideologen hinzu, der von der herr- 
schenden revolutionaren Ideologie — im hiesigen Fall 
dem Bolschewismus der dreiftiger Jahre — verstoften 
worden ist. Es versteht sich also, daft ihm keine andere 
Wahl bleibt als der entschlossene Sprung in die Mystik 
seiner angenommenen und verdrangten Optionen. 

Der Surrealismus hat die Mystik des Lebens und der 
Entladung gewahlt, so wie der Nationalsozialismus infol- 
ge eines Vorgangs, in dessen Verlauf das deutsche Volk 
fiir einen bestimmten Sprung ins Irreale empfanglich 
wurde, die Mystik des Todes und der Verdrangung pre- 
digte. 

Das hatte Bataille gut verstanden, als er vorschlug, die 
lebendigen Krafte des Surrealismus in den Kampf gegen 
den Faschismus und die antifaschistischen Fronten stali- 
nistischer Horigkeit zu werfen. Diese iibrigens fragwiirdi- 
ge Idee war nur von kurzer Dauer. 

Der Augenblick war gekommen, Artauds einstige 
Stimme zu horen: 

„Schluft mit den Sprachspielen, den Syntaxkunstgrif- 
fen, der Taschenspielerei und den Formeln! Jetzt mufs 
das grofte Gesetz des Herzens gefunden werden, ein Ge- 
setz, das kein Gefangnis ist, sondern ein Wegweiser fiir 

103 



den im eigenen Labyrinth verirrten Geist." 

Aufterdem entsprach der metaphysische Kurs nicht 
nur individuellen Verwirrungen und besonderen Umstan- 
den. Die an der politischen Debatte wenig interessierte 
Malerfraktion hatte erleichtert zugesehen, wie der Sur- 
realismus den Weg der Mystik einschlug. Da sie dem Ge- 
danken der schopferischen Magie zugeneigt war, hatte 
sie alles zu gewinnen bei einer Aufwertung des Mythos 
um die Idee der Schdnheit und der als eines Spiegels des 
Wunderbaren dargestellten Kunst herum. Ober diesen 
Umweg konnten sich die Maler ganz der Asthetik wid- 
men und doch dabei die Beschuldigung von sich weisen, 
dem Asthctizismus zu verfallen. Gewift ist ihr Einfluls 
auf die surrealistische Wahl nicht unwesentlich gewesen. 
Wie dem auch sei, kennzeichnet 1942 die Veroffent- 
lichung der ,, Prolegomena zu einem Dritten Manifest des 
Surrealismus oder nicht" den Obergang zur rein meta- 
physischen Ebene. Vor all em gegen Ende gibt dieser 
Text den Ton fur die neue Orientierung an und driickt 
recht gut die Verwandtschaft mit den Zielen aus, die 
Artaud sich gesetzt hatte. Unter dem Titel „Die groften 
Transparenten" schreibt Andre Breton: „Der Mensch 
ist vielleicht nicht das Zentrum, der Zielpunkt des Uni- 
versums. Man darf vermuten, daft es in der Hierarchie 
des Lebens noch Wescn iiber ihm gibt, deren Verhaltens- 
weisen ihm.ebenso fremd sind wie seine Verhaltenswei- 
sen, sagen wir, der Eintagsfliege oder dem Wal. Nichts 
stellt sich der Annahme entgegen, dais diese Lebewesen 
seinen Sinnesorganen vollig unfaftbar sind dank einer 
Tarnung, wie immer man sich diese auch vorstellen mag 
— allein die Gestalttheorie und das Studium der tieri- 
schen Mimese bieten jedenfalls Anhaltspunkte dafiir. Es 
steht aufser Zweifel, daft sich dieser Idee das weiteste 
Feld der Spekulation eroffnet, wenngleich sie dem Men- 
schen den bescheidenen Platz zur Interpretation seines 
eigenen Universums anweist, den eine Ameise in den Au- 
gen des Kindes einnimmt, das den Ameisenhaufen, in 
den es soeben getreten ist, von oben betrachtet. Wenn 
man die Verheerungen eines Zyklons betrachtet, denen 
der Mensch hilflos als Opfer oder Zuschauer ausgeliefert 
ist, oder die des Krieges, fiir die man uns die bis zum 
Uberdrufi wiederholten unzureichenden Erkliirungen lie- 
fert — : dann ware es nicht unmoglich, in einem breitan- 

104 



gelegtcn, stets zu den kuhnsten Folgerungen hereiten 
Werk der Struktur und Verfassung solch hypothetischer 
Wesen bis zur Wahrscheinlichkeit nahezukommen, wel- 
che sich uns bereits dunkel in der Angst und in der Emp- 
findung des Zufalls bekunden. 

Ich glaube darauf hinweisen zu miissen, daft ich hier 
nicht weit entfernt bin von Novalis' Zeugnis: ,,Wir leben 
eigentlich in einem Tiere — , als parasitische Tiere. Die 
Konstitution dieses Tieres bestimmt die unsrige, et vice 
versa", und daft ich mich nur in Ubereinstimmung befin- 
de mit dem Gedanken von William James: „Wer weift, 
ob wir in der Natur nicht einen ebenso kleinen Platz ein- 
nehmen neben Wesen, die wir nicht ahnen, wie unsere 
Katzen und Hunde, die mit uns im Hause leben?" Selbst 
die Gelehrten widersprechen nicht alle dieser Auffassung: 
„Um uns treiben vielleicht Wesen, die nach dem gleicherv 
Prinzip wie wir gebaut, aber doch verschieden sind, Men- 
schen zum Beispiel mit rechtsdrehenden Eiweiften." So 
Emile Duclaux, ehemaiiger Dkektot am Institut Pasteur 
(1840-1904). Ein neuer Mythos? Diese Wesen, soil man 
sie darin bestarken, Wahngebilde zu sein, oder ihnen Ge- 
legenheitgeben, sich unszu entdecken?" 

Wie phantastisch Bretons Hypothese auf den ersten 
Blick auch immer erscheinen mag, bringt sie doch Licht 
in die letzte Periode des Surrealismus. Sie folgt aus ei- 
nem Entschluft, der demjenigen Nietzsches gleich ist, als 
er zum „amor fati" — zur Liebe zum eigenen Schicksal 
aufforderte. Sie bestimmt, daft die Wahl zwischen der 
Fiigung in die clenden Zufalle der Alltaglichkeit und 
dem Entschluft zu treffen ist, den geheimnisvollen Kraf- 
ten zu gehorchen, die sich als Glucks- und Ungliicksan- 
teil in die Leistungen des individuellen Willens einschal- 
ten. 

Es kommt nicht so sehr darauf an, diese Krafte — bei 
denen man gut sehen kann, mit welcher Heuchelei die 
von ihren materiellen und geschichtlichen Verwirkli- 
chungsmoglichkeiten getrennte individuelle Subjektivi- 
tat sie erfindet und dabei so tut, als ob sie sie entdecken 
wiirde — durch Riten fur sich zu gewinncn (nach der re- 
ligiosen oder magischen Methode), als sie durch eine ge- 
duldige Abklarung aller Fahigkeiten und aller Sinne 
sichtbar werden zu lassen. Das war das Ziel der Operatio- 
nen der Alchimisten, danach suchten die Esoteriker, die 

105 



von nun an massenhaft das surrealistische Pantheon be- 
treten. 

Wenn man diesen Text analysiert, zeigt sich gleich, 
daft Breton die Ewigkeit der menschlichen Entfremdung 
und deren Unlosbarkeit implizit voraussetzt. Auf diese 
Voraussetzung griindet er den Widerspruch, den Kon- 
flikt zwischen der Posivitat der heiligen Entfremdung, 
die der Mythos in seiner abstrakten Koharenz verhiillen 
wiirde, und der Negativitat der gegenwartigen Entfrem- 
dung als einer unmittelbaren Angabc unseres Oberlebens 
in der spektakularen Organisation. 

So ergreifen die Surrealisten zu einer Zeit fur den My- 
thos Partei, in der er nicht mehr existiert, und gegen das 
Spektakel, das uberall herrscht. Also: Don Quixote ge- 
gen den sozialen Wohnungsbau ! Nichts kann in dieser 
Zeit der Veranderung die Erinnerung an Cervantes' Hel- 
den besser wachrufen als diese letzten Ritter, die zwi- 
schen dem Teufel der totalen Freiheit und dem Tod der 
Kultur ihren Weg gehen. 

Alternden, durch Mifterfolge gelahmten und dennoch 
durch eine unerschiitterliche Begeisterung besecltenMen- 
schen bot die parallele und gedanklich zugangliche Welt 
der Gotter und Helden der Mythologie und der Legen- 
den das geistige Abenteuer, die konkrete Tatigkeit des 
Zeichenschopfers und -entdeckers, die Erfindung und 
die Lobpreisung dunkler Fiihrer, Schmelzofen aller Ho- 
hen Werke des Moglichen. 

Der praziseste Punkt der Analogie laftt sich leicht in 
der keltischen Welt und Heldensage entdecken, die die 
Surrealisten gliihend bewundern. Um sich davon zu iiber- 
zeugen, geniigt es, das zu lesen, was Jean Markale iiber 
das keltische Heldengedicht schreibt: 

„Es ist zuerst die Suche — und zwar auf jedem Gebiet 
und insbesondere die Suche nach dem Gleichgewicht im 
Menschen, nach seinem Gluck innerhalb einer vollkom- 
menen Harmonie mit der Natur. Das Gluck kann aber 
erst nach einer ganzen Reihe von Priifungen erreicht 
werden, die gewaltsamen, harten und blutigen Priifungen 
des Lebens: dann weils der Mensch, er kennt die wunder- 
wirkende Formel, die es ihm moglich macht, seinem 
Schicksal gegeniiberzutreten. Denn keiner kann ihn diese 
wunderwirkende Kraft lehren, er allein kann sie geduldig 
entziffern, auf den Wegen, die er durchzieht, in den 

106 



Schlachten, in denen der Tod umgeht, in dem Sieg, der 
in seinen Ilanden liegt. 

Dann gibt es auch die Suchenachder Frau,der Auser- 
wahlten, nach derjenigen, die manchmal verschiedene 
Gesichter annimmt, um den Mann besser irrezufuhren, 
urn ihn seinen Wert besser beweisen zu lassen und ihn 
besser zu verwandeln. Denn die Frau ist in den bretoni- 
schen Heldengedichten notwendigerweise eine Fee, eine 
Gottin: sie besitzt Krafte, die kein Mann ihr entreiften 
kann und die sie gibt, wenn sie will und demjenigen, den 
sie auserwiihlt hat. Denn die Frau ist immer eine Gebie- 
terin, auch wenn sic nur eine bescheidene Magd ist, eine 
dieser geheimnisvollen Jungfrauen, die in einem plotzlich 
aus dem Dunkel aufgetauchten Schloft erscheint, und 
die am folgenden Morgen im Nebel der Erinnerungen 
verschwindet. 

Dann gibt es noch das, was man die Suche im Jenseits 
nennt, die Suche nach den Schatzen dieses Jenseits, die 
nicht sehr weit entfernt ist, da sie iiberall existiert — 
dort, wo der Weg abbiegt, in ein Tal mit emporragender 
Burg, in der Lichtung eines Waldes, auf einer Anhohe, 
auf die manchmal das Gewitter niedergeht und die Land- 
schaft mit seinen vielfachen fahlen Schimmern verwan- 
delt. Es ist die permanente Hollenfahrt, die Fahrt in die 
tiefsten Abgriinde des Menschen nach dem dunklen 
Land seines Bewufttseins, seiner Phantasie und seines 
Traums. Und man kommt immer wieder von dieser Fahrt 
zuriick, da der Geist die Materie immer wieder besiegt. 
Der Tod selbst existiert nicht, cr wird negiert. Konig Ar- 
thur schlaft auf der Inscl Avallon oder in irgendeiner Er- 
denhohle: er wird zuruckkommen." 

(„Das keltische Heldengedicht in der Bretagne") 

Alle der keltischen Literatur eigenen Elemente bilden 
das Grundmaterial, auf dem der Surrcalismus der Nach- 
kriegszeit davon traumt, ein neues mythisches Bild zu 
errichten. Es sind Themen, die schon am Anfang der Be- 
wegung samt ihrer Komponente des Heiligen vorhanden 
waren. Die Wendung zum Jenseits und die Immanenz 
des zu lebenden Mythos nehmen die Liebe, den Traum, 
den Wahnsinn, die Kindheit, das wilde Auge, die Koinzi- 
denzen im Mineralreich, die Tradition der Alchemie, 
die Kunst Ozeaniens, der Inder, derKelten,dasmediumi- 
stische Experiment, den Automatismus usw. wieder auf, 

107 



riihren das Ganze zusammen und reiften es in einen ver- 
einheitlichenden Wirbel mit. 

Als Breton Fourier entdcckte, sah er in seinem Werk 
vor allem ,,die auf der Analogie zwischen den menschli- 
chen Leidenschaften und den Produkten der drei Na- 
turreiche b.eruhende hieroglyphische Interpretation". 
In ,,Uber den Surrealismus in seinem lebenswichtigen 
Teil" (1953) prazisiert er: 

,,Dann kann er (der Geist) zwar fragmentarisch aber 
wenigstens durcb sich selbst bestatigen, daft ,,allcs, was 
oben ist, dem gleicht, was unten ist" und alles, was in- 
nen ist, dem gleicht, was auften ist. Von da aus bietet 
sich ihm die Welt wie ein Kryptogramm, das nur inso- 
weit unentzifferbar bleibt, als man in der akrobatischen 
Gymnastik unerfahren ist, die es ermdglicht, nach 
Belieben von einem Turngerat zum anderen uberzuge- 
hen." 

In der allgemeinen Umstellung der surrealistischen 
Werte, die durch die Hoffnung beseelt wird, eine zu neu- 
en Aktionsformen anregende "mythische Struktur zu 
griinden, bleibt die Stellung gegeniiber der Sprache und 
insbesondere die poetische Intuition von grofter Wich- 
tigkeit: 

,,Diese (die poetische Intuition), die im Surrealismus 
endlich in wildem Zustand waken kann, will sich nicht. 
nur alle bekannten Formen aneignen, sondern auch 
kiihn neue Formen schaffen — anders gesagt: sie will 
in der Lage sein, alle Strukturen der Welt — offenbarte 
oder nicht offenbarte — zu verstehen. Durch sie allein 
werden wir mit dem Faden versehen, der uns wieder 
auf den Weg zur Gnosis bringen kann als der Erkenntnis 
der „im ewigen Geheimnis unsichtbar sichtbaren" uber- 
sinnlichen Wirklichkeit." 

Der Surrealismus, der wegen seiner ideologischen 
Natur keinen Zugang zur kritischen Sprache haben kann 
und sich dadurch gleichzeitig jede Wirksamkeit der Kri- 
tik der herrschenden Sprache versagt, behauptet sich 
deshalb als die Suche nach dem urspriinglichen magi- 
schen Kern, nach dem, was man die Sprache der Gotter 
nennen konnte: 

,,Das Wesentliche fur den Surrealismus" — so Breton 
— ist es gewesen, sich davon zu iiberzeugen, daft man die 
Hand auf den ,,Rohstoff" (im alchemistischen Sinne) 

108 



der Sprache gelegt hatte ... auf so etwas wie die Sprache 
in rohem Zustand: auf dem die Trennung zwischen dem 
Sprechen und dem Sagen noch nicht durchgefuhrt 
worden ware (...) Der Geist, der eine solche Operation 
denkbar macht, ist kein anderer als derjenige, der von 
jeher die okkulte Philosophic beseelt hat." 

In den vierziger Jahren kam der Maler Wolfgang 
Paalen zu demselben Schlufs iiber die Sprache der Male- 
rei. Indem er die Frage „Was malen?" stellte, schlug er' 
der kiinstlerischen Suche „die direkte Sichtbarmachung 
der Krafte" vor, „dic uns bewegen und benihren", das, 
was er „eine plastische Kosmogonie" nannte. 

Die Verwandtschaft der um 1925 von Desnos und 
Crevel in ihrem mediumistischen Schlaf diktierten Tex- 
te mit der Ausdrucksweise der alchemistischen Schrif- 
ten stellte sich jetzt mit grdfterer Deutlichkeit heraus. 
Der Surrealismus sah darin den Beweis fur seine Ver- 
bindung mit der esoterischen Stromung. 

In der so auf mythische Weise wiedergewonnenen 
Einheit der Sprache und der Welt werden die Tatsachen 
gleich, sie fiigen sich aneinander und entsprechen sich. 
Die warnenden Mittcilungen, der objektive Zufall und 
alle im Surrealismus immer latenten Formen des Okkul- 
tismus ziehen starker die Aufmerksamkeit auf sich. 

Schon fruher war Breton die Genauigkeit aufgefal- 
len, mit der sein Gedicht ,,Sonnenblume" die Umstande 
einer Liebesbegegnung vorhersagte: 



„Die Reisende, die beim Anbruch des Sommers durch 

die Hallen schlich 

Ging auf den Zehenspitzen 

Am Himmel rollte die Verzweiflung ihre groften so scho- 

nen Aronstabe auf 

Und in der Ilandtasche war mein Traum dieses Riech- 

salzflaschchen 

Das allein Gottes Patin an der Nase gehalten hat 

Die Betaubung breitete sich wie Beschlag 

Im Rauchenden Hund 

Wo das Fur und das Gegen eben hereingekommen waren 

Die junge Frau konnte sie nur schlecht von der Seite 

sehen 

Hatte ich mit der Botschafterin des Salpeters zu tun 

109 



Oder der weiften Kurve auf schwarzem Grund die wir 
Denken nennen ...." 



Breton erwahnte weitere verwirrende Koinzidenz- 
falle von Umstanden: so zum Beispiel Chirico,. der, als 
er Apollinaires Portrat malte, lange vor dessen Verwun- 
dung die Schlage mit einem Ring versah, die der Dichter 
nach seiner Trepanation spater unter einer Lederscheibe 
verbarg, oder die grofte Anzahl Biider, in denen Victor 
Brauners Zwangsvorstellung von einer Augenverstumme- 
lung zum Ausdruck kommt und der Unfall, bei dcm 
kurz danach der Maler ein Auge verlor. Von nun an ste- 
hen all diese Tatsachen innerhalb einer Einheit, fur die 
es kein besseres Vorbild als den Traum gibt. 

Der nacherzahlte oder analysierte Traum wurde zum 
literarischen Gegenstand oder zur Ubung fur einen ge- 
wohnlichen Freudianismus. Mit der Ausnahme von 
Ferdinand Cheval, der sich daran gemacht hatte, seinen 
Traum eines Idealpalastes aufzubauen, fand die Perspek- 
tive einer praktischen Verwirklichung kaum ein anderes 
Echo im Surrealismus als vage Prophezeiungen : ,,Der 
zukiinftige Dichter wird den deprimierenden Gedanken 
der unheilbaren Trennung zwischen der Aktion und 
dem Traum iiberwinden" („Gekurztes Worterbuch 
des Surrealismus", 1938). Der Widerspruch wurde durch 
die abstrakte Koharenz der mystischen Perspektive ge- 
lost. Einerseits ist der Traum dieser wunderbare Mikro- 
kosmos, der fur ieden erreichbar ist — gemaft Paracelsius' 
Rat: „Jeder sollte seine eigenen Traume aufmerksam 
betrachten, denn jeder ist sein eigener Interpret". Er 
ist der individuclle Einweihungsweg zur ,, Praxis" des 
Mythos, der andererseits zu einer allumfassenden Wahr- 
nehmung fiihrt, wie derselbe Paracelsius in seiner „Phi- 
losophie occulta" schreibt: ,,Denn ich sage Euch, es 
ist moglich, alles im Geist zu sehen". So wird der My- 
thos zur idealen Bedingung einer Entfaltung des Trau- 
mes, zur unwirklichcn Wirklichkeit der Grundeinheit des 
Ichs und der Welt. Es ist der Zustand, von dem Karl- 
Philip Moritz in seinem „Tagebuch eines Geistersehers" 
sagt: ,,... das unsagbare Gluck, mich aufterhalb von mir 
selbst zu sehen", den er weiter so prazisiert: ,,Ich hatte 
jeden Ortssinn vcrloren — ich war nirgendwo und iiber- 

110 



all. Ich ftihlte mich befreit oder ausgestoften von der 
Ordnung der Dinge, ich brauchte den Raum nicht 
mehr." 

Vielleicht verleiht Benjamin Peret diesem System des 
Traumes noch einmal seinen bedrohlichsten Charakter, 
sowie den Punkt seiner Aufhebung — die innere Not- 
wendigkeit seiner objektiven Verwirklichung — wenn 
cr schreibt: „Ani vergangenen 20. Mai vormittags in 
einem von dunklen Bildern von der aragonischen Front, 
die ich drei Wochen vorher verlassen hattc, durchzoge- 
nen Halbschlaf, horte ich folgcnden Satz, der mich 
plotzlich weckte: .Durrutis Ei wird sich offnen'." 
Hier darf man nicht daran zweifeln, daft in Perets Geist 
jeder Entschluft gefaftt wurde, um die Voraussage des 
Traumes zu verwirklichen (oder damit andere sic emes 
Tages verwirklichen). 



Ill 



Das Forschen nach den Grenzen und den Moglichkei- 
ten des Menschen mufi wiederum die Folgen des Uber- 
gangs zur mystischen Anschauung erfahren. Das Experi- 
menticren mit dem Menschlichen neigt dann dazu, mit 
der Lauterung des Ichs im alchimistischcn Hohcn Werk 
verwechselt zu werden. Diese ontologische Verschiebung 
wird im Zeichen des Inneren-Aufteren und in dem Bild 
einer kosmischen Einheit durchgefuhrt, die frei vom an- 
thropozentrischen Gedanken ist und in der die Krafte 
der Mineral-, Pflanzen- und Menschenwelt gleichmaftig 
zueinander passen; in einer Welt, in der nach der von 
Breton gebilligten Formel Rene Guenons ,,die histori- 
schen Tatsachen nur als Symbole von geistigen Wirklich- 
keiten gelten". Malcolm de Chazal, dessen analytische 
Feinheit und Wissen um die generalisierte Metapher in 
seinem Buch ,,Der plastische Sinn" zum besonderen 
Ausdruck kommen, ist der Dichter dieser nach einem 
absoluten objektiven Idealismus strebenden Anschau- 
ung. 

Zum Schluft — und ohne damit den Reichtum der sur- 
realistischen Suche erschopfend behandeln zu wollen — 
soil hier betont auf die Verwandlung der Leidenschaft 
der Liebe in cincn echtcn Kult der Frau hingewiesen 
werden. In einem 1925 in „Le Point cardinal" (,,Der 
Kardinalpunkt") geschriebenen Text liefert Michel 
Leiris in 'dieser Hinsicht ein vorweggenommenes Bild 
dieses Obergangs: 

„Dann sah ich die Unschuldige, die mich mit immer 
noch nicdergeschlagenen Augenliedern und einer obszo- 
nen Handbewegung auf den Vorhof ihrer Schenkel 
hinwies. Ich verstand, daft sie mir durch diesen Wink 
den einzigen Ausgang zeigen wollte, durch den ich 
noch aus dem Zimmer hinausgehen konnte". 

Da die ,, amour fou" von ihrer moglichen Verwirkli- 
chung durch eine geschichtliche Umwalzung abgeschnit- 
ten ist und „dem Liebesideal von Pseudo-Paaren" wider- 
strebt, „die auf Resignation oder Zynismus eingestellt 
sind und folglich das Prinzip ihrer Auflosung in sich 
tragen" (Breton) gibt es fiir sie keinen anderen Weg, als 
sich durch eine Sakralisierung des Geschlechts der 
Frau, mit dem der Mythos gleich die Begriffe des Lc- 
bens und des Todes, der chthonischen Eindringung 
und Tiefe, des Sichtbaren und des Verborgenen, des 

112 



Luftartigen und des Irdischen verbindet, in eine erha- 
bene Liebe zu verwandeln. 

So finden wir in ,, Arcane 17" den Lobgesang zu Eh- 
ren der Melusina, in dem die in ,,L'Amour fou" ver- 
herrlichte Liebe (,,0 Liebe, einzige Liebe, die es gibt, 
sinnliche Liebe, ich bete deinen giftigen, deinen todli- 
chen Schatten an, ich habe nie aufgehort, ihn anzube- 
ten*. Eines Tages wird der Mensch gelcrnt haben, dich als 
seinen einzigen Herrn anzuerkennen und dich bis in die 
geheimnisvollen Perversionen zu ehren, mit denen du 
dich umgibst") ohne sich selbst zu verneinen, vor dem 
Geheimnis der verlorenen und wiedergefundenen Frau 
weicht, die alle Widerspruche der Welt in sich vcreint: 

,,Melusina nach dem Schrei, Melusina unterhalb des 
Oberleibs — ich sehe, wie ihre Schuppen im herbstli- 
chen Himmel glanzen. Jetzt umfaftt ihre blendende 
Spirallinie in drei Windungen einen waldbedeckten 
Hugel, der sich wellenartig nach einer Partitur bewegt, 
deren samtliche Akkorde sich nach denen der bliihen- 
den Kapuzinerblume richten und auf sie zuriickschal- 
len(...) 

Melusina unterhalb des Oberleibs wird durch alle 
Spiegelungen der Sonne im herbstlichen Laub goldgelb. 
Die Schlangen ihrer Beine tanzen im Takt des Tambu- 
rins, die Fische ihrer Beine tauchen und ihre Kopfe 
kommen anderswo wieder zum Vorschein, als ob sie 
an den Worten dieses Heiligen hingen, der ihnen unter 
den Vergifsmeinnicht eine Predigt hielt, die Vogel ihrer 
Beine lichten iiber ihr das luftartige Netz. Eine wieder 
halb durch das panische Leben erfaftte Melusina, cine 
Melusina mit den unteren Befestigungen aus Gestein 
oder aus Seegewachs oder aus Nestfeder — diese Melu- 
sina rufe ich an, keine andere als sie kann meiner Mei- 
nung nach diese wilde Zeit loskaufen". 

Hier findet die monogame Tendenz der meisten Sur- 
realisten die transzendenten Prinzipien, die sie leichter 
rechtfertigen als eine Ethik, in der manchmal die Anti- 
Libertinage einen unschonen autoritaren Charakter 
einnimmt und oft zur heuchlerischen Verherrlichung 
der Treue und folglich der Eifersucht wird. Benjamin 
Perets Aufterung in der ,,Anthologie der erhabenen Lie- 
be" — ,,In der Frau den Gegenstand jeder Ehrerbie- 
tung zu begrufsen" — kommentiert Breton wie folgt: 

113 



,,Nur unter dieser Bedingung kann fur Peret die Liebe 
dazu berufen sein, sich in einem einzigen Menschen 
zu verkdrpern. Mir persdnlich scheint eine solche 
Operation nur dann vollig durchgefuhrt werden zu kon- 
nen, wenn die Ehrerbietung, die der Frau zukommt, kei- 
ne Aufteilung duldet, die fur sie gleichbedeutend mit 
einer Frustration ware." 

Es wird eines Tages notwendig sein, das Fragwiirdige 
an solchen Bedingungen im Lichte des Begriffes des 
Opfers zu erhellen — des Grundpfeilers jeder Religion 
und insbesondere der christlichen Religion — , den Bre- 
ton nicht nur niemals angegriffen hat, zu dem er viel- 
mehr gelegentlich aus freien Stiicken greift. 



114 



2. EIN ANTICHRISTLICHER OKUMENISMUS 

Denjenigen, die sich mit dem Gedanken einer Sakra- 
lisierung der surrealistischen Werte bei dem Versuch der 
mythischen Einheit beschaftigen, hat sich zwangslau- 
fig sehr schnell eine Frage gestellt, und zwar. wie kann 
man die Begriffe selbst des Heiligen und des Mythos 
von den Religionssystemen befreien? Es ist wohl schwer, 
hier die Grenze zu bestimmen und vielleicht liegt objek- 
tiv wenig daran, ob man sich eher auf die keltischen Hel- 
den und die Tugenden der Sagen bezieht alsauf Christus. 

Wie dem auch sei, entgeht der sonst der Gefalligkeit 
gegeniiber dem Christentum wenig verdachtige Surrea- 
lismus, indem er das Diesseits gegen das Jenseits wahlt, 
nicht dem Vorwurf, den er sich selbst machen sollte, 
zugunsten des Nebels der Transzendenz zumindest die 
Hoffnung darauf preiszugeben, untrennbar das Leben 
zu andern und die Welt zu verandern — eine Hoffnung, 
die er ununterbrochen vertreten hatte, auch wenn seine 
ideologische Natur ihm ihre wirkliche Praxis unmoglich 
machte. In einer Perspektive, die so stark mit der Aus- 
klammerung der sozio-okonomischen Bedingungen ver- 
bunden war, verlor die Opposition gegen die Religion 
die Kraft, die sie noch in „Le Surrealisme au service de 
la revolution" oder bei Peret besaft, und sie hatte jetzt 
das zweideutige Aussehen eines antireligiosen Okume- 
nismus. 

Im Dezember 1945 verkiindete Artaud in seinem 
„Anhang zu den Brief en aus Rodez" feierlich: „Nun 
also habe ich, Artaud, mit Gott nichts zu tun und ich 
dulde es nicht, daft man auf meinen Wirbelknochen oder 
mein Gehirn eine Religion griindet." Das hinderte einige 
gute Seelen nicht daran, das Gerucht einer Bekehrung 
Artauds in Umlauf zu setzen. Gegen dieses Verfahren, 
deren Vorbild Claudel mit seinen Bemuhungen gegeben 
hatte, Rimbaud zu annektieren und das mit der glei- 
chen Unverschamtheit mit de Sade oder Nietzsche wie- 
derholt wurde, emport sich 1948 das Flugblatt „Zuriick 
in eure Hundehutte, ihr Gottesklaffer!" Was soil man 
aber dazu sagen, als kurz danach Breton und seine 
Freunde die deudich auf Rekuperation hinarbeitenden 
Thesen des Christen Michel Carrouges gutheiften, mit 
dem sie erst nach innerem Zwiespalt brechen werden. 

115 



Man findet dieselbe Unsicherheit gegeniiber zwei we- 
sentlich entheiligenden Haltungen wieder — dem Spie- 
lerischen und dem schwarzen Humor. Je weiter der 
Surrealismus sich entwickelt, desto wiirdevoller und ge- 
wichtiger wird er. Oft leitet zwar der Geist des Spieles 
die Schopfung von Kunstwerken, man hiitet sich aber 
davor, ihn mit aller Konsequenz dazu zu treiben, diese 
oder ihren Wert zu zerstoren, indem man die Spielregeln 
verandert. Gleichfalls wird der schwarze Humor, der im 
wesentlichen zersetzend und verncinend ist, wenn er 
die Verhaltensweise von Menschen wie Arthur Cravan, 
Jacques Vache oder Jacques Rigaut beseelt, zur bloften, 
dem Werk integrierten kritischen Komponente. Wie 
negativ und kritisch sie auch sein mag, sie trifft die 
Kunst selbst. Obendrein laftt Breton in der ,,Anthologie 
des schwarzen Humors" vermuten, daft es so etwas wie 
eine ,, Kunst" des schwarzen Humors gibt. Verstehen wir 
uns recht, die Texte, die in diesem Buch versammelt 
und dadurch jedem zur Verfugung stehen, enthalten ei- 
ne Menge Sprengkraft — und die Vichy-Regierung hat 
sich dariiber nicht getauscht und die Veroffentlichung 
des Buches verboten — , es heiftt aber die Gebrauchsan- 
weisung des schwarzen Humors verheimlichen, wenn 
man aus ihm eine geistige Kategorie und nicht den 
Schaum einer Wut macht, die sich seit Jahrhunderten 
gegen jede Unterdruckung angestaut hat und die endlich 
befreit werden muft, wenn man nicht zusehen miissen 
will, wie jeder Konformismus das Ungewohnliche und 
das zerstorende Lachen fur sich in Anspruch nimmt. 

In der Mystik wird das Spiel zum Ritus, wahrend 
der schwarze Humor diesen teuflischen Gesichtern ah- 
nelt, die die Kirche geschickterweise in ihren Bauwerken 
gleich am Stiitzstein bewahrte, der die Saule mit dem 
Gewolbe verbindet. 

Heiftt das, dais der Surrealismus nach dem Krieg als 
ein rein spekukatives Gebaude erscheint? Ja und nein. 
Je mehr Breton und Peret der Bewegung das Aussehen 
einer in die Gegenwart verirrten mythischen Konstruk- 
tion verleihen, desto mehr tragen sie auf paradoxe Art 
dazu bei, einen bestimmten Lebenssinn zu nahren, 
den die revolutionareri Ausbriiche seit 1968 unaufhor- 
lich wiederentdecken. So tritt das zur Entstehungszeit 

116 



des Surrealismus hereinbrechende Leben wieder in den 
Vordergrund, nachdem es das Eindringen des Surrealis- 
mus in das kulturelle Oberleben zugelassen hatte — un- 
ter der doppelten Begiinstigung des beschleunigten Ab- 
sterbens der getrennten Kultur und des Zusammen- 
sturzes des surrealistischen mythischen Systems. Denn 
Peret und Breton waren nicht mehr da, die es geschafft 
hatten, dem Surrealismus einen Schein von Leben, den 
Schleier des Wirklichen zu verleihen durch die Authen- 
tizitat ihres personlichen Abenteuers und ihren Willen, 
es dort in einer Art Kraftzentrum der Winde und fur alle 
Ewigkeit festzumachen. 

Wenn man sich die Miihe macht, diese Lebenslinie 
durch ihre kunstlerischen und literarischen Umkehrun- 
gen zu verfolgen, so stellt sich heraus, daft sie mit all den 
Experimenten beladen ist, deren mehr oder weniger le- 
bendige Spur die Menschheit in ihren verschiedenen 
Kulturen hinterlassen hat. Alles sieht so aus, als ob der 
Surrealismus am Vorabend von Erschiitterungen, in de- 
nen der Wille zum Leben dazu ansetzt, aus der toten 
Kultur ein Freudenfeuer zu entfachen, hatte an all das 
erinnern wollen, was in der vergangenen Kultur wiirdig 
ist, in neuen Existenzformen verwirklicht zu werden. 
Sein Versuch einer Synthese, der zur Versuchung anregt, 
keine der fesselnden — geistigen und sittlichen — Son- 
derbarkeiten zu ignorieren. wird zu den bedeutendsten 
Hinterlassenschaften dieses Jahrhunderts gezahlt wer- 
den. 

Wenn es stimmt, daft der Ertrinkende in einigen Sekun- 
den den ganzen Ablauf seines Lebens noch einmal sieht, 
so ist der Surrealismus der letzte Traum der untergehen- 
den Kultur gewesen. 

Unter den Reichtumern, die uns im Uberflusse zur 
Obhut hinterlassen worden sind, macht sich Lotus de 
Paini mit seinem Beitrag dadurch verdient, daft er am 
weitesten auf die vergangene Zeit zuriickgreift. Durch 
seine halb intuitiven und halb iiberlegten Analysen ver- 
sucht er, das zu prazisieren, was das ,,Fuhlen" — als die 
Einheit des Denkens, des Empfindens, des Gefuhls und 
der Aktion — des Primitiven gewesen sein soil, dessen 
Wandmalereien schon eine Auflosungsform sind. Nicht 
zufallig treibt er seine Forschungen iiber ,,die Kenntnis 
der Seele aus den Tiefen" zu einer Zeit, in der die Not- 

117 



wendigkeit eines neuen „Fuhlens", eines multidimen- 
sionalen und cinheitlichen Lebens skizzenhaft zum 
Ausdruck kommt. Als eine seltsame Personlichkeit 
scheint Lotus de Paini, der nie ein Mitglied der surrea- 
listischen Bewegung war, vom Surrealismus aber ent- 
deckt und erkannt wurde, die Pfade des Imaginaren zu 
verlassen, um der Revolution die poetische Totalitat der 
alten Welt anzubieten. 



118 



VI. KAPITEL 
JETZT 

Der Surrealismus ist uber all in seinen rekuperierten 
Formen zu findcn: Ware, Kunstwerk, Werbung, Sprache 
der Macht, Modelle fur entfremdende Bilder, religiose 
Gegenstande, Kultrequisiten. Es war weniger von Be- 
deutung, auf seine verschiedenen Rekuperationsformen 
hinzuweisen — wie unvereinbar mit seinem Geist auch 
einige von ihnen erscheinen mogen — als vielmehr zu 
zeigen, daft der Surrealismus sie schon von Ausgang an 
in sich barg, so wie der Bolschewismus die „Fatalitat" 
des stalinistischen Staates in sich barg. Sein ideologi- 
sches Wesen ist sein urspriinglicher Fluch gewesen, den 
er unaufhorlich beschworen wollte, bis er ihn schlieftlich 
auf der privaten und geheimnisvollen Buhne des aus den 
Tiefen der Geschichte wiedererweckten Mythos erneut 
auffiihrte. 

Der Surrealismus besaft die Klarheit uber seine Lei- 
denschaften, nie aber brachte er es bis zur Leidenschaft 
der Klarheit. Zwischen den kunstlichen Paradiesen des 
Kapitalismus und den sozialistischen Paradiesen hat er 
eine Raum-Zeit der unbequemen Abkapselung und der 
abgestumpften Aggressivitat erzeugt, die durch das beide 
Teile der alten Welt vereinigende System der Ware und 
des Spektakels abgefressen worden ist; so daft es uns 
heute moglich ist, im Surrealismus, sowie in alien Kul- 
turen, das radioaktive Fragment der Radikalitat zu er- 
fassen. 

1968 hat die Bewegung der Besetzungen mit Recht 
an diese damalige Gewalt erinnert. Das ging vom ana- 
chronischen Geschwatz der surrealistischen Zeitschrift 
„L'Archibras", die es im Juni 1968 fur rich tig hielt zu 
schreiben: 

,,Schanden wir weiter alle Kriegerdenkmaler, um aus 
ihnen Denkmaler der Undankbarkeit zu machen. (Geben 
wir zu, daft nur eine Nation von Schweinen auf den Ge- 
danken kommen kann, den unbekannten Soldaten zu 
ehren — hoffen wir, daft er ein deutscher Deserteur ge- 
wesen ist! — , indem sie sein Grab unter einen grotesken 
Triumphbogen stellen, das mit seinen vier gespreizten 
Beinen so aussieht, als ob es den armen Kerl bescheiften 

119 



wiirde, der an einem schneeweifsen Tag zur blauen Vo- 
gesen-Linie geschickt wurde, um sein rotes Blut zu ver- 
gieften)", bis zu folgendem Brandschiff, von einer ,,sur- 
realistischen Befreiungsgruppe" unterzeichnet, das Peret 
wiirdig ware: 

,,Verzweifelte, aus Langeweile fur den Selbstmord 
Empfangliche, hort auf, gegen Euch selbst zu handeln! 
Richtet Eure Wut gegen diejenigen, die die Verantwor- 
tung fur das Schicksal tragen, das man Euch macht! 
Steckt Kirchen, Kasernen und Polizeireviere in Brand! 
Plundert die Kaufhauser! Sprengt die Borse! Knallt die 
Justizbeamten, Bosse, Gewerkschaftsbonzen, Bullen, die 
dienstbeflissenen Chefs nieder! Racht Euch an denen, 
die sich fur ihre Ohnmacht und ihre Unterwurfigkeit an 
Euch rachen!" 

Aufserhalb des Surrealismus aber und gewissermaften 
unter denen, die sich gegen ihn abgrenzen werden, wird 
sich zweifellos der Teil unreduzierbarer Frciheit behaup- 
ten, mit dem er mit genausoviel gutem Willen wie Unge- 
schicklichkeit verknupft war. Jene haben schon damit 
bcgonnen, von Grund auf und im klaren Licht der heu- 
tigen historischen Bedingungen das Problem wiederauf- 
zunehmen, das im Kielwasser des Surrealismus abwech- 
selnd verlorenging und wiedergefunden wurde — das des 
totalen Menschen und seiner Verwirklichung im Reich 
der Freiheit. Unter dem Gesichtspunkt einer solchen 
Hoffnung war der Surrealismus wohl das, was Breton 
wiinschte: eine Minderheit von Leuten, ,,die sich mit je- 
dem neuen Programm erheben, das die grolste Emanzi- 
pation des Menschen anstrebt und sich noch nicht unter 
Beweis gestellt hat", und denen er die Gnade des ewi- 
gen Neubeginns zuteilwerden laftt: 

,,In Anbetracht des geschichtlichen Prozesses, in des- 
sen Verlauf die Wahrheit selbstverstandlich nur auf- 
taucht, um, nie erfaftt, sich ins Faustchen zu lachen, er- 
klare ich mich doch fur diese stets zu erneuernde, als 
Hebel wirkende Minderheit: mein hochster Ehrgeiz 
ware, ihnen den endlos iibertragbaren theoretischen 
Sinn zu hinterlassen." (,, Prolegomena zu eincm Dritten 
Manifest des Surrealismus oder nicht"). 



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